Historiker: Debatte um Pacelliallee "keine antikatholische Kampagne"
Petition fordert Umbenennung von nach Pius XII. benannter Straße

Historiker: Debatte um Pacelliallee "keine antikatholische Kampagne"

In der Diskussion um die Berliner Pacelliallee haben sich gegenüber katholisch.de jetzt die beiden Historiker zu Wort gemeldet, die eine Umbenennung der nach Pius XII. benannten Straße fordern. Dabei erneuerten und erweiterten sie ihre Kritik an dem Papst. Klar ist: Die Debatte um die Straße könnte auch Auswirkungen auf andere Städte haben.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 22.09.2020

Die beiden Historiker, die eine Petition zur Umbenennung der Berliner Pacelliallee gestartet haben, wehren sich gegen den Vorwurf, mit ihrer Aktion eine antikatholische Kampagne initiiert zu haben. "Den Anstoß zweier Historiker zu einer differenzierten Debatte pauschal zu einer 'antikatholischen Kampagne' zu machen, sagt mehr über die Debattenkultur, als über unsere Initiative", sagte Mitinitiator Julien Reitzenstein am Montag auf Anfrage von katholisch.de mit Blick auf entsprechende Wortmeldungen aus der katholischen Kirche. Mit der Initiative thematisierten er und sein Kollege Ralf Balke lediglich "einzelne Handlungen im langen Leben einer von unzähligen Personen" in der 2.000-jährigen Geschichte der katholischen Kirche.

Reitzenstein und Balke hatten Mitte September auf change.org eine Petition gestartet, in der sie fordern, die nach Eugenio Pacelli – dem späteren Papst Pius XII. (1939-1958) – benannte Pacelliallee im Berliner Ortsteil Dahlem nach der bislang einzigen israelischen Ministerpräsidentin in Golda-Meir-Allee umzubenennen. Ihre Forderung begründen die beiden Wissenschaftler unter anderem mit antisemitischen und frauenfeindlichen Aussagen Pacellis sowie mit dessen Umgang mit NS-Verbrechern.

Antisemitismusbeauftragter begrüßt Debatte um Pacelliallee

Öffentliche Beachtung fand die Petition unmittelbar nach ihrem Start vor allem durch den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, der Unterstützung für das Vorhaben signalisierte. Klein sagte der Zeitung "Die Welt", die Debatte um die Umbenennung rücke "die umstrittene Rolle in den Fokus, die Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges einnahm. Er schwieg zum Holocaust und zum Mord an den Sinti und Roma, von denen viele dem katholischen Glauben angehörten, oder protestierte zumindest nicht vernehmlich". Die Diskussion über die Umbenennung biete die Gelegenheit, über das Verhalten der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg und die Aufarbeitung nach 1945 eine breitere Debatte zu führen.

Die Apostolische Nuntiatur in Berlin sprach sich gegenüber katholisch.de gegen eine Umbenennung der Pacelliallee aus.

Auf diese Aussagen wiederum reagierte am vergangenen Dienstag die Apostolische Nuntiatur, indem sie sich gegenüber katholisch.de gegen eine Umbenennung der Pacelliallee aussprach. Mit Pacelli sei "ein herausragender Diplomat und ein unbedingter Freund Deutschlands und Berlins" durch die Namensgebung der Pacelliallee geehrt worden, erklärte die diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls. Als Papst habe er im Zweiten Weltkrieg "alles, was ihm möglich war, getan, um Leid und Not von Menschen zu lindern, ohne Ansehen von Person, Herkunft oder Religion". Dies sei belegt und gehöre zum Stand der Geschichtsforschung. "Als Berlin in Trümmern lag, hat der Papst seine Verbundenheit mit dieser Stadt und ihren Menschen zum Ausdruck gebracht, als er am 18. Februar 1946 den Bischof von Berlin, Konrad Graf von Preysing, zum Kardinal erhob und damit nicht zuletzt dessen Wirken im Widerstand gegen die nationalsozialistische Ideologie ehrte. Es ist daher recht und billig, wenn gerade in Berlin eine Straße den Namen von Eugenio Pacelli trägt", so die vatikanische Botschaft.

Die Vorwürfe gegen Eugenio Pacelli/Pius XII. bezeichnete die Nuntiatur als "hinlänglich bekannt". Sie trügen "lange schon Züge einer Kampagne" und es müsse ihnen widersprochen werden. "Vieles wurde in der Forschung bereits bearbeitet. Die Ergebnisse liegen überdies auch in deutscher Sprache vor. Wenn die Forderung erhoben wird, in Berlin keine Straße mehr nach Eugenio Pacelli zu benennen, weil er nicht 'vernehmlich genug' war, so ist das schlicht unseriös", so die diplomatische Vertretung.

Historiker kritisiert enge Grenzen von Pius' Handeln

Gegenüber katholisch.de wiesen Balke und Reitzenstein diese Kritik und die positive Darstellung von Pius' Wirken durch die Nuntiatur zurück. Die gewählten Pauschalierungen führten nicht weiter, weil zweifelsfrei positives Wirken vermengt werde mit den Umbenennungsgründen der Initiative, die eher wenig mit dem umstrittenen Verhalten Pius' zur Shoa zu tun hätten. Es führe zudem von der derzeitigen Debatte weg, wenn darauf verwiesen werde, dass Pius XII. als Papst innerhalb von ihm selbst und seinem Umfeld gewählter Grenzen alles ihm Mögliche getan habe, um Menschen zu helfen. Pius XII. habe ein Amtsverständnis gewählt, "dass ihm vieles verbot, was andere an seiner Stelle vielleicht getan hätten", so Reitzenstein, der in diesem Zusammenhang auch auf "mutige Katholiken" verwies, die Verfolgten des NS-Regimes unter erheblichem Risiko geholfen hätten. Beispielhaft nannte er den irischen Priester Hugh O'Flaherty, der während des Zweiten Weltkriegs im von der Wehrmacht besetzten Italien gemeinsam mit Helfern rund 6.500 Juden und aus der Kriegsgefangenschaft geflüchtete Soldaten der Alliierten in Klöstern, kirchlichen Gebäuden und Privathäusern versteckt hatte. "O'Flaherty war und ist weit über die katholische Welt hinaus ein leuchtendes Vorbild der Zivilcourage", sagte der Historiker.

