Der Jesuitenpater Klaus Mertes ist heute Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien.
Nach Vereinbarung von Bischofskonferenz und Missbrauchsbeauftragtem

Missbrauch: Jesuit Mertes fordert unabhängige Aufklärungskommission

Zehn Jahre nach Bekanntwerden des kirchlichen Missbrauchsskandals hat der Jesuit Klaus Mertes der Kirche in Sachen Aufarbeitung ein durchwachsenes Zeugnis ausgestellt. Er plädiert deshalb nun für eine unabhängige staatliche Aufarbeitungskommission.

Berlin/Freiburg - 22.06.2020

Der Jesuit Klaus Mertes hält die bisherigen Anstrengungen der katholischen Kirche in Deutschland zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in ihren Reihen für unzureichend. Trotz vieler Bemühungen sei es der Kirche bisher nicht gelungen, eine unabhängige Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch und dessen Vertuschung so auf den Weg zu bringen, "dass sie auch von der Öffentlichkeit als unabhängig anerkannt wird", schreibt Mertes in einem am Montag vorab veröffentlichten Beitrag für die "Herder Korrespondenz" (Juli-Ausgabe). Dieser Eindruck bleibe auch nach der Ende April getroffenen Vereinbarung zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung bestehen, solange die Zusammensetzung der darin beschlossenen diözesanen Aufarbeitungskommissionen in letzter Verantwortung durch die Bischöfe selbst erfolge. "Zu erwarten ist eher, dass die Enttäuschungen und Verletzungen nun für die nächsten zehn Jahre fortwirken werden", so Mertes wörtlich.

Der Jesuit, der 2010 als Leiter des Berliner Canisius-Kollegs maßgeblich zur Aufdeckung des kirchlichen Missbrauchsskandals beigetragen hatte, spricht sich als Konsequenz in seinem Beitrag für die Einrichtung einer unabhängigen staatlichen Kommission zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen aus. Dafür müssten die Bischöfe und die Ordensoberen "Macht und Kontrolle komplett an eine wirklich unabhängige Kommission abgeben". Der Kommission sollten, so schlägt Mertes vor, in der Öffentlichkeit anerkannte Persönlichkeiten und führende Experten angehören. "Sie müsste mandatiert werden, das Missbrauchsgeschehen in der katholischen Kirche zu untersuchen, interne Aufarbeitungsprozesse zu begleiten und auch ein Verfahren für Täter-Opfer-Ausgleiche bereitzustellen", scheibt der Jesuit, der zudem dafür plädiert, auch Missbrauchsfälle in anderen Institutionen wie Schulen und Sportverbänden von der Kommission untersuchen zu lassen.

Mertes: Sonderrolle der Kirche schadet Anliegen der Aufarbeitung

In seinem Beitrag kritisiert Mertes weiter, dass zehn Jahre nach Aufdeckung des kirchlichen Missbrauchsskandals weder bei den Betroffenen noch in der Öffentlichkeit und in der Kirche Einigkeit darüber herrsche, ob und wie die Bemühungen um Aufarbeitung überhaupt einzuschätzen seien. Die Äußerungen reichten von "es ist nichts geschehen" bis "es muss endlich Schluss sein". "Das ist ein Schaden, der nicht nur auf die Kirche zurückfällt, sondern auf das Anliegen der Aufarbeitung selbst", schreibt der Jesuit. Das jahrelange Pingpongspiel zwischen der Bischofskonferenz und dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung mindere zusätzlich das Ansehen dessen, was tatsächlich schon auf den Weg gebracht worden sei. "Gleichzeitig ist der katholischen Kirche so eine Sonderrolle bei dem Thema Missbrauch zugewachsen: einerseits eine Stellvertreterrolle, hinter der sich andere, auch die Politik, verstecken; andererseits eine Vorreiterrolle, die dann wieder institutionsnarzisstisch ausgenutzt wird, nach dem Motto: 'Die katholische Kirche schreitet voran'", beklagt Mertes. Gerade auch nach den jüngsten Ereignissen in Münster zeige sich, dass eine auf die Kirche isolierte Aufarbeitung dem gesamten Anliegen schade.

Als erste Institution in Deutschland hatte die katholische Kirche Ende April mit dem bei der Bundesregierung angesiedelten Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, eine Vereinbarung zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch abgeschlossen. Demnach soll es in allen 27 Bistümern künftig vom jeweiligen Ortsbischof eingesetzte Kommission zur Aufarbeitung geben. Darin sollen Vertreter des Bistums, Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz und öffentlicher Verwaltung sowie Betroffene sitzen. Die Kommissionen sollen sich auch mit jenen Fällen befassen, die wegen Verjährung oder Tod nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können. Neben einer quantitativen Erhebung von Fällen soll es auch darum gehen, wie die Verantwortlichen in den Diözesen mit Tätern und Betroffenen umgegangen sind. (stz)