Andacht im Extremfall: Die geistige Kommunion
Eucharistie ohne Berührung

Andacht im Extremfall: Die geistige Kommunion

Hand- oder Mundkommunion – beides ist gerade kategorisch ausgeschlossen. Zum Teil bedeutet das eine Renaissance für eine alte Andachtsform, bei der die Eucharistie nicht berührt wird. Schon zu deren Entstehung kam es durch ein praktisches Problem.

Von Christoph Paul Hartmann |  München - 27.03.2020

Anbeten, nicht empfangen – das ist unter anderem gerade die Maxime in der Münchner Kapuzinerkirche St. Anton. Dort brennen zurzeit tagsüber die Kerzen am Tabernakel. Sie weisen auf die Eucharistie hin, die dort aufbewahrt wird. Gegessen wird sie allerdings nicht – jede Art von öffentlichem Gottesdienst ist wegen des Coronavirus verboten. Deshalb gibt es auch keine lauten Gebete oder eine Feier, es ist ganz still für die Menschen, die tagsüber hier vorbeikommen. Bruder Thomas Schied hat eine besondere Gebetshilfe zur "geistigen Kommunion" ausgelegt, da viele Gläubige längere Zeit keine Kommunion empfangen können. "Es gibt bei manchen Menschen eine große Sehnsucht nach der Kommunion", erzählt er, "die spüren da einen richtigen Schmerz." Deshalb hatte er die Idee, die Menschen zu einer geistigen Kommunion einzuladen.

Eigentlich ist die geistige Kommunion eine Andachtsform aus längst vergangener Zeit. Die Kommunion wird hierbei nicht gegessen, sondern die Gläubigen verleihen ihrem Verlangen danach Ausdruck.

Der Ansatz kommt aus dem Mittelalter und wurde von Thomas von Aquin entwickelt. Er reagierte damit auf die Tendenz seiner Zeit, dass immer weniger Leute in der Messe zur Kommunion gingen. Das taten sie nicht ganz freiwillig: Nach und nach waren die Hürden für den Kommunionempfang immer höher geworden, denn das Verhältnis der Kirche zur Eucharistie hatte sich verändert. Bestand in der Antike noch die Ansicht, dass die Eucharistie die Empfangenden heiligt, setzte sich im Mittelalter mehr und mehr die Auffassung durch, dass nur Geheiligte sie empfangen dürfen. 

Hohe Hürden für die Eucharistie

Zudem war die persönliche, relativ wenig Zeit in Anspruch nehmende Beichte noch nicht etabliert. Vielmehr gab es öffentlich Bußrituale, die allerdings langwierig und sozial stark reglementiert waren. Um die für den Eucharistieempfang notwenige Sündenfreiheit zu erreichen, war ein großer Aufwand notwendig – den viele Gläubige nicht regelmäßig leisten konnten.

Thomas von Aquin erfand deshalb einen Ausweg: das "Votum sacramenti". "Wer ein Sakrament nicht empfangen kann, aber einen ganz tiefen Wunsch danach empfindet, kann dessen Gnadenfrüchte trotzdem erlangen", fasst der Münsteraner Liturgiewissenschaftler Clemens Leonhard die mittelalterliche Auffassung zusammen. Wer etwa auch aufgrund von Krankheit, Verfolgung oder Nicht-Verfügbarkeit keine Messe besuchen konnte, konnte die geistige Kommunion pflegen: Dem inneren Verlangen nach der Eucharistie Ausdruck verleihen – an einem Ort seiner Wahl. Diese Form galt also als Ersatz für das Konsumieren des konsekrierten Brotes.

Ein Bischof hält die Hostie während der Wandlung zur Elevation empor.

Die Elevation wurde immer mehr zum zentralen Moment der Eucharistiefeier.

Eine weitere Traditionslinie ist die Augenkommunion. Sie entwickelte sich aus der Aufwertung der Elevation in der Messe zum zentralen Moment der Feier. Die Erwartungen der Gläubigen konzentrierten sich auf diesen Moment – was ebenfalls dazu führte, dass das Schauen des konsekrierten Brotes das Essen desselben überlagerte. Vielmehr entstand der Wunsch, den Moment der Präfation auch über den Gottesdienst hinaus zu verlängern. Der Brauch der Aussetzung des Allerheiligsten in der Monstranz entstand – und damit die Eucharistische Anbetung. Sie wird bis heute in geistlichen Gemeinschaften gepflegt, die sich gewissermaßen der Augenkommunion verschreiben, zusätzlich aber selbstverständlich auch den sakramentalem Empfang halten. 

Ein neues Verhältnis zur Eucharistie

Das hat damit zu tun, dass sich das Verhältnis der Gläubigen zur Eucharistie in den vergangenen 100 Jahren wiederum geändert hat. Papst Pius X. förderte den konkreten und gemessen am Mittelalter wesentlich häufigeren Empfang der Kommunion durch die Gläubigen. Auch die liturgische Bewegung zu dieser Zeit wollte die Gläubigen wieder häufiger zum Kommunionempfang bringen. Spätestens mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) und der Liturgiereform setzte sich die Vorstellung durch, dass die Besucher einer Messe jedes Mal mit zur Kommunion gehen sollten. Aus einer Ausnahme wurde der Normalfall. Deshalb verlor die geistige Kommunion mehr und mehr an Bedeutung im Glaubensalltag – sie war, zumindest als Notfallmaßnahme, in Ländern mit einer hohen Dichte an gewachsenen Pfarrstrukturen schlicht nicht mehr notwendig. 

Erst durch die momentane Lage erfährt die geistige Kommunion wieder eine Renaissance. "Das ist etwas für eine Notfallsituation", sagt Bruder Thomas Schied. Die Brüder in St. Anton haben eine kleine Gebetshilfe erarbeitet mit einem Gebet und einem Psalm. Doch an sich ist die Form der geistigen Kommunion frei, betont er: "Es geht darum, die Sehnsucht nach der Kommunion in der Gegenwart des Herrn wahrzunehmen." Um die geistige Kommunion könne man sich auch heute noch sowohl daheim als auch in der Kirche bemühen. Ein vollwertiger Ersatz für die sakramental empfangene Kommunion ist sie in seinen Augen nicht. Denn im Wort Kommunion stecke ja bereits die "Communio", die Gemeinschaft. Die sei bei dieser persönlichen Andachtsübung nicht gegeben. Dennoch ist sich Bruder Thomas sicher: "Wer mit Sehnsucht vor Gott tritt, dem wird er auf die ein oder andere Weise seine Nähe schenken."

Von Christoph Paul Hartmann