Fabrikangestellter
Bundessprecher Christian Bindl im Interview

Betriebsseelsorger: So wollen wir in der Corona-Krise helfen

Wie kann die Kirche Menschen zur Seite stehen, die wegen der Corona-Pandemie um ihre Existenz bangen? Im Interview spricht Christian Bindl, Sprecher der Bundeskommission, über die Herausforderungen für Betriebsseelsorger in der aktuellen Lage – und über mögliche Nachwirkungen der Krise.

Von Matthias Altmann |  Bonn/München - 17.04.2020

Arbeitnehmer, die sich wegen der Corona-Krise um ihre Existenz sorgen, können sich auch an die Kirche wenden: Bei den Betriebsseelsorgern in den jeweiligen (Erz-)Bistümern finden sie neben einem offenen Ohr auch manche Hilfsangebote. Christian Bindl leitet die Münchner Diözesanstelle für Betriebseelsorge und ist Sprecher der Bundeskomission. Er erläutert, wie sich seine Kollegen und er für die speziellen Herausforderungen wappnen. Gleichzeitig hofft er, dass sich durch die Krise manches in der Arbeitswelt zum Positiven verändern wird – trotz des zu befürchtenden wirtschaftlichen Schadens.

Frage: Herr Bindl, die Corona-Krise trifft auch die Wirtschaft hart. Viele Unternehmen kämpfen mit den bereits eingetretenen Folgen, viele Angestellte haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Fragen bei Ihnen monentan mehr Leute an als sonst?

Bindl: Das ist sehr unterschiedlich. Hier in München ist es schon spürbar. Wir merken, dass eine Angst um den Arbeitsplatz vorhanden ist. In vielen Firmen gibt es Kurzarbeit. In allen Branchen ist die Angst natürlich groß – nicht nur vor dem Jobverlust, sondern auch vor der Pandemie selbst.

Frage: Gipfeln diese Sorgen auch in regelrechte Existenzängste?

Bindl: Auch die gibt es natürlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass noch niemand weiß, wann die Krise vorbei ist oder wie es danach weitergehen wird. Für viele ist das schwer zu ertragen. Ich habe allerdings auch den Eindruck, dass es im Moment eine große Welle der Solidarität in den Betrieben gibt. Auch in Bezug auf die Maßnahmen, die bislang von der Politik getroffen worden sind, stelle ich einen breiten Konsens fest. Trotz aller Ängste und Sorgen rückt man enger zusammen. Meine Befürchtung ist aber, dass das Schlimmste erst noch auf uns zukommen wird, da wir immer noch am Anfang der Krise stehen.

Frage: Wie wappnen sich die Betriebsseelsorger dafür?

Bindl: Je länger die Krise andauert, desto mehr werden wir als Betriebsseelsorger gefordert sein. Dementsprechend haben wir uns für die kommenden Wochen Zeit reserviert. Allerdings haben auch wir so etwas noch nie erlebt, von daher müssen auch wir uns überlegen, wie wir uns seelsorglich auf die Situation einstellen und für die Menschen da sein können. Es wird sicherlich schwierig sein, da einen Weg zu finden. Aber die Leute erwarten das von uns. Aktuell tauschen wir uns besonders mit den Gewerkschaften, den Betriebsräten aber auch untereinander über die diözesanen Grenzen hinweg aus, wie wir am besten über unsere Angebote informieren können.

Christian Bindl
Bild: © privat

Christian Bindl ist Leiter der Betriebsseelsorge im Erzbistum München und Freising und Sprecher der Bundeskommission Betriebsseelsorge.

Frage: Sind also die Betriebsräte momentan Ihre wichtigsten Mitarbeiter?

Bindl: Sie sind zwar auch ohne Corona-Krise unsere ersten Ansprechpartner, aber momentan sind sie für uns natürlich besonders wichtig. Über sie bekommen wir ja überhaupt erst Kontakt zu den Betrieben. Von unserem Selbstverständnis her wollen wir eigentlich rausgehen und "Kirche im Betrieb" sein. Aber das geht momentan leider nicht. Von den Betriebsräten ist gerade in allen Bereichen ganz viel Sensibilität verlangt. Sie müssen sich mit rechtlichen Fragen befassen, sie müssen sich darum kümmern, wie es mit dem Kurzarbeitergeld weitergeht und was der Belegschaft von Seiten der Arbeitgeber zumutbar ist. Sie sind auch bei der Gestaltung der Betriebe für die Zeit nach der Krise von entscheidender Bedeutung. Insgesamt müssen auch sie sich für die besonderen Herausforderungen der aktuellen Situation aufstellen, schließlich sind sie ja letztlich Seelsorger für die Belegschaften in den Betrieben.

Frage: Wenn sich Betroffene direkt bei Ihnen melden – was geben Sie denen mit?

Bindl: Zunächst einmal sollen die Arbeitnehmer erfahren, dass wir für Sie da und erreichbar sind. Wir können in der jetzigen Situation nur vermittelt – beispielsweise über Telefon oder E-Mail – ansprechbar sein. Das versuchen wir natürlich so gut es geht zu ermöglichen. Wer Trost oder Wege sucht, wie er durch diese schwere Zeit hindurch kommt, findet bei uns ein offenes Ohr. Zunächst ist es ja wichtig, dass es in solch schwierigen Situationen jemanden gibt, der die Sorgen und Nöte ernst nimmt und vielleicht an der einen oder anderen Stelle mit einem tröstenden Wort, einer Idee oder einer Telefonnummer, weiterhelfen kann.

Frage: Was können Sie konkret tun oder anbieten?

