Schachfigur
Standpunkt

Bei jedem einzelnen Austritt nach dem Grund fragen

Die hohen Austrittszahlen aus der katholischen Kirche schockieren. Birgit Aschmann will mehr über die Gründe wissen. Und sie fordert, dass die Wand des Unwillens zu Veränderungen in der Kirche endlich weicht.

Von Birgit Aschmann |  Bonn - 29.06.2020

Die Zahlen sind erschreckend. Mehr als 270.000 Katholiken haben im vergangenen Jahr mit "ihrer"  Kirche gebrochen. Das sind mehr als alle Einwohner Kiels zusammen, der Stadt, in der ich lange gewohnt habe. Im Durchschnitt haben nur noch neun Prozent der Katholikinnen und Katholiken am Sonntagsgottesdienst teilgenommen. Das sind die Zahlen noch vor Corona. Man ahnt Schlimmeres für die Statistik über das Jahr 2020. Und danach? Kann man nach dem Corona-Tief mit einem Aufschwung rechnen? Sind die leeren Kirchen mit den vereinzelten Maskierten darin nicht ein Symbol für die vielen längst gestörten Beziehungen? Und schlimmer noch: Vertiefen diese Bilder die Brüche nicht performativ? Kirche als Gemeinschaft hat doch nur Zukunft, wenn sie die Erfahrung von Nähe, Wärme, Geborgenheit vermittelt. Nahbeziehung ist essentiell, Distanz tödlich. Auch die vielgelobten Fernseh- und Videogottesdienste sind doch nur Chiffren für die fortschreitende Entfremdung.

Diese "Entfremdung" dürfte ursächlich sein für die vielen Kirchenaustritte. Um Klarheit zu gewinnen, sollten alle um eine Erklärung gebeten werden, die der Kirche den Rücken gekehrt haben. Alle. Es liegt nahe zu vermuten, dass die Ergebnisse nicht allzu sehr von denjenigen abweichen würden, die das Bistum Essen ermittelte, als es 2017 den Motiven der Kirchenaustritte im Ruhrgebiet nachging. Damals wurden – neben dem Missbrauch – als häufigste Gründe das Frauenbild der Kirche, der Umgang mit Homosexualität und der Zölibat angegeben.

Die Denkmuster und Verbote der Institution sind unserer Gesellschaft fremd geworden. Sie werden als kontraproduktiv, sinnlos und diskriminierend wahrgenommen. "Entfremdung" wird daraus, wenn diese Diagnose keine Folgen hat. Es sind eben nicht nur Masken und Bildschirme, die unsere Nahbeziehungen stören. Es ist vor allem die Wand des Unwillens, die Kirche so zu verändern, dass ihre wunderbare Kernbotschaft auch im 21. Jahrhundert ihre Strahlkraft entfalten kann. Diese Mauer muss weg. Wie gut, dass Bischöfe und Laien jetzt gemeinsam auf dem Synodalen Weg daran arbeiten.

Von Birgit Aschmann

Die Autorin

Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

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