"Es fehlt die Gemeinschaft"

Religionssoziologe rät Gemeinden zum Erhalt direkter Kontakte

Aktualisiert am 13.04.2020  –  Lesedauer: 

Leipzig ‐ Das kirchliche Leben ist zum Erliegen gekommen, als Ersatz werden nun landauf, landab Gottesdienste gestreamt. Das ist nicht der Königsweg, findet der Religionssoziologe Gert Pickel. Ihm kommt es auf etwas anderes an.

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In Zeiten strikter Kontaktbegrenzungen ist das soziale Leben auch in Kirchen und Gemeindesälen zum Erliegen gekommen. Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel empfiehlt Geistlichen, nun die Seelsorge in den Fokus zu rücken und insbesondere mit Älteren direkt in Kontakt zu treten. Dass die Kirche langfristig Schaden nimmt, glaube er angesichts der sozialen Natur des Menschen eher nicht, sagte Pickel im Interview. Auch wenn die Einschränkungen verlängert würden.

Frage: Wegen der Gottesdienst- und Kontaktverbote behelfen sich in der Corona-Krise gerade viele Kirchgemeinden mit Angeboten wie Livestreams oder Telefonandachten. Inwieweit können diese Formate das übliche gemeindliche Leben ersetzen?

Pickel: Das ist auf jeden Fall eine Brücke, mit der man versuchen kann, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Es kann aber natürlich nicht eins zu eins das ersetzen, was für Religionen und gerade auch für Kirchen zentral ist, nämlich die Gemeinschaft. Denn die ist definiert als die Zusammenkunft von Angesicht zu Angesicht.

Frage: Welche Bereiche kirchlichen Lebens sind Ihrer Einschätzung nach besonders stark von den Einschränkungen betroffen?

Pickel: Von außen am auffälligsten ist natürlich das Wegfallen der Gottesdienste - nicht wegen der absoluten Besucherzahlen, sondern von ihrer symbolischen Wirkung her. Das darf man nicht unterschätzen, welches Bild das vermittelt. Insgesamt dürften aber alle Bereiche, in denen es soziale Kontakte gibt, in ähnlichem Maß betroffen sein.

Frage: Woran denken Sie da?

Pickel: Es gibt so vielfältige Formen sozialer Gruppen um Kirchen herum, die ansonsten all das zusammenhalten, was dort passiert: Tafeln, Bibelkreise, Flüchtlingshilfe. Ja, man kann jetzt Gottesdienste aufzeichnen oder streamen, und dem einen oder anderen mag das auch reichen. Gleichwohl: Es fehlt die Gemeinschaft. Ich habe nicht die Möglichkeit, nach dem Gottesdienst zum Beispiel ins Kirchencafé zu gehen oder Bekannte zu treffen, mit denen ich mich für Flüchtlinge engagiere. Dass das jetzt wegfällt, ist, glaube ich, im Moment die am stärksten durchschlagende Kraft.

Bild: ©picture alliance/dpa

Gert Pickel ist Professor für Kirchen- und Religionssoziologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

Frage: Sachsens evangelischer Landesbischof Tobias Bilz rechnet nicht mit langfristigen Schäden für die Kirche, sollten die aktuell bis 19. April geltenden Einschränkungen im Anschluss nach und nach gelockert werden. Teilen Sie diese Einschätzung?

Pickel: Ja, das sehe ich ähnlich. Man könnte sogar vermuten, dass sich manche Menschen mit Blick auf die große Unsicherheit der Situation und auf die ja zunächst einmal unsichtbare Bedrohung durch das Virus zurückbesinnen auf den Glauben. Mit etwas Realismus betrachtet, sehe ich Gottesdienste mit größeren Personengruppen allerdings nicht so bald wieder im Gange. Das wird ein langer Prozess, bis man da wieder hinkommt. Fast noch ein bisschen schwieriger wird es mit den übrigen sozialen Kontakten, die aber eigentlich noch wichtiger sind, denn man möchte schlicht darüber reden, was gerade passiert.

Frage: Was erwartet Gemeinden also, wenn die Kontaktbeschränkungen verlängert werden?

Pickel: Das kann man nicht genau sagen, es liegen auch keine empirischen Forschungsergebnisse vor. Ein Effekt kann natürlich sein, dass sich die Bindung löst. Ich würde aber eher das Gegenteil vermuten: dass danach das Interesse steigt, wieder soziale Kontakte zu haben. Das muss jetzt nicht zwingend der Gottesdienst sein, das muss man ganz klar sagen, sondern vielleicht eher solche sozialen Kontakte, bei denen ich mit anderen reden kann über das, was ich erlebt habe. Wenn das über lange Zeit fehlt, könnte der Drang danach eher noch stärker werden.

Frage: Und wie kann es den Kirchen bis dahin gelingen, den Faden zu ihren Mitgliedern nicht abreißen zu lassen?

Pickel: Ich glaube nicht, dass Gemeinden sich jetzt darauf konzentrieren sollten, vor allem weiter Gottesdienste anzubieten. Wichtiger sind Angebote, bei denen ich direkt mit jemandem reden kann, und da sind die kirchlichen Angebote im Normalfall nicht so schlecht. Hier könnte Kirche jetzt überlegen, wie man es zum Beispiel unterstützen kann, dass sich ein Bibelkreis auch online trifft. Dafür Möglichkeiten zu schaffen - das ist jetzt die kreative Aufgabe, und das erwartet man eigentlich auch von einer Kirche.

Frage: Mit Angeboten im Internet tun sich aber gerade ältere Menschen nicht immer leicht.

Pickel: Was wir deshalb auch auf jeden Fall machen sollten, ist, die Telefonseelsorge auszubauen. Die Anfrage der Menschen wird jetzt nicht sein, unbedingt den gestreamten Gottesdienst zu sehen, sondern da, wo ich die Chance habe, mit dem Pfarrer in Kontakt zu kommen oder mit jemand anderem aus der Seelsorge. Insgesamt brauchen wir gerade für die Älteren mehr Möglichkeiten zur kommunikativen Vernetzung, so dass man sich wenigstens hört oder sieht.

Frage: Was bedeutet das für die Pfarrer?

Pickel: Die Funktion des Pfarrers als Prediger tritt jetzt in den Hintergrund, viel stärker gefragt ist seine Rolle als Seelsorger. Wenn die Pfarrer oder Pfarrerinnen es schaffen, Kontakte aufzubauen und zu pflegen, also einfach da zu sein, kann das die Bindung an die Kirche sogar wieder stärken. So dass die Leute sagen: Das ist doch was, da kann ich Kirche, da kann ich meinen Pfarrer brauchen. Hinzu kommt natürlich die Trauerarbeit. Wenn jetzt etwa verstärkt ältere Menschen sterben, wird hier sicherlich eine Anfrage entstehen. Ich glaube, man sollte sich als Kirche jetzt gut darauf vorbereiten, dass da verstärkt spezifische Nachfragen kommen werden.

Von Johannes Süßmann (epd)