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Warum man noch selbstbewusst Christ in Deutschland sein kann

Manche Konservative verweisen gerne auf andere europäische Länder, wie sehr doch der Glaube dort im Gegensatz zu Deutschland floriere. Eine neue Studie zeichnet jedoch ein weniger düsteres Bild hierzulande, kommentiert Andreas Püttmann.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 03.09.2020

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Die internationale PEW-Studie "The Global God Divide" förderte Überraschendes zutage: In keinem anderen der acht beteiligten westeuropäischen Länder waren so viele Menschen überzeugt vom Zusammenhang zwischen religiösem Glauben und moralischen Werten wie in Deutschland: 37 Prozent, weit über dem Durchschnitt (22%), sogar knapp vor Polen (36%) und dem Durchschnittswert sechs osteuropäischer Länder (33%). Dies ist umso bemerkenswerter, als Wohlstand negativ mit dieser Meinung und mit Religiosität korreliert.

Die Werte könnten höher sein, wäre die Frage vorsichtiger formuliert. Dass Glaube an Gott "notwendig" für Moralität und "gute Werte" ist, kann man auch als Skeptiker gegenüber einer "Gesellschaft ohne Gott" bestreiten. Denn es gibt offenkundig moralisch hoch sensible Nichtgläubige und – Gott sei's geklagt – Fromme mit schlechtem Charakter oder menschenfeindlichen Ideen. Solche treten derzeit sogar besonders laut öffentlich auf, auch als Unterstützer zügelloser und hetzerischer Politiker, nicht nur in Washington und Warschau.

Korrekter hätte man gefragt: "Unterstützt Glaube an Gott moralisches Denken und Handeln?" Hierfür gibt es empirische Anhaltspunkte aus Umfragen zu Rechtsbewusstsein, Lebensschutz, Leistungs- und Hilfsbereitschaft, politischer Mäßigung und anderen sozialen Tugenden. Eine Aussage über alle ist allerdings keine über jeden. Und Einstellungen garantieren nicht entsprechendes Verhalten, sie machen es nur wahrscheinlicher. Immerhin.

Auffällig am deutschen Befund ist auch eine mäßige Altersdifferenz: 18-29-Jährige bejahen den Zusammenhang von Glaube und Moral zwar zu 15 Prozent weniger als Ältere (50+); in Südkorea tut sich hier aber eine Kluft von 44 Prozent auf, in den USA von 28, in Polen und Ungarn von 21 Prozent. Die Aussage, dass Gott wichtig im eigenen Leben sei, bejaht in Deutschland gegenüber 1991 stabil (+3%) etwa die Hälfte der Bevölkerung – gegen den Trend (Spanien: -26%, Italien -21%, Polen -14%, Frankreich -12%). Und während in vielen Ländern weit mehr ideologisch Rechte als "Mittige" und Linke meinen, dass Glaube und Moral zusammenhängen (USA 63:34:27%), spaltet diese Meinung bei uns weniger entlang der politischen Lager (43:40:23%).

Es kann also nicht alles an unseren Kirchen und am deutschen Religionsverfassungsrecht so verkehrt sein, wie es von interessierter Seite gern gezeichnet wird. Unter ähnlichen kulturellen Bedingungen sieht es woanders teils erheblich düsterer aus. Die in konservativen Kirchenkreisen lange als vorbildlich gepriesene stärkere Religiosität manch anderen Landes zeigt sich angesichts des Säkularisierungsdrucks und der Anbrandung von Ideologien und Idiotien weniger fundiert und orientierungsstark als gedacht. Da darf man durchaus gerne und selbstbewusst Christ in Deutschland sein. Auch das muss mal in unsere Kirchendepression hinein gesagt werden.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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