Ein Hand hält die andere
Sterbebegleiterin Renz über das Sterben und andere Grenzsituationen

Versöhnung und Vergebung – was hilft in der Corona-Krise?

Versöhnung und Vergebung fordern heraus. Sie ereignen sich besonders in Grenzsituationen, etwa im Sterben. Sind sie in Zeiten des Corona-Virus weiter möglich? Monika Renz berichtet aus ihrer Arbeit als Sterbebegleiterin über Grenzsituationen und Berufungen.

Von Monika Renz |  St. Gallen - 25.04.2020

Kaum etwas ist schwieriger – kaum etwas ist befreiender, als sich einzulassen auf Prozesse von Versöhnung und Vergebung. Versöhnung – mittelhochdeutsch "versühnen" – bedeutet: Frieden stiften. Das ist mehr als sich arrangieren mit der verfeindeten Partei. Versöhnung hat mit Reue und Sühne zu tun. Auch mit dem Annehmen einer Realität, wie sie eben war und ist. Viele Versöhnungsprozesse kommen irgendwann ins Stocken. Die Zeit ist nicht reif dafür, gegenseitiges Einvernehmen nicht möglich, Projektionen sind zu groß.

Anders Vergebung. Sie ist oft einseitig und ermöglicht den Versöhnungsprozess überhaupt erst. Sie ist jene einseitige Vor-Gabe, die den neuen Anfang schafft. Der Vergebende gibt etwas von sich preis. Er lässt es los ins Ungewisse – vielleicht sogar ins "Vergebliche" hinein. Es geht nicht nur ums Ausgleichen unbeglichener Rechnungen. Man vergibt, weil es einen von tief innen dazu drängt. Und weil man dadurch trotz Wunden selbst freier und lebendiger wird. Wer vergibt, ist nachher ein Anderer. Auch mitten in den Konfliktherden schafft Vergebung, wo sie gelingt, eine neue Offenheit und Atmosphäre, einen Leerraum, wo Neues wachsen kann.

Versöhnung und Vergebung sind nachösterliche Geschenke

So stelle ich mir vor, was vor knapp 2000 Jahren geschah: Jesus war tot, hatte seinen Feinden den Sieg überlassen, er hatte vergeben. Da blieben keine offenen Rechnungen und Altlasten zurück. Was hingegen da war: ein Leerraum für eine neue Dynamik. An Ostern, mit dem Auferstandenen, wurde diese Dynamik sichtbar, hörbar, spürbar: "Friede sei mit Euch". Versöhnung ist das Tor für einen Frieden von Gott her. Vergebung macht neu.

Zugleich verhält es sich auch umgekehrt: Der Wille zur Versöhnung und Vergebung wird für uns oft überhaupt erst vom Neuen her möglich: wenn wir eine neue Zukunft vor uns sehen. So geschehen schon bei den Jüngern und Jüngerinnen Jesu. Jetzt, als sie den Auferstandenen leibhaftig sahen und Jesu Botschaft nochmals neu verstanden, war auch in ihnen etwas neu. Eine ähnliche Gesetzmäßigkeit erkennen wir bei uns: Berührt von einem neuen Lebensabschnitt, von der Geburt eines Kindes oder der neu verheißenen Gesundheit... wird altes Leiden freigegeben und das alte Denken verlassen. Jesus wusste um diesen Zusammenhang, wenn er sein "Kehrt um" mit der Verheißung des nahen Himmelreiches verband. Eine erwachende Hoffnung, etwa die Verheißung einer besseren Zukunft, macht das zuvor Unmögliche möglich: Wunden werden, nachdem sie innerlich offen gelegt sind, verklärt. Versöhnung und Vergebung sind nachösterliche Geschenke. Sie haben zu tun mit einem umfassenden Perspektivenwechsel, mit Wandlung. Ich spreche von einem Kategorienwechsel.

Monika Renz

Die Autorin des Textes, Monika Renz, gilt als Pionierin der Spiritual-Care-Bewegung.

