Eine Frau empfängt die Eucharistie
Seelsorger greifen in Corona-Krise zu umstrittenen Maßnahmen

Weiterhin "würdig"? Kommunionspendung außerhalb der Messfeier

Wenn Katholiken der Besuch von Gottesdiensten untersagt ist, besteht für sie auch keine Möglichkeit zum Empfang der Eucharistie. Einige Seelsorger wollen den Gläubigen daher auf kreativen Wegen die Kommunion spenden – und müssen sich dafür mit Kritik auseinandersetzen.

Von Roland Müller |  Bonn - 25.04.2020

Es ist eine Ausnahmesituation in der fast 2.000-jährigen Geschichte der Kirche: Wegen der Corona-Krise wurde in Deutschland und vielen anderen Staaten weltweit über mehrere Wochen hinweg keine öffentliche Heilige Messe gefeiert. Zahlreiche Katholiken verspüren trotz des vielfältigen Angebots von Livestream-Gottesdiensten und Online-Gebetsgruppen den Wunsch, die Eucharistie zu empfangen. Um diesem Bedürfnis nachzukommen, sind Seelsorger und Gläubige vereinzelt kreative Wege der Kommunionspendung außerhalb der Messfeier gegangen.

So dachte sich etwa der Pfarrer der bayerischen Kleinstadt Teublitz, dass die Eucharistie zu den Menschen kommen muss, wenn sie nicht zum Empfang der Kommunion in die Kirche kommen können. Er organisierte eine Prozession mit dem Allerheiligsten durch den Ort, bei der er unter Einhaltung der Hygienevorschriften nur von einer Handvoll Messdienern und anderen liturgischen Diensten unterstützt wurde. Die Gläubigen konnten sich an den Gartenzaun ihres Grundstücks stellen und die Kommunion an diesem ungewöhnlichen Ort empfangen. Ein Schweizer Pfarrer ist auf eine andere Idee gekommen: René Hügin aus dem Umland von Basel hat seinen Gemeindemitgliedern die geweihte Hostie in einem verschlossenen Umschlag in den Briefkasten geworfen. Nach eigenen Angaben gibt es in seiner Pfarrei bis zu 100 Gläubige, die sein Angebot der "Briefkasten-Kommunion" nutzen.

"Durch die Pandemie herrscht eine allgemeine Situation der Krankheit"

Auch die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) der Ludwig-Maximilians-Universität München wollte den zu ihr gehörenden Studenten den Kommunionempfang ermöglichen. Dazu bereitete Hochschulseelsorger Holger Adler für Palmsonntag kleine Gottesdienst-Sets vor, die einige Tage zuvor in der KHG abgeholt werden konnten. Diese enthielten eine geweihte Hostie, einen Palmzweig, etwas Weihwasser und ein dazugehörendes Gebet. Jeder Student wurde nach der Absolvierung eines Online-Kurses zum Kommunionhelfer beauftragt, um den Leib Christi mit nach Hause nehmen zu können. Laut Adler sei die Aktion als Krankenkommunion möglich gewesen. Denn "durch die Pandemie herrscht eine allgemeine Situation der Krankheit, daher ist die Krankenkommunion durchaus eine Möglichkeit, Gläubige an einer Eucharistiefeier teilhaben zu lassen", findet der Jesuit.

Eine weitere kreative Form der Kommunionspendung in Corona-Zeiten hat die Pfarrei Stans im Schweizer Bistum Chur gefunden. Dort werden den Gläubigen von den Seelsorgern in der Kirche konsekrierte Hostien in kleinen Pappschachteln angeboten, die zum Empfang mit nach Hause genommen werden können. Einige Gläubige bringen die Kommunion auch ihren kranken Familienmitgliedern mit. Diese Art und Weise des Umgangs mit dem Leib Christi führte zu heftiger Kritik des zuständigen Bischofs. Der Apostolische Administrator von Chur, Bischof Peter Bürcher, untersagte daraufhin, dass "Gläubigen die Eucharistie zur Spendung an Dritte ausgehändigt wird". Ebenfalls nicht zulässig sei die "Mitnahme oder Mitgabe der Eucharistie in Couverts und anderen ungeeigneten Behältnissen". Einige Medien hatten das Angebot der Pfarrei zudem als "überkreativ" kritisiert.

Doch die Kirchengemeinde in Stans will an ihrer eigenwilligen Kommunionpraxis festhalten. Man sehe sich im Einklang mit den Richtlinien aus Chur, denn die Kommunion werde in einer würdigen Form in einem geschlossenen Gefäß übergeben. Zudem berufen sich die Verantwortlichen der Pfarrei auf Empfehlungen der Schweizer Bischofskonferenz, die besagen, dass "die Krankenkommunion durch Personen, welche nicht zur Risikogruppe gehören" zu betroffenen Gläubigen nach Hause gebracht werden kann. Des Weiteren sei diese Form der Eucharistiespendung von Peter Camenzind, dem zuständigen Nachfolger des abgesetzten Generalvikars Martin Kopp, bestätigt worden. Camenzind wies das jedoch jüngst zurück und bezeichnete vor allem die Praxis der Selbstbedienung als fragwürdig.

Angesichts dieser und ähnlicher Kontroversen um die Spendung der Kommunion in Zeiten der Aussetzung von öffentlichen Gottesdiensten ruft der Würzburger Liturgiewissenschaftler Martin Stuflesser dazu auf, zunächst einmal auf das Positive der Situation zu blicken: "Es werden sehr kreative Vorschläge gemacht, die dem Bedürfnis der Gläubigen nach dem Empfang der Eucharistie Rechnung tragen wollen", so Stuflesser. Außerdem sei zu würdigen, dass es diesen großen Wunsch nach der Kommunion gebe.

Umgang mit Eucharistie müsse weiterhin "würdig" geschehen

Auch der Einzelfall sei zu berücksichtigen. So sei etwa die KHG in München sehr verantwortungsvoll vorgegangen, sagt Stuflesser. "Dort sind alle Gläubigen namentlich bekannt und eine eventuelle Ansteckung mit Corona ließe sich einfach nachverfolgen." Trotz der ungewohnten Umstände müsse der Umgang mit der Eucharistie weiterhin "würdig" geschehen. Hostien einzeln in Pappschächtelchen zu verpacken, könne in der derzeitigen Ausnahmesituation ein solcher Weg sein. Doch gleichzeitig versteht Stuflesser, dass diese Praxis einigen Kritikern "merkwürdig anmutet".

Auch wenn in Deutschland und weltweit Gottesdienste unter der Teilnahme von einigen wenigen Gläubigen nach und nach wieder zugelassen werden, könnte die Frage nach der Kommunionspendung außerhalb der Messfeier weiterhin wichtig bleiben. Denn gerade Katholiken, die aufgrund ihres Alters oder wegen Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören, müssen sich weiterhin vor dem Coronavirus durch ein Fernbleiben vom Gottesdienst schützen.

Von Roland Müller