Schachfigur
Standpunkt

Die Kirche darf auch mal kämpferisch sein

Traut sich die Kirche wegen der vielen Negativschlagzeilen nichts mehr? Vor allem in der Corona-Krise hat sich Pater Klaus Mertes dieser Eindruck aufgedrängt. Doch für bestimmte Dinge dürfe sie ruhig kämpfen – egal, welche Reaktionen das auslöst.

Von Pater Klaus Mertes |  Bonn - 05.08.2020

Singverbot, Anmeldungspflicht per Internet für Gottesdienste, Kommunionausteilung hinter Plexiglasscheiben, Beerdigungen im kleinsten Kreis, Abstand, Kontrolle, Abstand: Viele Gläubige fühlen sich in diesen Verhältnissen vom Gottesdienst eher ausgeladen als eingeladen, vor allem Familien mit Kindern und Jugendliche. Andere nehmen einmal teil und kommen nicht mehr wieder wegen der als beklemmend empfundenen Distanzatmosphäre. Wieder andere äußern inzwischen den Eindruck, eine eingeschüchterte Kirche habe neben dem Infektionsschutz noch etwas anderes im Blick: nicht negativ aufzufallen. Oder auch: positiv aufzufallen, nämlich als Vorreiter beim social distancing.

Ich weiß, das klingt irgendwie auch unfair, ist es vielleicht auch. Wenn man verantwortlich ist, ist das alles nicht so einfach mit dem Aufstellen von Distanzregeln. Aber der Eindruck ist da und meldet sich immer lauter zu Wort. Vielleicht lässt er sich auch so zusammenfassen: Zu wenige in der Kirche, zu wenige Bischöfe, Pfarrer oder weitere Leitungspersonen kämpfen darum, dass wenigstens nach Monaten des social distancing endlich mehr möglich werde und auch mehr Fantasie eingesetzt werde, um analog als Gemeinschaft vor Gott stehen zu können, gerade auch in existentiellen Situationen, in denen die Tröstungen gerade in Gemeinschaft benötigt werden.

Traut sich die Kirche nichts mehr? Seit Monaten haben wir meist schönstes Wetter – warum nicht die Kirchenräume einfach verlassen und Sonntagsgottesdienste auf Wiesen und Plätzen feiern? Warum nicht kämpfen gegen sinnlose Verordnungen – jetzt aktuell das Verbot, im nächsten Schuljahr jahrgangsübergreifende AGs zu veranstalten, ein Handicap für Orchester, Theater, Kunst, und auch für seelsorgliche und verbandliche Projekte in Schulen?

Der Eindruck von Ängstlichkeit und Eingeschüchtertheit hängt wohl auch mit den vielen Negativ-Nachrichten der vergangenen Jahre zusammen, unter denen ja nicht nur die Bischöfe, sondern alle Gläubigen leiden. Aber man kommt aus negativen Schlagzeilen nicht raus, wenn man vor allem die Außenperspektive im Blick hat, sprich positive Schlagzeilen machen will oder sich wenigstens so verhalten, dass man keine negativen Schlagzeilen macht. Corona legt bloß: Kirche darf ruhig auch lautstark darum kämpfen, dass Sterbende besucht, Obdachlose gepflegt, Trauernde getröstet, Verstorbene würdig beerdigt und Menschen zum gemeinsamen Lobgesang des Schöpfers leibhaftig versammelt werden. Wenn die Kirche damit bei einigen wieder negative Schlagzeilen mit den üblichen Totschlag-Argumenten auslöst, ist das nicht schlimm.

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist ehemaliger Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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