Die größte Veränderung geschieht im Sterben, auch wenn wir an dieses Geschehen nur begrenzt heranschauen können. Sterbende sehen und hören anders und Anderes. Sie haben oft, wie wir aus Wortbrocken und Gesten schließen können, Einblick in Geheimnisse, die uns Menschen draußen im Leben verborgen sind. Von diesem Neuen scheinen viele von ihnen wie bereits berührt zu sein. Sie sehnen sich nach Frieden und sind bereit zur Vergebung oder wünschen nichts sehnlicher als Versöhnung. Das ist mehr als ein sogenanntes Erschöpfungsverzeihen. Es ist ein Drängen aus ihrer Seelentiefe.

Im Sterben betrifft das Thema Versöhnung und Vergebung uns alle. Was ich in meiner Begleitung Sterbender am Kantonsspital St. Gallen schon lange geahnt und in Einzelfällen beobachtet hatte, erhärtete sich in einem Forschungsprojekt mit 50 sterbenden Patienten und Patientinnen. Alle 50 hatten vorerst ernsthafte Konflikte (mit sich selbst, mit Nahestehenden, mit dem Schicksal oder mit Gott) formuliert. Ein Forschungsteam (Ärzte, Pflegende, therapeutisch-spirituelle Begleiter) beobachtete, was je geschah etwa an Sehnsucht nach Frieden, an Prozessen, an eigentlichen Versöhnungsakten – oder auch, was nicht geschah. Resultat: 49 Patienten und Patientinnen kamen in Todesnähe zumindest einmal in einen wahrhaft versöhnten Zustand. 45 starben Tage danach, 22 von ihnen innerhalb weniger Minuten bis maximal 48 Stunden. Was wir an Versöhnungs- und Vergebungsprozessen oft Jahre oder ein Leben lang verdrängen, wird auf den Tod hin drängend und zentral. Vergebung und Versöhnung scheinen hier, in Todesnähe, eine eigentliche Torfunktion zu haben – hin zu einem Frieden anderer Art.

Gibt es solche umfassenden Wandlungsprozesse auch mitten im Leben? In Einzelnen, innerhalb ganzer Gemeinschaften, weltweit? Das ist Schicksalsfrage auch in unseren Tagen. Viele sind das Thema Covid-19 überdrüssig. Und doch sind wir alle betroffen, schwer Erkrankte und Sterbende am meisten. Isoliert, selbst von ihren Nächsten, liegen sie da zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Medizinisch, pflegerisch, und oft auch therapeutisch und seelsorgerisch, sind sie (zumindest hierzulande) bestens betreut.

Brauchen auch die Helfer Versöhnung oder Vergebung?

Ob auch da Versöhnung und Vergebung noch Thema sei, so wurde ich gefragt: Bisweilen ja, soweit sie überhaupt in Wachheit da sind. Als Beispiel fällt mir ein Mann ein, der im Sterben lag. Er litt zutiefst daran, dass er seiner Frau seine Versöhnung nicht mehr berichten könne. Drittpersonen, ja überhaupt das therapeutische, würdigende oder schlichtende Dritte, sind wichtig, wenn es um Versöhnung geht. Hier aber war die anwesende Therapeutin gar rettend: Sie sammelte die Wortbrocken aus dem Mund des Sterbenden und durfte diese - in seinem Namen und mit Foto von ihm - der Frau per SMS übermitteln. Die Frau war tief bewegt – er glücklich. In anderen Fällen dürfen vereinzelte Angehörige genau in diesen letzten Tagen da sein.

Und wir Helfer? Brauchen auch wir Versöhnung oder Vergebung? Wer soll da helfend einspringen, vielleicht gar sein Äußerstes geben mit Blick auf die Größe der Not? Krisen wie diese nötigen uns zu Entscheidungen, lasten als Gewissens- oder Schuldfrage auf vielen von uns. Ich kenne Ärzte, Pflegende und Therapeuten, die krank wurden in ihrem Einsatz. Für mich selbst wurde das zum zweifachen Entscheid: Vorerst wollte ich, obwohl ich Risikopatientin bin, in meiner Tätigkeit bleiben, auch zusammen mit meinem Team. Es machte mich tief glücklich. Dann, nach mehreren Patientenbegegnungen, bei denen es mich eigentlich nicht gebraucht hätte und andere Helfer das auch hätten machen können, kam ich zum Schluss: Ich bleibe im Homeoffice, noch.

