Nur die Brüder? Warum schon der Titel der neuen Enzyklika irritiert
Papst Franziskus unterzeichnet "Fratelli tutti" am 3. Oktober in Assisi

Nur die Brüder? Warum schon der Titel der neuen Enzyklika irritiert

Kurz nach Bekanntgabe, Franziskus werde seine neue Enzyklika am 3. Oktober in Assisi unterzeichnen, wird über den Titel debattiert: "Fratelli tutti" – "alle Brüder" oder doch "Geschwister"? Der Hintergrund ist etwas komplizierter.

Von Roland Juchem (KNA) |  Vatikanstadt - 12.09.2020

Kaum war am Wochenende bekanntgeworden, wie die erwartete dritte Enzyklika von Franziskus heißen soll – "Fratelli tutti" –, begannen Diskussionen, ob der Papst darin Frauen vergessen werde. Der Titel werde nicht geändert, ist zu hören aus Kreisen, die mit der Enzyklika befasst sind. Hat Franziskus schon jetzt eine – vielleicht unnötige – Debatte ausgelöst, bevor das Dokument überhaupt bekannt ist?

Wörtlich übersetzt bedeutet "fratelli tutti": alle Brüder. Doch der Hintergrund ist etwas komplizierter. Wie seine zweite Enzyklika "Laudato si" – die erste, "Lumen fidei" von 2013, entstand in Teilen noch unter Benedikt XVI. – beginnt Franziskus das Schreiben mit einem Zitat seines Namenspatrons Franz von Assisi (1181/1182-1228). Der schrieb in seinen lateinisch gefassten "Ermahnungen" an die Brüder (!) des von ihm frisch gegründeten Ordens unter der Überschrift "De imitatio Dei" (Über die Nachahmung Gottes): "Geben wir acht, wir Brüder alle, auf den guten Hirten, der, um seine Schafe zu retten, die Marter des Kreuzes erlitten hat."

Da der bekehrte Lebemann in diesem Fall nur Männer meinte, und ein päpstliches Dokument, so es einen Text zitiert, diesen getreu wiedergeben muss, steht dort nun "omnes fratres". Hieraus im Deutschen "Geschwister" zu machen, wäre unangebracht. Anders verhält es sich mit dem angekündigten Untertitel "sulla fraternita e l'amicizia sociale". Dies ist kein Zitat und kann gut mit "über Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft" übersetzt werden.

Zwei Übersetzungen

Hinzu kommt, dass "fratelli" im Italienischen weniger ausschließend klingt als das deutsche "Brüder" und sowohl mit "Brüder" wie mit dem schönen deutschen Wort "Geschwister" übersetzt werden kann. Für letzteres gibt es in den romanischen Sprachen kein eigenes Wort. Ist daher das Problem mit dem "Brüder"-Titel nur ein deutschsprachiges? Nicht ganz. Das Polnische kennt "rodzenstwa", das Englische "siblings", nicht aber Ableitungen wie "geschwisterlich" oder "Geschwisterlichkeit". Gendersensibilität ist in diesem Fall weniger eine Frage des Vatikan als der jeweils verwendeten Sprache – Latein, Italienisch, Englisch, Deutsch ....

Eine andere Frage ist: Wenn der Papst in seinem Schreiben betonen will, dass alle Menschen gleich wichtig sind, weil sie Gottes Kinder – also Töchter und Söhne – sind, warum nimmt er dann dieses Zitat des Ordensgründers als namengebenden Einstieg seiner Enzyklika? Er hätte einen eigenen Satz formulieren und so dem Dokument einen schmissig-griffigen Titel verpassen können. Der hätte Medien und öffentlichen Diskurs auf die richtige Spur gesetzt, anstatt sie mit einer "Brüder"-Debatte aufzubringen.

Der erste öffentlich Satz, den Franziskus als Papst sagte, war: "Fratelli e sorelle, buona sera!". Der klingt Menschen bis heute in den Ohren – und Vatikan-Kenner lobten damals, dass der Argentinier die mitunter klerikal herablassend klingende Floskel "Cari fratelli e sorelle" vermied. Nun wird er am 3. Oktober, dem Todestag des "Poverello", seine Enzyklika unterzeichnen. Wann sie veröffentlicht wird, ist noch unbekannt. Im vatikanischen Presseamt hofft man auf den 5. Oktober, den Montag danach; ein Sonntag wäre sehr ungewöhnlich. Spätestens dann erfährt die Öffentlichkeit, was Franziskus tatsächlich sagen will. Es wird ein thematisch breites Werk: Pandemie, Wirtschaft, Ökologie, soziale Gerechtigkeit, Religionen, Glaube und Sozialethik. Dass Franziskus dabei auch auf die Rolle von Frauen eingeht, ist sicher zu erwarten.

Die Rolle der Frauen – auch in der Pandemie

Zum einen sind Frauen von den Folgen der Covid-Pandemie stärker betroffen als Männer. Darauf machte zuletzt die italienische Wirtschaftsexpertin Alessandra Smerilli in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) aufmerksam. Zum anderen zeige sich, dass Staaten, in denen Frauen stärker an politischen Entscheidungen beteiligt sind, besser mit der Pandemie fertig werden: "Dort wurden Maßnahmen zügiger entschieden und organisiert sowie klarer und empathischer kommuniziert."

Die Ordensfrau Smerilli koordiniert eine international besetzte Task-Force in der von Franziskus gegründeten Covid-Kommission. Und aus der gab es einige Inputs. Sollte daher in der Enzyklika ein entsprechender Passus zur Bedeutung von Frauen ausfallen, wäre das in der Tat ein gravierendes Manko – viel mehr als der etwas unglückliche gewählte Titel.

Von Roland Juchem (KNA)