Wir haben immer gefordert, dass der Vatikan seine Archive zu Pius XII. öffnet. Das sollten wir jetzt nutzen und erst anschließend sollte auf Basis der Fakten darüber beraten werden, welcher Umgang und welches Gedenken in Bezug auf Pius XII. angemessen sind.

Zitat: Hubert Wolf

Balke wiederum betonte, dass er und Reitzenstein sich mit ihrer Petition ausdrücklich nicht in den seit vielen Jahren schwelenden "erbitterten Streit" um Pius' Umgang mit dem Holocaust einmischen wollten. Wichtiger sei ihnen in der von ihnen angestoßenen Debatte um die Berliner Pacelliallee der Verweis auf Pacellis "frauenverachtende und antisemitische Bemerkungen" sowie auf die Rolle, die Pius XII. nach dem Zweiten Weltkrieg im Kontext der Fluchthilfe für NS-Verbrecher gespielt habe. Auch die im März geöffneten vatikanischen Archive würden "nicht beweisen können, dass NS-Verbrecher wie Adolf Eichmann oder Joseph Mengele nicht mit Hilfe des von Pius regierten Vatikan der Justiz entkamen".

Jahrzehntealte Debatte um Pius' Rolle im Zweiten Weltkrieg

Die Kontroverse um die Rolle von Pius XII. im Zweiten Weltkrieg besteht seit Jahrzehnten und wurde in Deutschland vor allem durch das 1963 uraufgeführte Theaterstück "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth beeinflusst. Darin wirft der im Mai verstorbene Schriftsteller dem Papst vor, zu wenig gegen den Mord an den Juden getan zu haben. Diesen Vorwürfen stehen jedoch Hinweise auf diplomatische Initiativen und aktive Gegenmaßnahmen des Papstes gegenüber. So öffnete Pius XII. während der deutschen Besatzung Italiens ab September 1943 viele kirchliche Einrichtungen in Rom für untergetauchte Juden und rettete so Tausende vor dem Zugriff der SS und der Gestapo. Kritiker warfen ihm allerdings vor, dass er den Völkermord nicht vor der Weltöffentlichkeit verurteilt und so als moralische Stimme versagt habe.

Erst im März hat der Vatikan wichtige Aktenbestände aus dem Pacelli-Pontifikat für die historische Forschung freigegeben. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf, der an dieser Forschung beteiligt ist, plädierte deshalb in der vergangenen Woche dafür, vor einer möglichen Umbenennung der Pacelliallee – und vor einer möglichen Seligsprechung von Pius XII. – erst die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung abzuwarten. "Wir haben immer gefordert, dass der Vatikan seine Archive zu Pius XII. öffnet. Das sollten wir jetzt nutzen und erst anschließend sollte auf Basis der Fakten darüber beraten werden, welcher Umgang und welches Gedenken in Bezug auf Pius XII. angemessen sind", sagte Wolf.

Im Jahr 2012 wurde die Pacellistraße in Oberhausen in Christoph-Schlingensief-Straße umbenannt.

Doch Balke und Reitzenstein wiesen auch diesen Einwand zurück. Ein so anerkannter Wissenschaftler wie Hubert Wolf wisse, "dass seine zukünftigen Quellenfunde eines nicht können: Die aus unserer Sicht frauenverachtend-antijudaistischen Bemerkungen werden nicht ungeschehen werden". Ebenso wenig dürften die zu erwartenden wissenschaftlichen Erkenntnisse ein anderes Licht auf Pius Haltung gegenüber der "Ermordung tausender katholischer Geistlicher durch das NS-Regime" werfen.

16 weitere nach Pacelli benannte Straßen und Plätze in Deutschland

Je nachdem, wie die Debatte um die Berliner Pacelliallee weitergeht, könnte sie auch Auswirkungen auf andere deutsche Städte haben. Denn neben der Allee in der Hauptstadt sind hierzulande noch in 16 weiteren Städten und Gemeinden Straßen oder Plätze nach Eugenio Pacelli benannt – darunter befinden sich die vier katholischen Bischofsstädte Bamberg, Fulda, München und Trier. Wie eine Umfrage von katholisch.de am Montag ergab, gab oder gibt es in den betroffenen Kommunen jedoch bislang keine ähnlichen Debatten wie in Berlin.

Lediglich die Oberhausener Pacellistraße wurde bereits 2012 umbenannt – in Christoph-Schlingensief-Straße. Wie der Oberhausener Stadtdechant Peter Fabritz, der vor der Umbenennung damals im zuständigen Kommunalgremium angehört wurde, am Montag im Gespräch mit katholisch.de betonte, war diese Umbenennung jedoch weniger eine Entscheidung gegen Eugenio Pacelli, sondern vielmehr für Christoph Schliengensief. Der 2010 verstorbene Regisseur und Aktionskünstler war in der Nähe aufgewachsen und ministrierte als Kind und Jugendlicher in der an der Straße gelegenen Herz-Jesu-Kirche. Eine tiefere Debatte über Eugenio Pacelli habe es damals nicht gegeben, so Fabritz.

Von Steffen Zimmermann