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Eine Pflegende ging genau jetzt nicht in Pension, es brauche sie. Eine andere reanimierte ihren ohnmächtig zu Boden fallenden Nachbarn und brachte ihn ins Spital. Bald erfuhr sie, dass er an Covid-19 erkrankt war. Der Einsatz war, wie sie sagte: "Verantwortung". Dennoch musste sie, inzwischen ihrerseits erkrankt, "sich selbst und ihm vergeben". Fazit: Das sind Entscheidungen von tief innen. Sie können nicht verordnet werden, selbst da nicht, wo viele -wie heute im medizinischen Umfeld - ungefragt arbeiten. Es gibt die Berufung "Arzt, Ärztin, Pflegender oder Reinigungsverantwortliche zu sein" – genau im Krankenhaus für die ihnen Anvertrauten.

Vergebung auch nachher

Was aber ist dann, wenn die eigentliche Pandemiezeit vorüber sein wird? Viele Menschen bangen, ob wir aus dieser Krise als Einzelne und als Kollektiv etwas lernen werden? Ich selbst glaube, dass sich unsere Einstellung zum Leid verändern wird. Bei wie vielen? Als kollektiv spürbare Veränderung? Und wie nachhaltig? Dies wird vorerst davon abhängen, wie umfassend Menschen von der Pandemie und ihren Folgen betroffen wurden. Und auch davon, wie sehr sie als Einzelne und wie sehr wir als Kollektiv uns vom Leiden anderer berühren lassen. Wenn Menschen wirklich im Kontakt mit der Seuche oder mit einem Erkrankten sind, erhalten sie eine Ahnung davon, was Angst ist, wie körperhaft sie sich anfühlt, und wie angeworfen sie plötzlich da ist. Vor Wochen war diese Angst im Kollektiv noch spürbar. Wo wir nachvollziehen können, wie es sich anfühlt in elenden Zuständen, da verändert sich die Welt. Leidvertrautheit ist Basis für Empathie.

Noch ist jeglicher Ausgang offen. Menschen, die nachhaltig entweder an gesundheitlichen Folgeerscheinungen von Corvid-19 leiden oder anderswie viel verloren haben (einen lieben Menschen oder die materielle Erwerbsgrundlage), werden nicht in den Alltag zurückkehren können, wie wenn nichts gewesen wäre. Sie werden vielleicht Vergebung lernen… – es geht darum, dem Schicksal, einzelnen Verantwortungsträgern, sich selbst gegenüber zu vergeben, um überhaupt in die Kraft zu einem Neuanfang zu finden.

Unsere Projekterfahrungen zeigen: Versöhnung und Vergebung sind Entscheidungen – und setzen doch eine Erfahrung von Hoffnung und Gnade voraus. Menschen brauchen Hoffnungserfahrungen, etwas Wesentliches, das sie tief anrührt und den Blick über das eigene Ich hinaus öffnet. Helfend sind konkret Erfahrungen von Solidarität und Spiritualität. Menschen brauchen Menschen. Wir brauchen Signale, dass wir anderen nicht gleichgültig sind. Chance des Gebetes. Solche, aus der Tiefe kommende Solidarität mag wesentlich auslösen, dass schwerkranke oder isolierte Menschen in den Prozess selbst vertrauen können, "Gott" oder "das Göttliche" wird dann zur Erfahrung, dass es etwas gibt, was in allem doch "da ist", hält oder führt… Dass am äußersten Punkt nicht nichts ist, sondern ein Etwas, nicht Angst, sondern Vertrauen. Denn Menschen inmitten von großem Leid brauchen nicht weniger Gott, sondern mehr davon – anders. Eine Patientin sah, in ein bewusstes Atmen versenkt, ein intensives Blau und meinte: "der Blick in den Himmel könnte nicht schöner sein." Eine andere äußerte nach einer Klangreise mit Monochordmusik: "vergeben und atmen waren zwei Seiten desselben Aktes: nicht nein zu sagen, sondern Ja."

Von Monika Renz

Die Autorin

Monika Renz ist Theologin, Musik- und Psychotherapeutin. Seit 1998 leitet sie die Psychoonkologie am Kantonsspital St. Gallen in der Schweiz. Sie arbeitet und forscht in den Bereichen Sterben, Spiritualität und tiefenpsychologische Exegese. Ihr Buch "Versöhnung und Vergebung. Wie Prozesse der Befreiung im Leben und im Sterben möglich werden" ist 2019 im Herder-Verlag erschienen.