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Wir können den 8. Mai nicht "feiern"

Der 8. Mai kann nicht gefeiert werden, stimmt Volker Resing dem Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker zu. Eine ähnliche Haltung scheint auf den ersten Blick auch AfD-Politiker Alexander Gauland zu haben – doch es gibt einen entscheidenden Unterschied.

Von Volker Resing |  Bonn - 08.05.2020

Das Toxische an den Zitaten von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland ist, dass der Urheber sich mit Zwischentönen auskennt und diese so zu intonieren weiß, dass seine Gegner sich daran abarbeiten, sein Publikum sich aber bestätigt fühlt. Doch es führt kein Weg daran vorbei, sich mit ihm und seiner Partei immer wieder auseinanderzusetzen und ihnen gegebenenfalls deutlich zu widersprechen. 

Heute wird der 8. Mai in Berlin als Feiertag begangen. Gauland hatte sich nun dagegen gewandt und erklärt: "Der 8. Mai hat nicht das Potenzial zu einem Feiertag, weil er ein ambivalenter Tag ist." Der Satz mutet harmlos an, so oder so ähnlich hätte er vielleicht auch von dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker stammen können. Doch dann ergänzt Gauland: Für die KZ-Insassen sei er ein Tag der Befreiung gewesen. "Aber es war auch ein Tag der absoluten Niederlage, ein Tag des Verlustes von großen Teilen Deutschlands und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeiten." Das Zitat ist in seinem Subtext so bodenlos, so subversiv schrecklich, dass es einem der Atem stockt. 

Der 8. Mai ist das symbolische Datum für das Ende des Schreckens, dabei ist zunächst völlig egal, wie schrecklich die Folgen gewesen sein mögen, etwa durch Zerstörung, Vertreibung oder Militärherrschaft. Zunächst ist für die Bewertung egal, dass in der Folge der Diktator Josef Stalin mit dem gleichen Symbol seine Herrschaft zu stützen vermochte. Der "Tag der Befreiung" wurde auch in der DDR ideologisch missbraucht. Dennoch die "Befreiung" nur auf die KZ-Insassen zu reduzieren und die "Niederlage" als Verlust von "Gestaltungsmöglichkeiten" zu beschreiben, verdreht die Weltgeschichte ins absurde bis demagogische. Gauland wird so zu so etwas wie einem Wiedergänger von Generaloberst Alfred Jodl, der in Reims noch versucht hatte, eine Teilkapitulation zu verhandeln. Gerade der absolute Verlust zunächst aller "Gestaltungsmöglichkeiten" war doch der einzige Weg zu Frieden, Freiheit und Demokratie, der sich zumindest in Westdeutschland dann realisierte. 

Der 8. Mai kann nicht "gefeiert" werden, wie Richard von Weizsäcker 1985 in seiner berühmten Rede gesagt hat. Schon gar nicht könne es "Siegesfeiern" geben. Es sei vor allem ein Tag der Erinnerung, so Weizsäcker. Und der 8. Mai war und bleibt für uns gewiss der Tag der Befreiung von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, der unser heutiges Leben, wie wir es kennen, erst möglich gemacht hat.

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing ist Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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