Bischof Jung: Steuerausfälle werden dramatisch
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Bischof Jung: Steuerausfälle werden dramatisch

Mit dem vorübergehenden Verzicht auf Eucharistiefeiern und einer Haushaltssperre ist das Bistum Würzburg in der Corona-Pandemie einen Sonderweg gegangen. Bischof Franz Jung erklärt im Interview, warum jetzt über jede Ausgabe nochmal nachgedacht wird – und welche Erkenntnisse er aus der Krise zieht.

Von Renardo Schlegelmilch |  Würzburg - 29.05.2020

Seit 2018 steht Franz Jung (53) dem Bistum Würzburg vor – und hat sich während der Corona-Pandemie für besondere Maßnahmen entschieden: Einerseits wurden vorübergehend ausschließlich Wortgottesdienste gefeiert, zudem wird jede diözesane Ausgabe gerade einzeln geprüft.

Frage: Wie ist es? Wie ist bei Ihnen die Lage im Bistum?

Jung: Mir geht es eigentlich gut. Wir sind ja in Unterfranken nicht ganz so arg betroffen. In Bayern ist es anders. Das ist das Bundesland, das die meisten Infektionszahlen hatte. Wir sind langsam auf dem Weg in die Normalität. Das ist auch die Hoffnung der Menschen, das merkt man hier in der Region. Jetzt ist es schön, am Main tummeln sich die Leute. Man will eigentlich gerne wieder in die Normalität zurückkehren, kann es aber noch nicht. Jetzt gucken wir mal, die kleinen Schritte, die wir jetzt gehen.

Frage: Also hat sich alles so ein bisschen eingespielt in den letzten Wochen?

Jung: Ja ja, es ist eigentlich fast schon wieder normaler Alltag. Wir haben jetzt viele Sitzungen, die aber weitestgehend, soweit möglich, Telefon- oder Videokonferenzen sind. Das war ja eine ganz neue Erfahrung, ist auch immer etwas anstrengend, aber trotzdem oft sehr zielführend und konzentriert. Viele Einzelgespräche finden jetzt auch schon wieder statt.

Frage: Und dann jede Sitzung mit Abstand und mit Mundschutz?

Jung: Meistens machen wir es mit Abstand, also ohne Mundschutz. Das ist im direkten Gespräch immer etwas crazy, aber das hat ja so ein eigenes Ritual mittlerweile, dass man das Gegenüber fragt, ob der Mundschutz abgenommen werden darf und dann wie man sich vereinbart, wie das weitergeht. Das hat ja seine ganz eigene Form der Gesprächsführung jetzt angenommen. Das geht gut.

Frage: Das heißt aber, an den Ausnahmezustand hat man sich jetzt ein bisschen gewöhnt?

Jung: Ja, genau und man merkt natürlich auch, trotz der digitalen Medien und allen Hilfsmitteln, das direkte Gespräch ist nur schwer zu ersetzen. Von Angesicht zu Angesicht, dass man merkt was den anderen umtreibt, wie es ihm geht, wie er die Dinge zum Ausdruck bringt. Das kann man natürlich viel besser am direkten Gegenüber als nur über Medien vermitteln, so hilfreich das im Einzelfall auch immer sein mag.

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Frage: Auch das gottesdienstliche Leben befindet sich ja im Ausnahmezustand. In Würzburg gibt es seit Himmelfahrt, also seit letzter Woche auch wieder Gottesdienste mit Eucharistiefeiern. Was haben Sie in den ersten Tagen für Erfahrungen gemacht?

Jung: Ich glaube, am Anfang war es die Freude der Menschen, wieder zum Gottesdienst zu kommen. Jeder wollte mal fühlen, wie das so ist. Natürlich ist es ein seltsames Gefühl, wenn die Leute im Kirchenschiff verteilt sitzen dann auch mit Mundschutz und wenig Gesang. Also das was eigentlich einen Gottesdienst ausmacht, dieses Gemeinschaft erleben, ist so in der Weise nicht möglich. Ich habe den Eindruck, dass der ganz große Run auch ausgeblieben ist. Ich spreche jetzt derzeit auch mit vielen Pfarrern und Seelsorgern, die sagen natürlich auch: "Kleine Gemeinden kommen halt einfach an die Grenze. Sei es vom Raum her, dass viele Menschen darin Platz haben, sei es von den anderen, die dafür sorgen müssen, dass die Vorschriften eingehalten werden, dass gereinigt wird." Das ist einfach ein großer Aufwand, den unsere vielen kleinen Landgemeinden hier in Unterfranken nicht leisten können. Das wird auch eine Zeit dauern, bis das dann wirklich wieder gut geht.

Frage: Trotzdem entscheidet ja jedes Bistum ein bisschen anders, was die Regelungen angeht, oder?

