Ein Junge rauft sich die Haare
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Viel mehr als Wissen: Religionsunterricht in der Corona-Krise

Religionslehrer Heinz Waldorf hat während der Corona-Krise viel über sich und seine Schüler gelernt: Ein Problem mit Zeit scheinen alle zu haben. Daher ist es ihm wichtig, dass Religionsunterricht nicht nur Wissen vermittelt – gerade jetzt.

Von Heinz Waldorf |  Wentorf - 03.07.2020

Inmitten der Coronakrise begegnete mir ein kurioser Film, dessen Thema mich als Religionspädagogen, der eine Ader für Symboldidaktik hat, aufhorchen ließ: "Brot" von Harald Friedl. Der französische Bäcker Christophe Vasseur formuliert darin ein Problem unseres modernen Lebens etwa so, dass die Menschen die Zeit als ihren Feind und nicht als Verbündeten ansähen, der respektiert werden wolle. Dies umreißt sehr treffend auch eines der Corona-Probleme an der Schule.

Auffallend viele meiner Schülerinnen und Schüler klagten über eine hohe Belastung, manchmal gepaart mit wenig Verständnis, wenn die eingeräumte Bearbeitungszeit der Homeschooling-Aufträge nicht eingehalten werden konnte. In einer Mail, die ich aus dem Kollegium einer Schule bekam, stand, dass Kinder – man höre und staune – neben der Bearbeitung von Aufgaben noch Zeit hätten und die Tage sogar als Genuss empfänden. Ich persönlich habe mich darüber gefreut und mich gefragt, was ich als Schüler wohl aus der ganzen Zeit gemacht hätte. Ob ich im Wissen darum, dass meine Leistungen in der Krise nicht bewertet werden dürfen, wie das in Schleswig-Holstein der Fall gewesen ist, so eifrig gewesen wäre wie einige meiner Schülerinnen und Schüler? In der Mail aber hieß es, es sei mit den Aufgaben noch Luft nach oben. Als wäre es ein Schaden, dass Kinder Zeit haben und diese auch noch genießen.

Auch Lehrer kommen in der Corona-Krise in Zeitprobleme

Schade, dass man immer wieder versucht hat, in der Krisensituation so zu tun, als gäbe es gar keine Krise, als könne man mit anderen Mitteln und unter erschwerten Bedingungen doch irgendwie weitermachen! Da war dann sehr schnell wieder die Zeit die altbekannte Gegnerin. Ich hatte etwa regelmäßig Not, mit den zurecht erwarteten Rückmeldungen zu gestellten Aufgaben nachzukommen, und ich habe die Krise in diesem Punkt manchmal gar nicht gut gemanagt. Dabei wäre es viel angemessener, Zeit zu schenken und die gewonnenen Stunden als Räume zu nutzen über die aktuellen Fragen, die sich mit der Krise einstellen, nachzudenken und sich zu besinnen, worauf es in diesem Leben eigentlich noch ankommt außer auf das pünktliche Abliefern von Aufgaben.

Ein Mädchen sitzt vor einem Laptop und verfolgt den Online-Unterricht.

Der Online-Unterricht in Corona-Zeiten stellt Schüler wie Lehrer vor neue Herausforderungen.

Mein lieber Kollege Jens, der mir in seiner ruhigen und gütigen Unaufgeregtheit Vorbild ist, sagt, dass die Kinder nicht nur in der Schule lernen, und manchmal sehr viel mehr und Zukunftsweisenderes im Alltag draußen. Wenn er als Mathelehrer das schon so sieht, was soll ich als Relilehrer dann erst sagen, wo ich doch versuche, den ganzen Menschen mit seinen Befindlichkeiten im Blick zu haben und Begegnung, Beziehung und Atmosphäre ebenso viel Bedeutung zuzumessen wie Wissensvermittlung. In der Krise kommt noch hinzu, dass Vorsicht angesagt ist, weil niemand von außen und von ferne beurteilen kann, wie belastet ein Mensch ist und mit welchen Verunsicherungen er zu kämpfen hat. Der Religionsunterricht hat in der Krise eine wichtige Aufgabe darin, als Refugium für gerade diejenigen zu dienen, die mühsam und beladen sind, die nicht sowieso alles aus dem Ärmel schütteln.

Ich habe eine sehr einfache, sehr schlichte dreiteilige Strategie gewählt, bei der ich mich natürlich im Großen und Ganzen an die Vorgaben gehalten habe. Ich habe zum einen meine Anforderungen zeitlich "gestreckt" und lange Bearbeitungszeiten eingeräumt. Von sehr vielen Schülerinnen und Schülern kamen dann lesenswerte und oftmals kluge Arbeiten zurück, Statements zur Krise, die voller Humanität waren. Viele dieser jungen Menschen haben sich tiefe und sehr ernste Gedanken über den Sinn des Lebens und die wesentlichen Dinge, die Sinn stiften können, gemacht. Da war auffallend wenig von den sonst so wichtigen Äußerlichkeiten, sehr viel aber von inwendigem Reichtum die Rede. Manchmal dachte ich, man müsse sich um die Zukunft keine Sorgen machen, wenn diese Menschen sie in die Hand nehmen.

