Kirche und Wissenschaft würdigen Eberhard Schockenhoff
Nach Tod mit 67 Jahren

Kirche und Wissenschaft würdigen Eberhard Schockenhoff

Mit Eberhard Schockenhoff ist einer der renommiertesten Theologen Deutschlands gestorben. Bischöfe, Laien und Wissenschaft würdigen nun den Moraltheologen, dessen große Themen immer auch die politische und gesellschaftliche Gegenwart waren.

Freiburg - 19.07.2020

Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) haben den verstorbenen Theologen Eberhard Schockenhoff gewürdigt. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, hob Schockenhoffs "visionäre Kraft in seinem theologischen Forschen und Reden ebenso wie seine bemerkenswerte analytische Brillanz" hervor. ZdK-Präsident Thomas Sternberg brachte "hohe Wertschätzung und tief empfundenen Dank" zum Ausdruck. Der 67-jährige Freiburger Professor war am Samstag in Freiburg an den Folgen eines Unfalls gestorben. Schockenhoff, der lange dem Deutschen Ethikrat angehört hatte, war einer der renommiertesten deutschen Theologen.

Bätzing betonte, Schockenhoff habe nie mit einem erhobenen Zeigefinger gelehrt oder in Verbotskategorien gedacht. Der Bischof bezeichnete Schockenhoffs wissenschaftliches Gesamtwerk "als eine menschendienliche Moraltheologie". Auch Sternberg erklärte, Schockenhoff habe eine zeitgerechte Sexualmoral entwickelt, "die von den Menschen verstanden wurde". Schockenhoffs Denken sei in der Gegenwart verankert, aber nicht gegen die Traditionen der Kirche gerichtet gewesen.

Einer der renommiertesten Theologen

Mit großer Betroffenheit und Trauer hat auch die Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentag (KThF), Johanna Rahner, auf den Tod ihres Kollegen Eberhard Schockenhoff reagiert. Schockenhoffs Tod sei nicht nur ein großer Verlust für die deutsche wissenschaftliche Theologie, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Schockenhoff, der über viele Jahre dem Deutschen Ethikrat angehört hatte, sei als einer renommiertesten Theologen seiner Generation auch außerhalb seines Faches wahr- und ernstgenommen wurde. Rahner wörtlich: "Eberhard Schockenhoff war kein bequemer, aber immer ein kompetenter Gesprächspartner".

Erste Synodalversammlung in Frankfurt

Schockenhoff engagierte sich auch bei den Beratungen zum Synodalen Weg.

In der katholischen Ethik habe der Freiburger Wissenschaftler sehr viele Türen aufgestoßen und die katholische Sexualmoral vorangebracht, so Rahner. Als Beispiele nannte sie die Themen Sexualität und Missbrauch sowie den Umgang mit Frauen in seiner Kirche. Für den innerkatholischen Gesprächsprozess Synodaler Weg, bei dem Schockenhoff sich im Forum Sexualität engagiert hatte, sei dessen Tod eine Katastrophe.

Auch die deutsche Arbeitsgemeinschaft Moraltheologie zeigte sich betroffen: "Eberhard Schockenhoff hat mit immenser Schaffenskraft wie wenige andere zahlreiche ethische Debatten in Kirche und Gesellschaft begleitet und inspiriert. Seine Schriften zählen zu den Referenztexten der Disziplin", so die beiden Sprecher. Sein dem Leben zugewandter Glaube habe ihn zugleich unaufgeregt und ernsthaft die moralischen Fragen der Zeit durchdenken lassen. Seine eigenen Positionen und Argumente habe Schockenhoff dabei immer dem kollegialen Diskurs ausgesetzt.

Studium in Tübingen und Rom

Geboren 1953 in Stuttgart studierte er Theologie, zunächst in Tübingen, dann in Rom, wo er 1978 zum Priester geweiht wurde. Er promovierte bei Alfons Auer und war Assistent des späteren Kurienkardinals Walter Kasper in Tübingen. Anfang der 1990er wurde Schockenhoff als Professor für Moraltheologie nach Regensburg berufen, 1994 wechselte er nach Freiburg.

Seit 2001 war Schockenhoff Mitglied des Nationalen Ethikrats, von 2008 bis 2016 des Deutschen Ethikrats, dessen Vizevorsitzender er vier Jahre war. 2016 übernahm er die Präsidentschaft des Katholischen Akademischen Ausländerdienstes (KAAD) und war in vielen weiteren kirchlichen Gruppen und Zusammenhängen engagiert. Besonders bei Lebenswissenschaften und Bioethik war Schockenhoff ein gefragter Experte.

Schockenhoff veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Studien, bei denen er auf aktuelle gesellschaftliche und politische Themen einging. Beispielsweise beschäftigte er sich mit medizinethischen Fragen und skizzierte Grundzüge einer Friedensethik im Zeitalter der neuen Aufrüstung. 2007 erschien seine breite Studie zur "Theologie der Freiheit".

Innerkirchlich war Schockenhoff ein wichtiger Vermittler und Ansprechpartner. So engagierte er sich für eine Sexualethik, die sich an den verschiedenen Lebenswirklichkeiten orientiert und sich nicht auf starre Normen fokussiert. Auch in den aktuellen Beratungen über die Zukunft von Kirche und Seelsorge in Deutschland, dem Gesprächsprozess Synodaler Weg, beteiligte sich Schockenhoff an zentraler Stelle. (cph/KNA)