Jung: Nein, in Bayern haben wir eigentlich alle die gleichen Regelungen. Die sind alle mit den bayrischen Bistümern und dem Gesundheitsministerium abgesprochen worden und das sind alles die gleichen Regeln. Also der Abstand, wenig Gesang, Verzicht auf Weihwasser usw. Das ist das gleiche Programm wie fast überall.

Frage: Wie sehen denn bei Ihnen im Bistum die Regelungen konkret aus?

Jung: Bei der Eucharistie gibt es ganz klare Vorschriften, Reinigung der Hände, vor der Spendung der Eucharistie nochmal Desinfektion, dann Abstand halten bei der Kommunionspendung, damit das gut gehen kann. Keiner soll über den Anderen steigen, die Bänke sollen so angeordnet sein, dass keiner mit dem Anderen in Berührung kommt, sondern die Abstandsregelungen sollen gewahrt und die Hygienevorschriften eingehalten werden.

Frage: Trotzdem gehen bundesweit die Bistümer ja ziemlich unterschiedliche Wege. Einige sind schneller gewesen mit den Gottesdiensten, das Bistum Magdeburg hat als letztes jetzt auch wieder öffentliche Messen zugelassen. Sie sind als Bistum Würzburg einen Sonderweg gegangen. Sie haben gesagt: "Wir kommen zwar zum Gottesdienst zusammen, wir feiern aber erstmal ohne Eucharistie." Können Sie uns erklären, wie es gerade zu diesem Weg gekommen ist?

Jung: Ja, es gab die Empfehlung des Ministeriums, 14 Tage auf Kommunionspendung zu verzichten. Dann haben wir das intern besprochen und kamen zu der Überzeugung, dass es eigentlich nicht sinnvoll ist, Eucharistie zu feiern, wenn von vorne herein die ganze Gemeinde vom Empfang der Kommunion ausgeschlossen ist. Und haben dann gesagt, dass es erstmal besser ist, öffentliche Gottesdienste mit Wortgottesfeiern, Anbetung oder Tagzeitengebeten zu beginnen und wenn die 14 Tage rum sind wieder zur normalen Regelung überzugehen, eben mit den bekannten Einschränkungen.

Frage: Wie haben die Gemeinden darauf reagiert? Da ist bestimmt erstmal Enttäuschung da.

Jung: Es gab ganz großes Verständnis dafür. Es gab natürlich auch Widerspruch, wie das heute immer ist, es gab auch die Anfrage: "Was hält der Bischof von der Eucharistie?" Ich habe gesagt: "Leute, wir wollen jetzt nicht das sakramentale Verständnis der Kirche ausspielen gegen die Regelungen, die in dieser Notsituation jetzt einmal zu treffen sind. Hier geht es um eine Güteabwägung von der Gesundheit der Gottesdienstteilnehmer und auf der anderen Seite die Sinngestalt der Liturgie. Diese Dinge müssen miteinander in Einklang gebracht werden." Viele haben ganz großes Verständnis signalisiert und sind auch jetzt nach dem Erlauben der öffentlichen Eucharistiefeiern weiterhin sehr vorsichtig das zu tun. Ich habe gesagt: "Ab Himmelfahrt, jetzt liegt es in der Verantwortung der Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort geeignete Entscheidungen zu treffen, nach den Gegebenheiten vor Ort, nach denjenigen, die das vor- und nachbereiten können. Da muss man schauen, wie das gut funktionieren kann."

Mit dem Fronleichnamsfest erinnert die Kirche an die Einsetzung des sogenannten Altarsakraments. Im Mittelpunkt steht also die Gegenwart Christi in Brot und Wein.

Frage: Himmelfahrt haben wir ja gerade hinter uns. Jetzt kommen noch Pfingsten und Fronleichnam. Wie sehen da die Planungen aus?

Jung: Pfingsten ist ganz normal Gottesdienst im Dom. Fronleichnam, da sind wir gerade im Gespräch mit den Behörden. Mein Wunsch wäre, dass wir das im Freien feiern. Jetzt sind wir dran, wie das ist mit dieser 50-Personen-Regelung für Gottesdienste im Freien. Die Frage ist, ob es möglich ist von dieser Regelung bei Gottesdiensten im Freien Abstand zu nehmen. Das ist jetzt in Bayern in die Befugnis der örtlichen Behörden gelegt worden. Das ist das hiesige Ordnungsamt. Jetzt gucken wir mal, was die entscheiden und wie das gut weitergehen kann. Aber das wäre so unser Wunsch, im Freien Fronleichnam zu feiern.

Frage: Gibt es denn schon konkrete Ideen, wie das ablaufen kann?

