Tommasso Debenedetti steht in Rom vor dem Hotel Sina Bernini
Bild: © privat
Der berüchtigte Twitter-Hoaxer im Interview

Tommasso Debenedetti – "Meisterfälscher" und Papst-Serienmörder

Seit Jahren treibt Tommasso Debenedetti auf Twitter sein Unwesen: Er gibt sich als Politiker, Bischof, Künstler aus. Sein Hobby: Journalisten hinters Licht führen – und den Papst töten. Katholisch.de hat der mysteriöse Meisterfälscher seine Geheimnisse verraten. Doch kann man ihm die glauben?

Von Felix Neumann |  Rom - 02.04.2020

Benedikt XVI. stirbt regelmäßig. Jedenfalls dann, wenn man Bischöfen glaubt, die plötzlich auf Twitter auftauchen. Dahinter steckt der selbsternannte "Meisterfälscher" Tommasso Debenedetti. Seit 2010 tauchen seine Fake-Accounts auf Twitter auf, immer gehen sie gleich vor: Ein Bischof oder Politiker ist frisch auf Twitter, begrüßt seine neuen Follower, verkündet den Tod des emeritierten Papstes – und kurz darauf gibt sich der Fälscher zu erkennen und outet den Account als "Hoax", also bewusste Falschmeldung. Die Kardinäle Reinhard Marx, Rainer Maria Woelki, Karl Lehmann und Gerhard Ludwig Müller zählten schon zu seinen Opfern, jüngst traf es den neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

Mit katholisch.de leistet er sich seit Jahren ein Katz-und-Maus-Spiel: Seit die Redaktion einen Fake-Account von Kardinal Woelki aufgedeckt hat, fliegen seine Bischofs-Fakes schnell auf; katholisch.de führt eine detaillierte Liste der Fake-Accounts und hat Verfahren entwickelt, mit denen sich mutmaßliche Bischofs-Twitter-Accounts schnell dem "Meisterfälscher" zuordnen lassen.

Nach Jahren kam nun der direkte Kontakt zustande: Über den gefälschten Account von Bischof Bätzing hat Debenedetti sich bei der Redaktion gemeldet: "Meine Komplimente! Ihr macht eine großartige Arbeit gegen Fake News", schrieb der Italiener und war anschließend zu einem Interview bereit.

Frage: Herr Debenedetti, seit fast 10 Jahren legen Sie Fake-Accounts auf Twitter an. Wenn ein neuer Bischof oder Politiker auf Twitter erscheint, denken viele gleich an Sie. Macht Ihnen das Prominente-Fälschen eigentlich noch Spaß nach all den Jahren?

Debenedetti: Klar! Wenn ich einen neuen Fake-Account einrichte, merken viele Leute, dass ich wieder einmal dahinterstecke. An normalen Tagen mache ich ein, zwei neue Fake-Accounts. Das interessante daran ist, dass ziemlich viele Leute, auch Journalisten und Politiker stunden- und tagelang glauben, dass der Fake-Bischof oder Fake-Politiker echt ist! Das finde ich wirklich lustig. Manche Medien haben eigene Abteilungen für Faktenchecks, trotzdem fallen immer wieder Journalisten auf meine Fälschungen herein und machen daraus falsche Meldungen!

Ich war selbst überrascht, wie viele Leute mir das abgenommen haben.

Zitat: Tommasso Debenedetti

Frage: Wie wurden Sie eigentlich zum Fälscher?

Debenedetti: Oh, ich bin ein ganz normaler Mensch mit einem ganz normalen Leben. Ich bin Lehrer für Literatur an einer Schule in Rom. Meine Karriere als "Twitter Hoaxer" hat 2011 begonnen. Zuvor habe ich gefälschte Interviews in Zeitungen und Zeitschriften platziert, einmal sogar von Kardinal Ratzinger. Die Zeitung L'Indipendente hat es ein paar Tage vor dem Konklave 2005 veröffentlicht als "letztes Interview mit Ratzinger vor der Papstwahl". Kardinal Bergoglio habe ich auch mal "interviewt". Erst 2010, nach 90 Fake-Interviews, bin ich aufgeflogen. Der echte Philip Roth hatte ein gefälschtes Interview von mir mit ihm entdeckt.

Auch auf Nachfrage geht Debenedetti nicht darauf ein, warum er mit dem Fälschen begonnen hat – er erzählt nur, dass er schon lange bewusst fälscht. Auf seine Interview-Fälschungen will er überhaupt nicht eingehen.

Der Twitter-Account gibt vor, der Erzbischof von Straßburg zu sein.

Debenedetti ist konsequent: Immer dieselbe Masche – erst die Begrüßung, dann die Todesbotschaft, dann die Auflösung, wie hier bei einem angeblichen Twitter-Auftritt des Erzbischofs von Straßburg.

Frage: Und wie kamen Sie dann zu Twitter?

