Bildliche Darstellungen des Leidens Jesu

Lebendiges Evangelium: Passionsspiele und Fastenkrippen

Aktualisiert am 22.03.2020  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die biblischen Berichte von Leiden und Auferstehung Jesu wollen nicht abstrakt bleiben: Sie haben eine Botschaft für das Leben der Menschen zu verkünden. Diese Botschaft unterstreichen Darstellungen der Passion Christi: von Filmen über Theateraufführungen bis zu Passionskrippen.

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Das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu gehören zum Kern des christlichen Glaubens. Gleichzeitig aber ist das Geschehen beinahe unglaublich und unvorstellbar. Seit zweitausend Jahren suchen deshalb Menschen nach Möglichkeiten, ihren Glauben an Tod und Auferstehung Jesu darzustellen. Dieses Bedürfnis kann ganz unterschiedliche Ausdrucksformen annehmen: von barocken Fresken bis hin zum Spielfilm "Die Passion Christi", für die Regisseur Mel Gibson teilweise stark kritisiert wird.

Dabei gab es für die schauspielerische Darstellung des Leidens Jesu schon hunderte Jahre vorher Vorbilder: Passionsspiele. In vielen Dörfern und Städten bildete sich vor Jahrhunderten die Tradition heraus, das Leiden und Sterben Jesu spielerisch darzustellen. So etwa auch im oberbayerischen Bergdorf Oberammergau: Lange Zeit waren die Bewohner des Dorfes von der Pest verschont geblieben. Irgendwann aber wurde die Pest auch bei ihnen eingeschleppt. Die Oberammergauer versprachen 1633, alle zehn Jahre ein Spiel über die Passion Jesu aufzuführen, wenn sie nur von der Pest verschont würden. Seit diesem Gelübde, so die Legende, sei in Oberammergau niemand mehr an der Pest gestorben.

Wieder über Jesus nachdenken

In diesem Jahr wäre es wieder so weit: Das Passionsspiel sollte aufgeführt werden, wurde aber wegen der Corona-Krise um zwei Jahre verschoben. "Die Situation zwingt uns dazu, zu pausieren. Es liegt nicht in unserer Hand. Wir würden zu viele Menschen gefährden", sagt Spielleiter Christian Stückl zur Absage. Auch die Schauspieler treffe das. Viele haben für den bevorstehenden Sommer unbezahlten Urlaub genommen oder ihr Studium unterbrochen. Denn das Dorf in den Ammergauer Alpen bereitet sich über Jahre auf das Großevent vor. In 109 Aufführungen spielen die Oberammergauer das Leiden und Sterben Jesu, dazu werden knapp eine halbe Million Besucher erwartet. Die kommen aus aller Welt, um die berühmte Aufführung zu sehen. Frederik Mayet spielte 2000 den Apostel Johannes, 2010 besetzte er als Jesus die Hauptrolle – so auch wieder bei der kommenden Aufführung. "Für mich ist das Passionsspiel eine Faszination. Man beschäftigt sich mit Jesus und was er wollte", sagt Mayet. Viele Schauspieler, aber auch ein großer Teil der Besucher kämen durch das Passionsspiel wieder ins Nachdenken über die Bedeutung Jesu und ihren Glauben.

"Man muss die Geschichte so erzählen, dass die Menschen heute es verstehen", sagt der Jesus-Darsteller weiter. Die Schauspieler beginnen mit dem Einzug in Jerusalem und stellen die Geschehnisse der folgenden Woche bis zur Auferstehung Jesu von den Toten dar. Unterbrochen wird das Geschehen immer wieder von lebenden Bildern, die Szenen aus dem Alten Testament darstellen. So wird etwa vor dem letzten Abendmahl Jesu der Auszug der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten dargestellt. Dadurch deuten die Veranstalter des Passionsspiels das Leiden Jesu auch theologisch.

Bild: ©KNA (Archivbild)

Passionsspiele entstanden oft im Mittelalter. Nur an wenigen Orten konnte sich die Tradition aber bis heute halten – so wie in Oberammergau.

Passionsspiele entstanden an vielen Orten im Mittelalter. Ihre Ursprünge liegen teilweise in Schauspielen, die während der Messfeier aufgeführt wurden, im Lauf der Zeit aber immer selbstständiger wurden und den Kirchenraum verließen. Gerade im 16. Jahrhundert etablierten sich viele dieser Volksspiele, die damit auch Anregungen der katholischen Gegenreformation aufgriffen, die sich um eine bildliche Darstellung des christlichen Glaubens bemühte. So entstand etwa auch der Brauch, am Fest der Himmelfahrt Christi eine Jesusfigur im Kirchenraum Richtung Decke zu ziehen und von dort an Pfingsten eine hölzerne Taube als Symbol für den Heiligen Geist herabzulassen.

Nur an wenigen Orten hat sich die Tradition der Passionsspiele erhalten – etwa in Erl in Tirol, in Thiersee bei Kufstein oder in Waal im Allgäu. Aber eben auch in Oberammergau: Dort müht man sich darum, die Tradition zu bewahren, aber auch neue Wege zu gehen. Modern sind die Inszenierungen nicht; sie versuchen das Geschehen in Jerusalem realistisch darzustellen. Und doch werden die Passionsspiele auch immer wieder reformiert. "Es gehört auch Mut dazu, Sachen weiterzuentwickeln", findet Frederik Mayet. Die Faszination für das Passionsspiel ist ungebrochen, auch weil dadurch die Geschehnisse vor zweitausend Jahren greifbar werden.

Papst Franziskus: Lebendiges Evangelium

Dieses Anliegen verfolgen auch Passions- oder Fastenkrippen: Wie die gewohnten Darstellungen zu Weihnachten zeigen sie biblische Szenen mit kleinen Figuren. Während aber die Weihnachtskrippe im Lauf der Zeit den Sprung aus Kirchen in die Wohnungen und den Alltag der Christen geschafft hat, finden sich Passionskrippen vor allem in Kirchen oder größeren Sammlungen – vereinzelt aber stellen Christen auch bei sich zu Hause eine solche Krippe auf. Auch hier geht es darum, den Glauben bildlich darzustellen. Anfang Dezember veröffentlichte Papst Franziskus sein Schreiben "Admirabile Signum", in dem er über die Weihnachtskrippe schreibt. Der Heilige Vater sagt: "Die Krippe ist in der Tat wie ein lebendiges Evangelium, das aus den Seiten der Heiligen Schrift hervortritt." Wörtlich bezieht Papst Franziskus das zwar auf die Weihnachtskrippe; für Darstellungen der Passion gilt aber nichts anderes.

Krippendarstellungen seien eine Hilfe, "sich die Szenen vorzustellen; sie wecken unsere Zuneigung und laden uns ein, uns in die Heilsgeschichte einbezogen zu fühlen und dieses Ereignis mitzuerleben". Das ist das Anliegen von Krippendarstellungen wie von Passionsspielen: Das Heilsgeschehen soll greifbar werden. Verbunden damit ist die Botschaft: Christen feiern an Ostern nicht nur ein einzigartiges historisches Geschehen, sondern etwas, das bis heute alle Menschen angeht und betrifft.

Von Benedikt Bögle