Christof May predigt über Reformen in der Kirche
Limburger Priesterausbilder: "Wir sind viel zu oft Türsteher"

Virale Predigt: Regens für Frauenweihe und Segnung homosexueller Paare

In der Kapelle im Limburger Bischofshaus konnten am Erntedank-Sonntag nur wenige Menschen mit Christof May die Messe feiern – doch seine online übertragene Predigt erreicht ein Vielfaches: Sein Plädoyer für eine Öffnung der Kirche wurde auf Facebook zum viralen Hit.

Limburg - 07.10.2020

Der Limburger Regens Christof May hat in einer Predigt die Haltung der Kirche zu wiederverheirateten Geschiedenen, Homosexuellen, Frauen und zur Mahlgemeinschaft deutlich kritisiert. Die am Sonntag auf Facebook veröffentlichte Predigt zu Erntedank ist auf enorme Resonanz gestoßen und wurde bereits über 750 Mal geteilt (Stand 7.10., 11:30 Uhr). "Statt das Feld für alle zu öffnen, verstehen wir uns viel zu oft als Türsteher", betont der Domkapitular, etwa bei Menschen, die nach einer Scheidung in einer neuen Beziehung leben: "Die beiden wollen nicht heiraten, sie wollen einen Segen. Ich darf nicht zu ihnen sagen: So ist es gut." May erzählt vom Beispiel eines gleichgeschlechtlichen Paares, das sich in einer Gemeinde in vielfältiger Weise engagiert: "Segnen darf ich sie nicht. Stattdessen werden und wurden solche Menschen verbal verprügelt, weggeschickt."

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Frauen, die "zu Recht an der Macht der Kirche teilhaben wollen", würden "beäugt" und "ausgeschlossen"; dabei seien sie es, die das Leben der Kirche trügen und während der Corona-Krise kreative Formen des Gebets entwickelten. Theologen, die für das Weiheamt der Frau argumentieren, würden mundtot gemacht.

Der Leiter des Priesterseminars kritisiert auch die Vorgaben, keine Homosexuellen zum Priesteramt zuzulassen: "Ist nicht die Frage, ob die Person redlich versucht, für das Reich Gottes einzutreten?" Der Verweis auf die Weltkirche als Argument gegen Reformen in Deutschland überzeugt May nicht. "Wenn Kirche Leuchtturm und Lichtblick für die Zeit sein soll, dann müssen wir manchmal auch Punkte setzen, die in anderen Ländern noch irritierend sind", so May.

Nicht dulden, sondern in die Mitte stellen

Ihm gehe es nicht um eine Duldung für Menschen in solchen Lebenssituationen: "Ich möchte das wiederverheiratete geschiedene, das gleichgeschlechtliche Paar nicht im Wohnzimmer segnen müssen. Ich möchte sie in der Mitte sehen. Ich möchte die Frau nicht in einer Machtposition dulden, sondern sie dazu ermutigt wissen", so May. Seine Erfahrung als einer der "Missionare der Barmherzigkeit" im Jahr der Barmherzigkeit 2015/2016 habe ihn gelehrt, dass es nicht um eine Zuwendung von oben nach unten gehen darf, sondern um eine Begegnung auf Augenhöhe – mit "den Menschen, die überhaupt noch mit mir reden wollen, den Menschen, die bestenfalls noch anklopfen, den Menschen, bei denen ich anklopfen darf".

Der Mitschnitt der Predigt aus der Kapelle des Limburger Bischofshauses wurde von der Pfarrei St. Blasius im Westerwald auf Facebook veröffentlicht. "Eine beeindruckende Predigt", kommentiert die Pfarrei ihr Posting: "Das sollte frau/man sich mal anhören". May ist Bischofsvikar für Kirchenentwicklung und seit 2019 Mitglied des Domkapitels im Bistum Limburg. Der Westerwälder war nach Studien in Frankfurt und Rom Kaplan, Pfarrer und Bezirksdekan an verschiedenen Orten des Bistums Limburg, bevor er 2018 als Regens die Leitung des Priesterseminars übernahm. (fxn)