Debenedetti: 2011 wurde mir klar: Twitter ist so etwas wie eine Nachrichtenagentur, eine Quelle für viele Medien. Und dann habe ich eben mit den Fake-Accounts angefangen. Mein erster war der schwedische Autor Henning Mankell. Ich war selbst überrascht, wie viele Leute mir das abgenommen haben. Als nächstes habe ich dann ein paar Minister der spanischen Regierung angelegt, und plötzlich las ich in der internationalen Presse Zitate von ihnen, die ich auf Twitter geschrieben hatte. Und dann habe ich einfach weitergemacht.

Frage: Sie nennen sich Journalist ...

Debenedetti: Ich bin Journalist! Klar, keine Zeitung will mich jetzt noch abdrucken. Aber mit dem, was ich auf Twitter mache, leiste ich meinen Beitrag zum Journalismus.

Meine Fälschungen sollen die Zustände offenlegen.

Zitat: Tommasso Debenedetti

Frage: Indem sie selbst Fake News produzieren?

Debenedetti: Meine Fake-Accounts sagen den Journalisten: Prüft doch bitte eure Quellen, bevor ihr etwas veröffentlicht! Die Obsession mit exklusiven Meldungen, das Rennen gegen die Zeit um die erste Veröffentlichung von "Breaking News" ist katastrophal für den Journalismus, gerade in Zeiten des Internets. Meine Fälschungen sollen diese Zustände offenlegen.

Das Interview wurde auf Englisch über E-Mail geführt – und wie alles bei Debenedetti ist auch hier nicht immer offensichtlich, was wahr, was Übertreibung, und was einfach nur erfunden ist. Zumindest klingt die Sprache so wie auf Twitter: Fließendes Englisch, aber erkennbar nicht von einem Muttersprachler. Was er sagt, deckt sich mit anderen Interviews, die er gegeben hat – doch wer sein Werk kennt, könnte auch ein solches Interview glaubhaft fälschen. Es gibt Ungereimtheiten: Auf Twitter schreibt er seinen Vornamen mit zwei "m", "Tommasso", seine E-Mail-Adresse (bei einem großen amerikanischen Anbieter) lautet auf "Tomasso", mit einem "m". Was ist sein richtiger Name? Auf die Diskrepanz angesprochen, erklärt er nur oberflächlich: "Ich unterzeichne meine Hoaxes eben mit "Tommasso".

Frage: Wie entscheiden Sie, welche Prominente sie fälschen? Und warum so häufig Bischöfe?

Debenedetti: Ich lese die Nachrichten. Wenn ein Minister oder ein Bischof ernannt wird, schaue ich nach, ob er einen Twitter-Account hat. Wenn nicht, baue ich ein Fakeprofil. Bischöfe nehme ich oft aus einem ganz einfachen Grund: Die haben besonders selten Twitter-Accounts. Ich empfehle allen Bischöfen, sich einen verifizierten Twitter-Account zuzulegen, das ist die beste Vorsorge gegen Fake News über sie.

Ich kann es selber kaum glauben, wie oft ich schon seinen Tod verkündet habe.

Zitat: Tommasso Debenedetti

Frage: Sie lassen ständig Benedikt XVI. sterben. Mögen Sie ihn nicht?

Debenedetti: Ich halte Benedikt XVI. für einen der größten Päpste des letzten Jahrhunderts, einen großen Theologen! Ich lasse ihn nur immer sterben, weil nach seinem Rücktritt und Rückzug aus dem öffentlichen Leben immer wieder über seine Gesundheit spekuliert wird. Ich kann es selber kaum glauben, wie oft ich schon seinen Tod verkündet habe. 2012, 2014, 2016, damals mit einem gefälschten Kardinal Marx, 2018 und jetzt gerade wieder mit Kardinal Omella, dem neuen Vorsitzenden der Spanischen Bischofskonferenz. Und jedes Mal glauben mir ein paar Journalisten, dass das echte Nachrichten seien! Unglaublich!

Frage: In Deutschland haben Sie aber nicht besonders viel Erfolg mit der Masche. Woran liegt das?

Debenedetti: Ja, in Deutschland scheint es ziemlich schwer zu sein, Fake News zu verbreiten. Eure Medien sind wahrscheinlich diejenigen, die ich am schwersten mit meinen Fake-Accounts hinters Licht führen kann. Das spricht für die deutschen Journalisten. Immerhin habe ich die New York Times, die Washington Post, USA Today, Le Figaro, die Nachrichtenagentur AP, den Guardian, die ganzen russischen Medien im Laufe der Zeit täuschen können. In anderen Ländern fallen immer noch viele Medien auf meine Fälschungen herein. Leider ist die Situation da heute ganz genauso wie am Anfang meiner Fälscherkarriere.

Das Interview ist zu Ende. Nachfragen beantwortet Debenedetti ausweichend. Ob er ein Bild zur Verfügung stellen kann? Er will lieber unerkannt bleiben. Wir dürfen aber das verwenden, das online zu finden ist. Auf diesem einen Bild, das ihn angeblich zeigt, sieht er ein wenig aus wie Roberto Benigni. Er posiert auf der Piazza Barberini in Rom, im weißen Hemd, die Arme verschränkt, den Blick visionär nach oben gerichtet. Ist er es wirklich?

Von Felix Neumann

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