Mit Kommunisten unter Tage: Arbeiterpriester gehen einen eigenen Weg
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Die Arbeitswelt hat sich gewandelt

Mit Kommunisten unter Tage: Arbeiterpriester gehen einen eigenen Weg

Ihre Bewegung wurde sogar schon zwei Mal verboten. Dabei wollen Arbeiterpriester einfach nur nah dran sein an denen, die nicht zur bürgerlichen Welt der Kirche gehören. Über Seelsorge auf Augenhöhe – am Fließband oder unter Tage.

Von Christoph Paul Hartmann |  Berlin - 01.05.2020

Wohin gehört ein Priester? Hinter den Altar, haben die meisten Menschen über viele Jahrhunderte befunden. Der französische Dominikanerpater Jacques Loew hatte Anfang der 1940er Jahre andere Pläne: Er beschäftigte sich mit der Sozialen Frage und war der Meinung, dass die zahlreichen Arbeiter kaum kirchlich betreut wurden. Denn die Kirche seiner Zeit war sehr bürgerlich, die Belange der Arbeiter spielten in ihrem Denken keine große Rolle. Loew verabschiedete sich deshalb von seinem bisherigen gut situierten Leben und ging als normaler Arbeiter in die Docks von Marseille, um für die hart schaffenden Menschen dort da zu sein. Hier hatte er als Priester keine Sonderrolle. Er verrichtete die gleiche Arbeit wie alle anderen und begegnete ihnen auf Augenhöhe – unterstützte seine Kollegen darüber hinaus aber noch geistlich.

Das Prinzip, nach dem Loew 1941 zu leben begann, sollte später als der Typ des Arbeiterpriesters bekannt werden. Doch der Weg hin zu einer Seelsorge für diejenigen außerhalb des Kreises der regelmäßigen Kirchgänger war kurvenreich. Jacques Loew hatte nämlich kein fertiges Konzept für eine Bewegung geschrieben, er war als Einzelner aus persönlichem Antrieb zu den Menschen am unteren Ende der sozialen Hierarchie gegangen.

Virulent wurde das Thema der Arbeiterseelsorge im Zweiten Weltkrieg, als zahlreiche französische Arbeiter nach Deutschland zwangsrekrutiert wurden. Im französischen Klerus entstand die Idee, diesen Arbeitern Beistand zu leisten, indem Priester sich als Arbeiter verkleideten, um ihren Landsleuten in der Fremde beizustehen. Bei dieser eigentlich im Zusammenhang des Zweiten Weltkriegs angestoßenen Aktion entstanden zahlreiche Verbindungen, die vorher undenkbar gewesen waren: Priester sprachen mit Mitgliedern der Résistance, Kommunisten und Sozialisten. Diese Kontakte bewirkten in den Klerikern nicht zuletzt einen Bewusstseinswandel hin zur Relevanz sozialer und politischer Themen. Nach Ende des Krieges sollte dieser Kontakt deshalb aufrechterhalten werden. Das frisch geknüpfte Band zu den Arbeitern wollte man stärken. Beim Pariser Kardinal Emmanuel Suhard traf das auf offene Ohren und er gründete die Mission de Paris, die sich mit dem missionarischen Kontakt von Kirche und Welt auseinandersetzte.

Gegenwind aus der Kirche

Die Mission hatte allerdings von Anfang an mit heftigem Gegenwind aus der Kirche zu kämpfen. Das hatte zum einen mit der damaligen Einstellung zum Priesteramt zu tun. Wie das Erste Vatikanische Konzil waren auch die 1950er Jahre noch von der Einstellung geprägt, dass die Kirche zu einer säkularer werdenden Welt in größtmögliche Opposition gehen sollte. 1950 hatte Papst Pius XII. in seiner Enzyklika "Humani generis" die Kirche als "Societas perfecta" beschworen, die allein die Wahrheit hat und sich selbst genügen soll. Diesem Gedanken folgend sollten Priester die Liturgie feiern und Sakramente spenden – aber nicht in der Fabrik am Band stehen. Arbeiterpriester forderten dieses überhöhte Priesterbild heraus, da sie in erster Linie weder Gottesdienst feierten noch Sakramente spendeten, sondern den Glauben im Alltag eher beiläufig lebten und weitergaben.

Andererseits war die Nachkriegszeit von den sich verhärtenden ideologischen Fronten bestimmt; die Kirche reihte sich vielerorts in den Chor der Antikommunisten ein – insbesondere in Frankreich. Denn das Land befand sich seit 1946 im Indochinakrieg einem Kommunistischen Feind gegenüber, der gegen die Grande Nation Sieg um Sieg einfuhr. Da passten keine Priester ins Bild, die mit kommunistisch oder sozialistisch gesinnten Arbeitern paktierten und sich für deren Interessen einsetzten.

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Der Dominikaner Prof. Dr. Ulrich Engel leitet das von seinem Orden getragene philosophisch-theologische Forschungszentrum Institut M.-Dominique Chenu in Berlin.

