Ein Schüler zeigt im Klassenraum auf
Konfession, Kooperation oder Katechese

Wie sieht der Religionsunterricht der Zukunft aus?

Die Zahl der getauften Schüler nimmt immer weiter ab, es gibt Lehrermangel und die Forderungen nach Ersatzfächern werden lauter: Der Religionsunterricht in Deutschland steht vor einigen Problemen. Drei Experten erläutern, wie er in Zukunft aussehen könnte – und sind sich dabei nicht einig.

Von Christoph Brüwer |  Bonn - 12.12.2019

Mathematik, Deutsch, Religion – auf dem Stundenplan der meisten Schüler in Deutschland steht der Religionsunterricht gleichberechtigt neben anderen Fächern. Unumstritten ist er allerdings nicht. Erst kürzlich forderte die Landesschülervertretung in Rheinland-Pfalz sogar, den konfessionellen Religionsunterricht als Lehrfach komplett abzuschaffen. In einer Umfrage sprachen sich 2016 ebenfalls rund zwei Drittel der Deutschen dafür aus, das Fach durch einen gemeinsamen Werteunterricht zu ersetzen. Zwischen den anderen Unterrichtsfächern hat der Religionsunterricht allerdings eine besondere Stellung. Selbst im Grundgesetz wird er als einziges Schulfach explizit erwähnt – und geschützt (Art. 7, Abs. 3 GG).

Laut einer Statistik der Kultusminister-Konferenz der Bundesländer besuchten im Schuljahr 2017/2018 etwa 33 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Grundschule und der Sekundarstufe I den katholischen Religionsunterricht und rund 35 Prozent den evangelischen. Aus Sicht der Kirchen klingen diese Werte zwar beruhigend. Doch die Zahl der Schüler, die am Religionsunterricht teilnehmen, nimmt stetig ab. Häufig besuchen zudem ungetaufte oder andersgläubige Schüler den Religionsunterricht, die wenig oder keine Erfahrung mit dem christlichen Glauben haben.   

Wie kann Religionsunterricht diesen Herausforderungen trotzen und in der Gegenwart und Zukunft gestaltet werden? Für konservative Kirchenkreise ist die Antwort klar: Katechese, also die Einführung in die Glaubenspraxis, um der Säkularisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Dieses Anliegen ist allerdings ausdrücklich kein Bestandteil des Religionsunterrichts. Das legten die Bischöfe bereits bei der Würzburger Synode (1971-1975) fest. "Man kann bewerten, was Schülerinnen und Schüler gelernt haben, wie differenziert sie argumentieren und wie sehr sie sich mit den Themen auseinandergesetzt haben. Aber die Frage, ob und wie sehr sie glauben, entzieht sich jeder Bewertung", sagt auch Susanne Orth, Leiterin der Hauptabteilung Bildung im Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg.

Kooperationen mit anderen Religionen – oder nicht?

Sie ist sich mit vielen Religionspädagogen einig, dass es in Zukunft mehr Kooperationen braucht. An diesem Punkt setzen bereits Modelle des konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts der evangelischen und katholischen Kirche an. Die Deutsche Bischofskonferenz gab 2016 eine Empfehlung dazu heraus. Katholische und evangelische Religionslehrer planen dabei gemeinsam den Unterricht und unterrichten anschließend abwechselnd in den konfessionell-gemischten Klassen. Beispiele für dieses Modell gibt es bereits in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder in Baden-Württemberg. In der Erzdiözese Freiburg finde rund sieben Prozent des Religionsunterrichts in konfessionell-kooperativer Form statt, sagt Orth. Vor allem in Grundschulen würden katholische und evangelische Religionslehrer bereits in dieser Form zusammenarbeiten.

Diese Art der Zusammenarbeit sei aber nicht überall möglich, so Orth weiter. Es brauche etwa gleich viele evangelische und katholische Schüler, um auf Augenhöhe kooperieren zu können. Wenn in einer Region nur wenige katholische Schüler vorkämen, könnten diese auch am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen. Der entsprechende Religionslehrer würde in diesem Fall Rücksicht auf die unterschiedlichen Konfessionen nehmen und im Unterricht darauf eingehen, sagt sie. Auch Formen authentischer Begegnung mit anderen Religionsgemeinschaften seien sinnvoll, beispielsweise der Besuch einer Moschee oder Synagoge. Dauerhafte Formen der Kooperation oder einen gemeinsam gestalteten Unterricht kann Orth sich in diesen Fällen aber nicht vorstellen. Hier seien die Gemeinsamkeiten geringer ausgeprägt als unter den christlichen Konfessionen.

Drei Experten für den Religionsunterricht fordern Kooperationen, um den Religionsunterricht zukunftsfähig zu machen.

Es braucht Kooperationen, um den Religionsunterricht zukunftsfähig zu machen – da sind die drei Experten sich einig (v.l.): Monika Tautz, Stefan Altmeyer und Susanne Orth.

