Papst Franziskus greift an das sogenannte Scheitelkäppchen auf seinem Kopf.
Reaktionen auf das Papst-Interview

"Sensation ohne Abstriche"

Papst-Interview - Das Interview des Papstes mit mehreren Jesuitenzeitungen erregt große öffentliche Aufmerksamkeit. Von einer Sensation, einer offenen Kampfansage, einem dramatischen Wendepunkt ist die Rede. Im Gespräch mit dem Chefredakteur der italienischen Zeitschrift des Ordens "Civilta Cattolica", Antonio Spadaro, spricht Franziskus in der Tat sehr offen über Themen, die Reformern auf der Seele liegen: Homosexuelle, wiederverheiratet Geschiedene oder die Rolle der Frau in der Kirche.

Bonn - 20.09.2013

Das Besondere ist aber vor allem das ausführliche persönliche Interview an sich, hatte sich der Papst nach seiner Wahl gegenüber Journalisten doch sehr zurückhaltend gezeigt. "Es war für ihn fast wie eine Blockade", sagt Stefan von Kempis, stellvertretender Redaktionsleiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan. Diese habe Franziskus nach dem Weltjugendtag in Rio auf dem Rückflug nach Rom selbst aufgebrochen, indem er sich direkt an die anwesenden Journalisten wandte. Schon damals gingen seinen Aussagen über Homosexuelle durch die Medien.

Nicht zuletzt deshalb ist das Interview nun auch für den Vatikan- und Papstkenner von Kempis eine "Sensation ohne Abstriche". Es sei bezeichnend für Franziskus, gerade keine Rede zu halten, sondern ein Gespräch zu führen, in dem er lange über die Antworten nachdenken und einen Gedanken auch wieder verwerfen könne, wenn ihm ein zweiter richtiger erscheint.

Beharren auf Barmherzigkeit

Am bedeutsamsten ist für den Vatikanjournalisten das Beharren Franziskus' auf der Barmherzigkeit, während des gesamten Gesprächs. "Er spricht von einer Kirche, die nach der Schlacht Wunden verbindet, ohne erst nach dem Cholesterinspiegel zu fragen", verdeutlicht Kempis, "von einer Kirche, die sich an Menschen wendet, die Schwierigkeiten mit ihr haben und den Gott im Heute suchen."

Wortlaut

Antonio Spadaro SJ: Interview mit Papst Franziskus, der Wortlaut auf der Seiten der deutschen Jesuiten.

Innerkirchlich seien seine Aussagen für den ein oder anderen eine harte Nuss, die sicherlich Debatten zur Folge haben würden. "Für viele Menschen, die sich die Zeit nehmen, das Interview zu lesen, wird es sehr bewegend sein", so von Kempis. "Ich denke etwa an meinen Onkel, der aus der Kirche ausgetreten ist. Es wird ihm zu denken geben, dass die Kirche plötzlich die Richtung ändert und nun auf die Menschen zugeht."

Zugleich äußert von Kempis die Befürchtung, dass sich "viele nur die Rosinen aus seinen Aussagen rauspicken" könnten. Und dass gerade in Deutschland "die Reformagenda, über den Text gelegt wird, um zu gucken, was wird konkret erfüllt." Man solle das Gespräch aber besser für sich stehen lassen.

Beeindruckend authentisch

Ähnlich erlebt auch Andreas Batlogg, Chefredakteur der deutschen Jesuitenzeitung "Stimmen der Zeit", die das Interview in Deutschland veröffentlichte, nun die Reaktionen. Die Antworten des Papstes seien keine Überraschung für ihn gewesen, so Batlogg. "Wer seine Haltung und seine Lehre kennt, für den gab es keine großen Offenbarungen und Neuigkeiten." Beeindruckt habe ihn aber, wie authentisch und echt sich der Papst im Gespräch geäußert habe, "etwa als er zugegeben hat, als junger Geistlicher schwere Fehler gemacht zu haben."

An schnelle innerkirchliche Veränderungen glaubt der Jesuit indes nicht. "Die Aussagen des Papstes werden Debatten auslösen, wie die derzeitige um den Zölibat. Das sind aber Themen, die Zeit brauchen." Trotzdem könne er sich das Gespräch als Startpunkt für einen langfristigen Wandel vorstellen, so Batlogg.

Von Janina Mogendorf

Weitere Reaktionen

Auch andere Kirchenvertreter haben sich mittlerweile zum Papst-Interview geäußert. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner sagte am Freitag dem Kölner "domradio", Franziskus lasse "keinen Raum für Engstirnigkeit, sondern macht die Tiefe und Weite eines echten katholischen und apostolischen Glaubens deutlich". Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, zeigte sich begeistert. "Franziskus ist der Wegbereiter einer angstfreien Kommunikation in der Kirche. Das kann man gar nicht hoch genug schätzen", sagte er dem in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel". Die Theologie von Franziskus sei "konsequent den Menschen zugewandt". Der Berliner evangelische Bischof Markus Dröge begrüßte die Papst-Aussagen zur Ökumene. (KNA)

Hintergrund

Franziskus gibt ein Interview zu Homosexualität, Frauen, der Kurie und der Alten Messe.