Kurz: Das Ende der Mission de Paris war bald besiegelt. Zuerst 1954 und dann in aller Ausdrücklichkeit 1959 verbot der Vatikan das Projekt. Dabei gab es in Frankreich zu dieser Zeit gerade etwa 100 Arbeiterpriester, also ein verschwindend geringer Anteil. Doch in Rom wollte man wohl dafür sorgen, dass solche Ansätze gar nicht erst um sich griffen. "Arbeiterpriester haben die Abgrenzung zur modernen Welt überschritten und sind mit deren politischen und sozialen Ansichten in den Dialog gegangen. Deshalb waren sie für das System Kirche gefährlich", fasst es der Dominikanerpater Ulrich Engel zusammen, der das Berliner Institut Marie-Dominique Chenu leitet.

Keine Arbeit mit den Händen mehr

Der Theologe Chenu hatte sich kurz vor dem Verbot 1954 in der katholischen Zeitschrift "La vie intellectuelle" mit der priesterlichen Identität der Arbeiterpriester auseinandergesetzt. Seiner Meinung nach war die erste Aufgabe aller christlicher Verkündigung der missionarische Erstkontakt mit einer Welt, die nicht glaubt. Diesen Erstkontakt herzustellen, sei die Aufgabe des Priesters schlechthin. Chenu schrieb also ein Plädoyer für den Arbeiterpriester, der nicht wie zahlreiche seiner Amtsbrüder in erster Linie für die Menschen innerhalb der Kirche da war, sondern sich zuvorderst um diejenigen außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft kümmerte und Brücken in die Kirche baute. Der damalige Universitätsprofessor musste seine progressiven Ansichten teuer bezahlen: Er verlor seine Ämter und es wurde ein Lehrverbot verhängt.

Den Umschwung brachte das das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965). Mit der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" (1965) definierte die Kirche ihr Verhältnis zur Welt neu und sah sich nun als in der Gesellschaft agierende Organisation, gab also ihr Festungsdenken auf. In diesem neuen Weltbild hatten jetzt auch Arbeiterpriester Platz. Deren Verbot wurde 1965 offiziell aufgehoben. Von da an begann die wirkliche Hochzeit des Projekts, die Zahlen gingen stetig nach oben. Die Dominikaner gründeten sogar eine eigene Kommunität für Arbeiterpriester im Ruhrgebiet.

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Zwei Welten treffen aufeinander: Der Münchner Kardinal Julius Döpfner besucht 1966 einen Industriebetrieb.

Mit der Zeit ging das Prinzip Arbeiterpriester in die Breite. Heute nennen sie sich Arbeitergeschwister, denn es sind nicht mehr nur Priester und nicht mehr nur Katholiken. Zudem wird die Arbeiterseelsorge ökumenisch sowie von Menschen mit und ohne Weihe getragen. Allerdings ist die Zahl der Arbeiterpriester mittlerweile stark zurückgegangen und die verbliebenen sind oft in fortgeschrittenem Alter. Das hat mehrere Gründe.

Immer weniger, immer älter

Zum einen ist da natürlich die rapide gesunkene Zahl der Priester allgemein, außerdem haben einige Unternehmen aus eigenem Antrieb Betriebsseelsorger eingestellt. Diese sind zwar durch ihre Anstellung als Seelsorger anders organisiert, arbeiten aber an ähnlichen Aufgaben wie die Arbeiterpriester. Zum anderen hat sich die Arbeitswelt drastisch geändert. Der klassische Arbeiterpriester der 1980er Jahre ist mit den Kumpeln unter Tage gefahren und stand mit am Band – beide Arbeitsformen gibt es kaum mehr. Die Zechen sind alle zu und auch die Fabrik ist heute nicht mehr der zentrale Ort der Arbeit – dafür hat nicht zuletzt die Automatisierung gesorgt.

Das untere Ende der Arbeitswelt besteht heute aus vielen sehr vereinzelten kleinen Zellen des Niedriglohnsektors. Fahrer von Paket- und Lieferdiensten sowie Putzkräfte sind keine gewerkschaftlich organisierte Einheit mehr, sondern durch Scheinselbstständigkeit und Sub-Sub-Unternehmer zersplittert. Das macht es auch den Gewerkschaften schwerer, diese nicht-organisierten Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen zu erreichen. Arbeiterpriester waren früher federführend in Gewerkschaften tätig – beide Instanzen der Arbeiterfürsorge haben mit der Vereinzelung der Beschäftigten weniger Möglichkeiten, aktiv zu werden.

Dazu kommt das zum Teil mangelnde Interesse einer Kirche, die sich seit den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960er Jahre wieder fest an das Bürgertum angegliedert hat. Die Belange der Armen spielen hier eher auf abstrakter Ebene eine Rolle – wenn überhaupt. "Die Kirche hat – wie die gesamte Gesellschaft – die Probleme des Niedriglohnsektors zu wenig auf dem Schirm", so Engel. In den 1960er oder 70er Jahren seien solche Themen noch deutlicher in der öffentlichen Diskussion gewesen.

Dabei wäre das Engagement für diejenigen mit sehr kleinem Geldbeutel heute noch sehr wichtig, findet Ulrich Engel. "Kirche sollte in diesen Bereichen da sein." Er ist sich aber nicht sicher, ob das mit dem Konzept der Arbeiterpriester umsetzbar sei. Vielleicht braucht es wieder einen Einzelnen wie Jacques Loew, der aus eigenem Antrieb einfach macht – und damit womöglich eine neue Bewegung anstößt.

Von Christoph Paul Hartmann