Bischof Feige warnt vor kirchlichem Aktionismus in Corona-Krise
"Soll der Himmel immer noch durch Taten und Werke umgestimmt werden?"

Bischof Feige warnt vor kirchlichem Aktionismus in Corona-Krise

Im Angesicht der Corona-Pandemie sind in der Kirche zahllose Aktivitäten gestartet worden, um den Glauben trotz Kontaktbeschränkungen lebendig zu halten. Bischof Gerhard Feige warnt nun aber vor zu viel Aktionismus. Er plädiert stattdessen für etwas anderes.

Berlin/Magdeburg - 16.04.2020

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige warnt vor übertriebenem kirchlichem Aktionismus als Antwort auf die anhaltende Corona-Pandemie. "Wir wollen, weil sich uns das große Ganze entzieht und wir es nicht mehr selbstverständlich im Griff haben, wenigstens kleine Dinge doch noch irgendwie beherrschen", schreibt Feige in einem am Donnerstag erschienenen Beitrag in der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt". Statt sich "jetzt vielleicht unterbrechen und entschleunigen zu lassen – was sich zutiefst mit Religion verbindet – und auf Wesentliches zu besinnen, kann man eben auch einem Aktionismus verfallen und sich mit allem Möglichen beschäftigen, zerstreuen und verzetteln".

Manche der derzeitigen Bemühungen im kirchlichen Raum halte er für sinnvoll und hilfreich, andere dagegen erschienen ihm befremdlich, so Feige weiter. "Darf man zum Beispiel bestimmte Frömmigkeitsformen derart instrumentalisieren? Zeigt sich darin nicht ein durch das Christentum eigentlich überwundenes archaisches Gottesbild und Religionsverständnis? Soll der Himmel immer noch durch beeindruckende Taten und Werke umgestimmt werden?", fragt der Bischof in seinem Beitrag.

Wie nachhaltig verändert die Corona-Krise die Kirche?

Zum Aktionismus dieser Tage gehörten auch manche Versuche, möglichst viel von dem, was jetzt ausfallen müsse, auf den Herbst oder das nächste Jahr "umzubuchen", damit ja alles aufgeholt und fortgeführt werden könne: "Dahinter steht vermutlich die Vorstellung, dass der 'Corona-Spuk' bald vorbei sei und das Leben dann wieder so laufen würde, als wenn nichts gewesen wäre. Ist das nicht illusionär? Werden sich unsere Welt, unsere Gesellschaft und unsere Kirche durch diese Krise nicht weit mehr und nachhaltiger verändern als gedacht?"

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Feige plädiert in seinem Beitrag stattdessen dafür, intensiver darüber nachzudenken, "ob nicht vieles ganz anders angegangen werden müsste und auf manches vielleicht auch verzichtet werden könnte". Wie viel Routine und Selbstlauf gebe es doch, die nicht unbedingt weiterführten, aber enorm beschäftigungsintensiv seien. "Ist wirklich alles davon nötig oder heilsam? Sollte man die gegenwärtige Ohnmacht, statt des Versuchs, sie bestmöglich zu überbrücken, nicht erst einmal ertragen und aushalten", fragt Feige.

"Eine neue Krise, die uns ziemlich hilflos macht"

Die Corona-Pandemie bezeichnet der Magdeburger Oberhirte in seinem Beitrag als "eine neue Krise, die uns ziemlich hilflos macht". Unsichtbar für das bloße Auge sei die Auswirkung des Virus offenbar doch verheerender als vieles zuvor. Viele Menschen seien momentan gewissermaßen aus der Bahn geworfen und verunsichert, müssten sich neu orientieren und bangten um ihre Zukunft. "So etwas zu verarbeiten braucht Zeit und kennt unterschiedliche Ausdrucksformen und Trauerphasen", betont der 68-Jährige.

Feige spricht sich in seinem Text zugleich gegen "manche Ignoranz und verschiedene Verschwörungstheorien" im Zuge der Corona-Pandemie aus. Etliche Religiöse Fundamentalisten meinten derzeit genau zu wissen, dass die Pandemie eine göttliche Strafe für alle menschlichen Verfehlungen und neuzeitlichen Entwicklungen sei, "auch für alle innerkatholischen Reformbestrebungen und natürlich damit ebenso für den bei uns begonnenen Synodalen Weg". Dagegen stehe jedoch die biblische Botschaft mit der festen Überzeugung, wie sie auch das jüngste gemeinsame Wort der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche in Deutschland zum Ausdruck gebracht habe: "Krankheit ist keine Strafe Gottes – weder für Einzelne noch für ganze Gesellschaften, Nationen und Kontinente oder gar für die ganze Menschheit." (stz)