Gott will den Menschen in Menschen begegnen

Ich habe mir zum anderen wieder vergegenwärtigt, dass Gott den Menschen in Menschen begegnet, seine Güte und Liebe also auch durch mich vor Ort lebendig werden will. Ich habe mich an Psalm 103,8 orientiert und auf jede Form von Stress meinerseits verzichtet. Einige Schülerinnen und Schüler haben ihre Sache wirklich nicht gut gemeistert, hatten arge Probleme auch mit den großzügigsten Zeitrastern. Sicher hätten einige auch viel strengere Vorgaben gebraucht; da bin ich bestimmt nicht immer umsichtig genug und manchmal etwas blauäugig gewesen. Aber grau ist alle Theorie! Wenn wir uns nach den Ferien in den Kursen wiedersehen werden, ist Zeit genug, über das eine oder andere kritisch nachzudenken und eine gemeinsame Evaluation zu machen.

Schließlich habe ich Aufgaben, welche den Fortgang des Unterrichts sichern sollten, mit solchen gemischt, die Gelegenheit zum Innehalten und Nachdenken über die Zeichen der Zeit geboten haben. Hier habe ich ein Experiment gewagt und wollte sehen, wie die unterschiedlichsten Jahrgänge auf die Frage nach dem Wesentlichen reagieren. Ich habe sowohl Fünftklässler als auch Abiturienten zu einer Auseinandersetzung mit der fantastischen Geschichte "Frederick" von Leo Lionni aufgefordert. Der geschichten-, sonnenstrahlen- und farbensammelnde Mäuserich erzählt in dieser Ikone der Weltliteratur (finde ich wenigstens) davon, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern ebenso von Phantasie, von Träumen, von Liebe, von Dingen also, derer man nur habhaft wird, wenn man sich wie Christophe Vasseur die Zeit zur Verbündeten macht.

Ein Schüler zeigt im Klassenraum auf

Gerade im Religionsunterricht sollte es nicht nur um Wissensvermittlung gehen, findet Lehrer Heinz Waldorf.

Und nicht zuletzt lebt der Mensch von den Querköpfen, den Andersmachern, denen man sich in seinem eigenen langfristigen Interesse vernünftigerweise voller Achtung nähern sollte. Besonders schön war es, dass mir eine Schülerin meine einseitige und ungerechte Sicht auf die Geschichte, welche bisher alle Sympathie auf Frederick vereinigte, korrigiert hat. Es geht wohl wirklich um die Achtung jedes Talentes; Frederick hat zuvor vom Talent der anderen Mitglieder der Mäusefamilie im Herbst Futter zu sammeln profitiert. Eine Welt voller Träumer würde nicht funktionieren, belehrte mich meine Schülerin. Aber ich, so war meine Antwort, möchte mir eine Welt ohne Träumer, ohne Narren auch nicht vorstellen.

Wer übrigens den Verdacht hegt, es komme das Leistungsprinzip etwas zu kurz, dem sei noch der Satz meiner ehemaligen Abiturientin, die Theologie studiert und sicher demnächst eine wunderbare Lehrerin werden wird, geschrieben: "Herr Waldorf, Sie haben mich auf das Studium optimal vorbereitet." (Gegen die weit verbreitete berufliche Bescheidenheit steht seit langer Zeit das Mantra meines Supervisors aus meiner Zeit als Sozialarbeiter: "Tue Gutes und rede darüber!") Ich bin davon überzeugt, dass auch jede Schülerin und jeder Schüler der kommenden Abiturjahrgänge optimal vorbereitet wäre. Das allein wäre mir aber viel zu wenig. Schließlich will ja nicht jeder mit theologischem Denken sein Brot verdienen im spätern Leben.

Lehrer werden von Lehrern geprägt

Sich zu erinnern, heißt es, bringe die Erlösung näher. Meine Erinnerung bevölkern gütige, nachsichtige, weitsichtige Lehrer (am Jungsgymnasium und später an der Uni leider fast nur Lehrer, tut mir leid!); ihre Art, uns das Leben nicht schwerer zu machen als es in der Jugend ohnehin schon war mit all ihrer Anstrengung sich die Welt zu erobern und neben Vokabeln und Formeln auch noch die Liebe lernen zu müssen; ihr Wissen, dass es zwischen Himmel und Erde noch mehr als Metrik und Achtel- oder Sechzehntel-Noten gibt. Die Lehrinhalte sind mit der Zeit verblasst, die Gesichter dieser Menschen aber treten mir heute klar vor Augen, begleiten mich als sichere Freunde und geben mir für mein eigenes Lehrerdasein Orientierung. Ihnen ist ein Denkmal zu setzen, den Herren Freund, Wasmuth, Stiene und später Jorissen an der Uni in Bonn. Und ihnen ist nachzustreben – wenn dafür auch, das muss zugegeben werden, kein Nobelpreis winkt. Aber die meisten meiner Schülerinnen und Schüler sind eben auch keine Aspiranten.

Das letzte Wort hat Leonie, die mir zum Abschied aus dem achten Schuljahr geschrieben und viel von dem, was mir wertvoll ist, zusammenfasst und die große Chance des Religionsunterrichts erneut auf den Punkt bringt. Leonie fand den Unterricht "immer angenehm, da wir es irgendwie hinbekommen haben, in Ihrem Unterricht eine neue Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder willkommen und wohl gefühlt hat. In keinem Kurs, in dem ich bis jetzt war, waren alle so nett und verständlich miteinander". Einen großen Sommer und hoffentlich bald ein Ende der Krise, nach der es bitte nicht einfach so weitergehen möge wie zuvor!

Von Heinz Waldorf

Der Autor

Heinz Waldorf ist Lehrer am Gymnasium Wentorf bei Hamburg.

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