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Standpunkt

Wenn Hirten ein schreckliches Antizeugnis geben

Laut Andreas Püttmann leidet die Glaubwürdigkeit der Kirche seit Jahrhunderten an ihrer verweigerten Rezeption von Forschungsbefunden und an moralischen Irrtümern. Die Corona-Pandemie bringe erneut manche "Sumpfblüten" hervor, kommentiert er.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 12.05.2020

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Es gibt ein Zeugnis des Glaubens – und leider auch ein Antizeugnis. Dafür muss man ihn nicht direkt bestreiten oder verfälschen. Wenn Christen falsche Propheten "an ihren Früchten" erkennen sollen, weil schlechte Früchte auf einen schlechten Baum schließen lassen, muss man "Zeugnis" weiter fassen, nicht nur als explizites Credo, und sei es auch noch so gut durchdacht und vermittelt. "Lasst uns mehr durch unser Leben predigen als mit Worten", schlug Franz von Assisi vor. Neben der Dimension tätiger Liebe kommt im Idealfall ein Drittes hinzu: Geistesgaben wie Weisheit, Erkenntnis, Unterscheidung der Geister. Sie ziehen an, schaffen Vertrauen für ein Glaubensgespräch. Wer aber in wichtigen Fragen des Lebens irrlichtert, wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert und sich zielsicher die falschen Verbündeten aussucht, der braucht heutigen Menschen mit biblischen Wundern, Auferstehung und Dreifaltigkeit gar nicht erst zu kommen. Er wird unglaubwürdig. Auch deshalb sind die Schnittstellen-Fächer der Theologie zu anderen Wissenschaften so wichtig. Wer sich in der "reinen Theologie" bewegt, tut besonders gut daran, nicht fachfremd öffentlich zu dilettieren.

Seit Jahrhunderten leidet die Glaubwürdigkeit der Kirche an ihrer verweigerten Rezeption von Forschungsbefunden, an Kungelei mit Autokraten, an moralischen Irrtümern und späten Selbstkorrekturen. Doch all dies ist nicht nur Vergangenheit. Aktuell bringt die Pandemie Sumpfblüten pseudochristlicher Idiotie hervor. Rechtsextreme Präsidenten werden von ihren frommen Wählern wie Heilsbringer gefeiert, obwohl sie Massengräber dafür in Kauf nehmen, nicht ihre Theorie der "kleinen Grippe" widerrufen zu müssen. Angesichts einer sich abzeichnenden Übersterblichkeit in mindestens sechsstelliger Höhe, nebst schwerem Leid und Dauerschäden von Millionen, ist es schrecklich für das christliche Zeugnis, dass "Hirten der katholischen Kirche", darunter drei Emeriti im Kardinalsrot, in "heiliger Pflicht" Maßnahmen zum Lebensschutz verschwörungstheoretisch zum bloßen "Vorwand" erklären, "eine verabscheuungswürdige technokratische Tyrannei aufzurichten, in der Menschen, deren Namen und Gesichter man nicht kennt, über das Schicksal der Welt entscheiden können". Wer das sein soll? Fehlanzeige.

Solch obskures Raunen ist nur durch Versektungsdynamiken in Kirchennischen erklärbar, die soziale Korrektur weitgehend ausschalten. Auch das hierarchisch-autoritative Prinzip des Katholizismus kann so unterlaufen werden – selbst durch früher eifrigste Verfechter. Sie forderten unter "ihren" Päpsten, entgleiste Theologen und Bischöfe zu maßregeln, um Schaden für das Zeugnis der Kirche abzuwenden. Nun bringen sie selbst heiße Kandidaten für ein "Bußschweigen" hervor. Verkehrte Welt. Der Diabolos ist eben doch ein großer "Durcheinander-Werfer".

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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