Kardinal George Pell
13 Monate Haft nach Verurteilung wegen Missbrauchs

Auszug aus Kardinal Pells Gefängnis-Tagebuch veröffentlicht

Über 1.000 Seiten umfasst das Gefängnis-Tagebuch von Kardinal George Pell, das demnächst erscheinen soll. Jetzt wurden erste Auszüge veröffentlicht, in denen er auch vom Verhalten seiner Wärter und Mitgefangenen berichtet.

New York - 28.07.2020

Ein Auszug aus dem geplanten Gefängnis-Tagebuch von Kardinal George Pell ist auf einer US-amerikanischen Website veröffentlicht worden. In der etwa drei Seiten langen Passage für die August-Ausgabe der Zeitschrift "First Things" schildert Pell meist nüchtern die äußeren Umstände seiner 13-monatigen Haft. Im Februar 2019 war er wegen Missbrauchs zweier Chorknaben zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Anfang April dieses Jahres hob der High Court die vorigen Urteile wegen mangelnder Beweislage auf.

In dem nun veröffentlichten Passus fasst Pell seine gesammelten Erfahrungen mit den Worten zusammen: "Es gibt viel Gutes in Gefängnissen." Auch wenn diese vielerorts "die Hölle auf Erden" seien, habe er selber Glück gehabt und sei gut behandelt worden. "Ich war beeindruckt von der Professionalität der Wärter, dem Glauben der Gefangenen und dem vorhandenen moralischen Bewusstsein auch an dunkelsten Orten", so der Kardinal.

Straftäter hätten moralisches Bewusstsein für Ausmaß unterschiedlicher Schuld

In Melbourne wie später in Barwon wurde Pell in Einzelhaft gehalten. Dies sei zu seinem Schutz geschehen, weil Straftäter, die wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurden, in der Rangfolge der Häftlinge ganz unten stehen. Verständlich, wie Pell selber schreibt. Dies sei ein Indiz, dass auch Straftäter ein moralisches Bewusstsein für das Ausmaß unterschiedlicher Schuld haben. Gleichzeitig sei unter Gefangenen wie Wärtern des Öfteren über seine Schuld oder Unschuld gesprochen worden. Das komplette, über 1.000 Seiten lange Gefängnis-Tagebuch des ehemaligen Erzbischofs von Sydney und Leiters des vatikanischen Wirtschaftssekretariats soll Anfang 2021 in einem US-amerikanischen Verlag erscheinen.

Zuletzt hatten mehr als 100.000 Menschen eine Petition für die Entlassung Pells aus dem Priesteramt unterschrieben. Initiator Paul Levey, selbst Opfer sexualisierter Gewalt, hatte die Petition nach Veröffentlichung der Ermittlungsergebnisse der staatlichen Missbrauchskommission über die Rolle Pells im Missbrauchsskandal im Bistum Ballarat gestartet. Im Zentrum steht der inzwischen inhaftierte Priester George Ridsdale, der ein Freund von Pell war und mit dem er als junger Priester in Ballarat zeitweise zusammengewohnt hatte, wie es hieß. Levey gab an, über Jahre hinweg ein Opfer von Ridsdale gewesen zu sein. Die Kommission war zu dem Schluss gekommen, der inzwischen 79-jährige Kardinal habe vom Missbrauch von Jungen durch Priester gewusst und sei an der Vertuschung der Fälle beteiligt gewesen. (tmg/KNA)