Jung: Ja klar. Wir würden hier auf den Platz der Residenz gehen. Da ist normalerweise auch jedes Jahr eine Station von der großen Fronleichnamsprozession, dass wir dort einfach auf diesem Platz den Gottesdienst abhalten. Natürlich sollen alle anderen Regelungen eingehalten werden, aber es wäre schön, wenn an dem Gottesdienst im Freien mehr Menschen teilnehmen könnten. Da müssen wir mal gucken wie weit wir da kommen.

Frage: Das gottesdienstliche Leben ist das Eine, es gibt aber auch noch mehr im Bistum zu regeln. Das ist ja auch ein riesiger Wirtschaftsbetrieb und viel diskutieren wir beim Thema Wirtschaft im Moment über Steuereinnahmen. Das betrifft uns als Kirche beim Thema Kirchensteuern. Da sind Sie am 12. Mai einen radikalen Schritt gegangen und haben gesagt: "Wir verhängen für das Bistum Würzburg erstmal eine Haushaltssperre." Können Sie uns erklären, was das im Einzelnen bedeutet?

Jung: Haushaltssperre bedeutet, dass jede Ausgabe jetzt nochmal einzeln geprüft werden muss und da sind wir gerade dran. Natürlich geht das laufende Geschäft weiter, aber alle besonderen Anschaffungen oder besondere Investitionen sind jetzt erstmal auf den Prüfstand zu stellen und müssen jetzt einzeln begutachtet werden. Wir brauchen einen Überblick über die finanzielle Lage. Bislang kann noch niemand wirklich sagen, was auf einen zukommt. Es soll im September ja eine neuerliche Steuerschätzung der Bundesregierung geben, dann wird man wahrscheinlich ein bisschen klarer sehen können. Bis zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall haben wir gesagt, müssen wir erstmal eine Haushaltssperre verhängen.

Frage: Das heißt also, dass es in erster Linie eher um die Ungewissheit geht als um die Dramatik der Situation?

Jung: Es kommt wohl beides zusammen. Der fehlende Überblick macht es natürlich unmöglich, jetzt gezielt Maßnahmen einzuleiten. Dass es dramatisch werden wird, das ahnt glaube ich jeder. Wir gehen schon von einem Fehlbetrag in zweistelliger Millionenhöhe aus, aber das kann man noch nicht genau beziffern.

Frage: Herr Bischof Jung, die letzte Frage und auch so ein bisschen die Kernfrage bei unserem Podcast ist immer die gleiche, aber auch eine ziemlich wichtige Frage. Was bringt Ihnen Hoffnung im Moment?

Jung: Also was mir erstmal Hoffnung gebracht hat ist die Tatsache, dass es möglich war eine solche Unterbrechung überhaupt zu haben. Man denkt ja immer, der Betrieb muss ewig weiterlaufen, da gibt es überhaupt keine Möglichkeit mal Inne zu halten. Also dass das möglich war, das hätte ich in dieser Weise nicht gedacht. Das ist für mich ein wichtiges Signal, dass es vielleicht in anderer Weise auch noch geht. Gerade auch was unseren eigenen kirchlichen Betrieb anbelangt, mal zu fragen: Was ist denn wirklich wichtig? Das Zweite, was mir Hoffnung gibt aus Gesprächen mit vielen Menschen, ist die Wiederentdeckung des Wertes der Gemeinschaft. Das merken wir jetzt ganz deutlich bei den Gottesdiensten, wie wichtig Menschen der direkte Kontakt zueinander ist und das ist sehr schön, dass auch diese Dimension einmal deutlich geworden ist. Das sagen mir viele aus der Schule oder am Arbeitsplatz, die sich nach den Kollegen sehnen.          

Die Gemeinschaft hat ihren eigenen Mehrwert, und nur mit Homeoffice ist es nicht getan. Ein Drittes ist die Aufmerksamkeit für viele Dinge, die eigentlich jeder wusste und jeder weiß oder wissen könnte, auf die aber jetzt noch einmal der Fokus gerichtet worden ist, z.B. unser Gesundheitssystem und die Frage: Was läuft da schief und was nicht? Was kann man nachbessern? Ist es getan nur mit einmaligen Bonuszahlungen oder muss noch einmal ganz grundsätzlich über dieses Feld nachgedacht werden? Und natürlich jetzt auf Pfingsten. Unsere Hoffnung ist der Heilige Geist, der uns die Ruhe bewahren lässt, der aber auch gute Unterscheidungen zu treffen weiß in diesem Geist. Indem wir den Menschen Hoffnung geben können, jetzt die nächsten Schritte gut zu tun und als Kirche gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Das ist die Freude, die uns der Heilige Geist schenkt und deswegen freue ich mich jetzt auch auf das Pfingstfest.

Von Renardo Schlegelmilch