Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Porträt
"Eine Frechheit, wenn mich jemand als konservativ bezeichnet"

Müller zu Viganò-Aufruf: Jetzt zurückzuziehen, wäre die feige Variante

Er wehrt sich gegen Vorwürfe, dass er Verschwörungstheorien verbreite und dass er katholisch-konservativ sei: Kardinal Gerhard Ludwig Müller erklärt ausführlich, warum er den Corona-Aufruf von Erzbischof Carlo Maria Viganò unterzeichnet hat – und dass man diesem "böse mitgespielt hat".

Hamburg - 13.05.2020

Kardinal Gerhard Ludwig Müller wehrt sich gegen den Vorwurf, er verbreite Verschwörungsmythen. "Man gesteht einander einfach keinen guten Willen zu", sagte der frühere Präfekt der römischen Glaubenskongregation im Interview der "Zeit" (Donnerstag): "Ich verstehe nicht, warum man bei Vorwürfen immer gleich bis zum Äußersten gehen muss." Der Kardinal wehrt sich damit gegen die anhaltende Kritik an einem Brief von Erzbischof Carlo Maria Viganò, den er mit unterschrieben hatte. Darin wird unter anderem davor gewarnt, die Corona-Pandemie solle genutzt werden, um eine Weltregierung zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Sie werde als Vorwand genutzt, um "Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt" einzuschränken. So ernst der Kampf gegen Covid-19 sein möge, dürfe er nicht "als Vorwand zur Unterstützung unklarer Absichten supranationaler Einheiten dienen, die sehr starke politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen".

Seine Unterschrift jetzt zurückzuziehen, wäre "die feige Variante", so Müller: "In der Tat stammt keine einzige Zeile von mir. Normalerweise unterschreibe ich solche Aufrufe nicht, die notwendig allgemein gehalten sein müssen und im Detail nicht präzis sein können." Aber er habe Vigano, dem man "böse mitgespielt hat und der sehr isoliert ist", auf seine Bitte nicht schroff eine Absage erteilen wollen. "Ich möchte auch klarstellen, dass ich seine Aufforderung an Papst Franziskus, zurückzutreten, nicht gutheiße", ergänzte der Kardinal. Das Papier verstehe er als einen Appell zum Nachdenken: "Wenn alles so einfach zu widerlegen ist, warum wischen unsere klugen Anti-Verschwörungstheoretiker nicht mit drei geistreichen Sätzen das Papier vom Tisch oder versenken es in der Schublade?"

Dass die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) auf Distanz zu dem Papier gegangen sei, kommentierte Müller mit den Worten: "Die Bischofskonferenz hat sich auch von der Forderung des Papstes distanziert, die Neuevangelisierung an die Spitze der katholischen Reform zu stellen. Das belastet mich und nicht die Distanzierung vom einem Dreiseitentext." Weiter betonte der Kardinal, viele Vorsichtsmaßnahmen gegen die Pandemie seien anfangs sicher richtig gewesen, doch dürfe man damit nicht jegliches Verbot rechtfertigen: "Es steht mir doch zu, Kirchenschließungen zu kritisieren, wenn Supermärkte geöffnet sind."

Müller: Frechheit, mich als konservativ zu bezeichnen

"Ich erachte es als eine Frechheit, wenn mich jemand als konservativ bezeichnet", sagte Müller weiter. Diese politischen Kategorien passten einfach nicht auf die Kirche. "Was ich bin und wie ich denke, das kann ich ohne Nachhilfe noch selbst definieren." Erstens sei er kein Vertreter "irgendeines weltanschaulich gefärbten Katholizismus" und zweitens kein Antipode zum Papst. "Er hat selbst zu mir gesagt, ich solle mich um dieses sinnfreie Gerede nicht kümmern, das aus der Verwechselung von Politik und Theologie kommt", so Müller.

Auf die Frage, ob die Idee einer Weltregierung nicht klassisch verschwörungstheoretisch sei, antwortete Müller: "Wer die Geschichte kennt, der weiß, dass es schon oft den Griff nach der Weltherrschaft gab - durch den Faschismus wie durch den Kommunismus." Und niemand könne leugnen, dass heute mit modernsten technischen Methoden eine totale Kontrolle der Bevölkerung möglich wäre - "etwa durch Social Scoring in China". In der Demokratie seien solche Versuche vielleicht zum Scheitern verurteilt, aber "eine gewisse Wachsamkeit erfordert die Sicherung von Freiheit und Selbstbestimmung auch heute. Die Kritiker des Briefes blenden völlig aus, dass es illiberale Maßnahmen, wie sie im Brief angesprochen sind, tatsächlich gibt. Und ich kann nicht sehen, dass im sogenannten Westen oder in China die christliche Kultur allgemein gefördert wird."

Mehrere führende Kirchenvertreter aus Deutschland hatten den Viganò-Aufruf teils scharf kritisiert. "Hier von einer 'Weltverschwörung' zu reden, empfinde ich geradezu als zynisch", erklärte etwa der ernannte Bischof von Augsburg, Bertram Meier, am Dienstag. Von diesen "gefährlichen Theorien" distanziere er sich klar, schrieb Rottenburgs Bischof Gebhard Fürst am Montag auf Twitter: "Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!" Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der Magdeburger Bischof Gerhard Feige und der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sowie Essens Generalvikar Klaus Pfeffer und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, distanzierten sich von dem Aufruf. Die DBK war bereits am Wochenende auf Distanz gegangen. "Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands", sagte der Konferenz-Vorsitzende, Limburgs Bischof Georg Bätzing, am Wochenende: "Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet." (tmg/KNA)