Bindl: In erster Linie sind wir natürlich Seelsorger. Aber wir wollen auch versuchen, Lösungen für das Problem zu suchen. Das kann zum Beispiel die Vermittlung einer Adresse sein, die in diesem speziellen Fall weiterhilft. Das könnte zum Beispiel, wenn es sich um ein juristisches Problem handelt, der Tipp sein, Mitglied bei einer Gewerkschaft zu werden oder bei der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung. Dort haben die Mitglieder bei Problemen am Arbeitsplatz oder einer anstehenden Kündigung Anspruch auf Rechtsschutz und bekommen dadurch juristische Hilfe. Es kann sein, dass es gerade in der jetzigen Krise darum geht, Trauer zu verarbeiten – dazu sind wir als Seelsorger ohnehin geschult. Genauso sind wir da, wenn jemand damit umgehen muss, dass ein Angehöriger schwer erkrankt ist. Aber auch in einer Situation der Angst um die Existenz kann ein Betriebsseelsorger weiterhelfen – selbst wenn es nur darum geht, zu zeigen, dass die Kirche Menschen in dieser bedrängenden Situation nicht allein lässt.

Frage: Für die Arbeitslosen ist die Corona-Krise auch eine große Herausforderung. Was können Sie aktuell für diese tun?

Bindl: Ich kann hier nur für die Situation in München sprechen. Bei uns gehört die Arbeitslosenseelsorge derzeit zum Fachbereich Betriebsseelsorge. Leider gilt auch hier, dass die üblichen Formate wie Treffen wegen der Ansteckungsgefahr nicht möglich sind. Wir sind aber natürlich trotzdem als weiterhin gut als Ansprechpartner erreichbar. Gleichzeitig arbeiten wir an einer Möglichkeit, wie sich Seelsorge gerade in diesem Bereich organisieren lässt, ohne gleichzeitig die Ansteckungsgefahr zu erhöhen und dabei den gesetzgeberischen Vorgaben zu entsprechen. Gerade Menschen, die in unserer Gesellschaft in Armut leben, sind in solch außergewöhnlichen Situationen natürlich wesentlich mehr bedroht. Wir ermutigen die Betroffenen deshalb, untereinander in Kontakt zu bleiben.

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Frage: Im Moment genießen besonders die Berufsgruppen hohes Ansehen, die den "Laden" am Laufen halten, aber wenig verdienen, etwa Supermarktangestellte oder Pflegebedienstete. Kann die Betriebsseelsorge einen Beitrag dazu leisten, dass sich für diese nachhaltig etwas ändert?

Bindl: Der Beitrag, den wir dazu leisten können, wird mutmaßlich eher bescheiden sein. Trotzdem kann man sich darauf verlassen, dass wir natürlich jede Gelegenheit nutzen werden, um als Teil der katholischen Kirche gerade in den Branchen einen wesentlich besseren Lohn für gute Arbeit zu fordern. Als Betriebsseelsorger tun wir dies zusammen mit der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) und den Gewerkschaften. Es wäre wirklich dringend nötig, wenn diese Forderung nach guter Arbeit in der Politik und bei den Arbeitgebern mehr Gehör fände, als dies bisher der Fall war. Derzeit klatschen die Menschen auf den Balkonen da und dort für das Pflegepersonal in den Krankenhäusern und für die Pflegebediensteten. Ich glaube schon, dass das den Menschen ein echtes Bedürfnis ist und sehe das auch durchaus positiv. Aber mit Applaus ist es eben nicht getan. Gute Arbeit braucht zwingend einen Lohn, von dem man auch gut leben kann, ohne mehrere Jobs gleichzeitig machen zu müssen – das ist ja auch eine der Grundforderungen der katholischen Soziallehre. Das gilt natürlich auch für andere Berufsgruppen wie Fernfahrer, Paketzulieferer oder Polizisten.

Frage: Die Politik hat bereits Hilfen für die Wirtschaft auf den Weg gebracht. Was halten Sie beispielsweise vom Konjunkturpaket der Bundesregierung?

Bindl: Mein Eindruck ist, dass die Politik wirklich sehr viel dafür tut, um sich den Folgen der Pandemie entgegenzustellen. Mich hat das Tempo, mit dem das alles angegangen wurde, ehrlich gesagt ziemlich erstaunt. Politisch und wirtschaftlich tut sich bereits einiges, damit der soziale Schaden so minimal wie möglich gehalten wird. Da muss zwar noch mehr kommen, aber das dürfte den Politikern selbst bewusst sein. Es schlicht nicht zu verantworten, wenn nach der Corona-Krise Hunderttausende auf der Straße stehen oder ins soziale Nichts fallen. Aber es wird trotz aller politischen Hilfen schwer werden, jeden Arbeitsplatz zu garantieren – so realistisch muss man wohl leider sein. Auch wenn ich mir natürlich sehr wünsche, dass ich mich in dieser Einschätzung komplett täusche.

Frage: Wird die Welle der Solidarität, die gerade durch die Gesellschaft schwappt, die Krise überdauern?

Bindl: Das hoffe ich. Das wird aber sicher auch davon abhängen, wie schnell die Wirtschaft aus der Krise herauskommt. Je länger sie dauert, umso eher erwarte ich ein Umdenken. Aber ich glaube schon, dass man unabhängig davon manche bisher gültigen wirtschaftlichen Mechanismen hinterfragt und neu bewertet. Ich fände es natürlich wünschenswert, wenn das auch für die Arbeitnehmer spürbar wird und die Arbeitgeber die Corona-Krise nicht dazu nutzen, um unnötig Gehälter zu drücken oder Stellen abzubauen. Aber mein vorderstes Anliegen ist es, dass so viele wie möglich diese Krise gesund überstehen.

Von Matthias Altmann

Katholische Betriebsseelsorge

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