Einen Schritt weiter gehen Monika Tautz und Stefan Altmeyer, Religionspädagogen an den Universitäten Köln und Mainz. Die nächste Stufe auf dem Weg zu einem Religionsunterricht der Zukunft sei nicht nur ein konfessionell-kooperativer Unterricht. Vielmehr müssten auch andere Religionsgemeinschaften wie der Islam und ebenso Konfessionslose über die Fächer Ethik oder Philosophie gleichberechtigt an einer Kooperation beteiligt werden, sagen sie. "Wenn religiöse Urteilskompetenz in einer pluralen Welt gefördert werden soll, braucht es das Einüben in Diskussionsräume mit den verschiedenen Weltanschauungen. Und dazu gehören eben auch nicht-religiöse Weltanschauungen", sagt Tautz. Auch Altmeyer betont: "Solche Kooperationen nicht einzugehen, würde ja bedeuten, dass wir alle Schüler brav nach Religionen aufteilen, uns getrennt voneinander auf den Dialog vorbereiten und den dann erst anschließend umsetzen." Diesem Modell merke man seine Defizite schon an.

Dabei müsse man aber diese überkonfessionellen Kooperationen auch nicht gleich zum Regelfall für alle erklären, betont Altmeyer. Er plädiert dafür, den Religionsunterricht an den jeweiligen Kontext anzupassen und eine entsprechende Form zu finden. Wo viele Religionen präsent seien, sollten kooperative Formen selbstverständlich sein. An Schulen mit homogener Schülerschaft – wenn es also beispielsweise zum großen Teil katholische Schüler gibt –, sei der konfessionelle Religionsunterricht weiterhin passend. Außerdem brauche es Zeit, um diese Konzepte umzusetzen. Sie seien bisher noch "Zukunftsmusik", sagt Altmeyer. An fast allen Schulen fehle eine entsprechende Zahl an ausgebildeten Lehrern der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften, um wirklich auf Augenhöhe zu kooperieren.

Was ist noch das typisch Katholische?

Was ist dann noch das typisch Katholische an dieser Form des Religionsunterrichts? Tautz betont, dass der kooperative Religionsunterricht weiterhin eine Form des konfessionellen Unterrichts bleibe, der die Binnenperspektive einer Religion darstelle und eben nicht religionswissenschaftlich über eine Religion informiere. Sowohl Lehrkräfte als auch Lehrpläne würden weiterhin konfessionell bestimmt – nur eben gemeinsam. "Wenn konfessionelle Kooperation zwischen dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht in Zukunft weiter ausgebaut werden soll, dann müssen auch die Lehrpläne entsprechend aufeinander abgestimmt werden", erklärt sie. Das bedeute nicht, Themen auszulassen, die die Konfessionen und Religionen voneinander unterscheiden. In der Beschäftigung mit den Glaubensinhalten anderer könnten Schüler vielmehr auch in ihrer eigenen Religiosität reifen. "Es geht nicht darum, Fremdheit zu zementieren, sondern die Vielfalt und Pluralität darzustellen", sagt die Religionspädagogin. "Wichtig ist, dass Schüler über Jahre hinweg eine Ahnung bekommen, warum für katholische Schüler das eine wichtig ist und für evangelische das andere."

Wie lassen sich solche Kooperationsmodell dann umsetzen? Eine echte Kooperation sei immer arbeitsaufwändig, sagt Stefan Altmeyer. "In der Tat besteht die Gefahr, dass der kooperative Religionsunterricht in der Fläche zu einem heimlichen Sparmodell wird nach dem Motto: Dann brauche ich ja nur noch halb so viele Religionslehrer", so der Religionspädagoge. Auch Monika Tautz kritisiert das. An berufsbildenden Schulen hat sie bereits Religion konfessionsübergreifend im Klassenverband unterrichtet. Das sei eine Herausforderung, wenn es beispielsweise um Jenseitsvorstellungen der unterschiedlichen Religionen gehe und Schüler dann Thesen verträten, die aus der Binnenperspektive der jeweiligen Religion kritisch gesehen werden. Für einen Lehrer allein sei es dann schwierig, dies zu korrigieren.

Altmeyer fordert daher, eine konsequente Qualitätssicherung einzuführen. Wichtig seien Fortbildungen für alle Lehrer, die in diesem Modell unterrichten. Es brauche Erfahrung im Dialog und profunde Kenntnisse über die Glaubensinhalte anderer Religionen. Die Schulen sollten außerdem mit einem eigenen Konzept nachweisen, dass sie wirklich ein kooperatives Interesse verfolgen. Nur im organisatorischen Notfall, wenn der Religionsunterricht sonst ausfallen müsste, sollte es dazu kommen, dass konfessionelle Religionsunterrichte zusammengefasst werden. Insgesamt sei er aber optimistisch: "Wo der Religionsunterricht zeigt, dass er ein wirklicher starker Beitrag zur schulischen Bildung und unverzichtbar für das Schulleben ist, da wird er sich auch nicht aufs Abstellgleis drängen lassen", sagt der Mainzer Religionspädagoge. "So nehmen hoffentlich auch bald wieder mehr Abiturienten wahr, dass Religion ein echtes Zukunftsfach ist."

Von Christoph Brüwer