Das Foto wurde am 1.8.1932 aufgenommen.
Historiker sieht "doppelte Moral" bei dem Kirchenmann

Kardinal Faulhaber – ein "Freund der Juden"?

Der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber rührte in der NS-Zeit für die meisten Juden keinen Finger. Dennoch stand er im Ruf, ihr Freund zu sein. Warum, darüber gibt ein Abend in der Katholischen Akademie Aufschluss.

Von Christoph Renzikowski (KNA) |  München - 10.10.2020

Die Katholische Akademie in Bayern hat ihren Veranstaltungsbetrieb wieder aufgenommen. Unter Corona-Auflagen verteilen sich rund 60 Zuhörer an diesem Donnerstagabend an Bistro-Tischen im Großen Saal, der sonst mehrere hundert Plätze bietet. Zur Auflockerung der Atmosphäre spendiert das Haus jedem Gast ein Getränk.

Die Pandemie nimmt auch Einfluss auf das Programm. Es fehlt der angekündigte Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Seine Universität hat ihm diese Dienstreise untersagt, wie Akademiedirektor Achim Budde das Publikum wissen lässt. So fällt der Hauptvortrag dem Münchner Historiker Andreas Wirsching zu, der mit Wolf das Mammutprojekt der kritischen Online-Edition der Tagebücher des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber (1869-1952) leitet. Vorgestellt wird an diesem Abend der Jahrgang 1938.

Treibende Kraft der Priestervereinigung "Amici Israel"

Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) legt dar, wie es dazu kam, dass Faulhaber sich bei Freund und Feind den Ruf erwarb, ein "Freund der Juden" zu sein, für sie in der NS-Zeit aber keinen Finger rührte, ausgenommen diejenigen, die sich hatten taufen lassen.

Faulhaber ist vor seiner Zeit als Bischof von Speyer und in München Professor für Altes Testament. In der Priestervereinigung "Amici Israel" gilt er als treibende Kraft. Die Gruppe möchte die Fürbitte für die "treulosen Juden" aus der Karfreitagsliturgie tilgen lassen. Für biologisch begründeten Antisemitismus hat er nichts übrig, Ausbrüche von Hass gegenüber Juden geißelt er als unchristlich. Das trägt ihm die Gegnerschaft völkischer Rassisten ein.

Erkennungsdienstliches Foto der Polizei von Pater Rupert Mayer SJ

Der vom NS-Regime drangsalierte Pater Rupert Mayer SJ ging auf Distanz zu Kardinal Faulhaber.

Eine "internationale Sensation", so Wirsching, lösen Faulhabers vier Adventspredigten im Jahr 1933 aus. In ihnen wendet er sich gegen ideologisch motivierte Bestrebungen, das Alte Testament aus der Bibel herauszulösen und Jesus gleichsam zu arisieren. Der Historiker attestiert dem Kardinal in diesem Zusammenhang "großen Mut und intellektuelle Klarheit".

Faulhabers Wertschätzung des Judentums hat indes Grenzen, wie der IfZ-Direktor hinzufügt. Sie gilt vor allem der vorchristlichen Geschichte des Volkes Israel. Mit dem Kreuzestod Christi und dem Zerreißen des Vorhangs im Jerusalemer Tempel sieht der Münchner Kardinal das jüdische Volk "aus dem Dienst an der Offenbarung entlassen". In dieser Konsequenz setzt sich der Erzbischof, als die Verfolgung in der Nazizeit einsetzt, nur für die zum Christentum konvertierten Juden ein, die anderen sollen sich selber helfen. Wirsching spricht von einer "doppelten Moral".

Faulhaber sieht in seinem Bischofsamt kein politisches Mandat

Die flächendeckenden Deportationen belasten Faulhaber zwar, sie erinnern ihn an historische Sklaventransporte. Doch er sieht die katholische Kirche nicht in der Pflicht, dagegen aufzustehen. Dazu kommt auch ein kirchlichen Eigeninteressen geschuldetes taktisches Kalkül. Dem Regime soll kein Anlass gegeben werden, die Judenhetze in eine Katholikenhetze umzubiegen. Als eine "Lebenslüge" sieht es der Historiker an, dass Faulhaber in seinem herausgehobenen Bischofsamt kein politisches Mandat erkannt habe. In den Tagebüchern haben die Forscher nicht viel zur Judenverfolgung gefunden, dagegen sehr viele Einträge zur Drangsalierung von Katholiken. Auch noch nach Kriegsende zieht der Kardinal häufig eine Parallelität zwischen beiden, was Wirsching angesichts des Holocausts zynisch vorkommt.

Am Silvesterabend 1938 predigt der Kardinal im Münchner Liebfrauendom weder über verfolgte Katholiken noch Juden, obwohl er um derlei Erwartungen weiß. Stattdessen spricht er 40 Minuten lang über "das Lied der neuen Zeit, die Einfachheit". Immer noch glaubt er an die Möglichkeit einer Verständigung mit dem NS-Regime. Widerständigere Münchner Katholiken wie der Jesuit Rupert Mayer haben da schon fünf Monate im Gefängnis hinter sich. Für ihn, Mayer, bedeutet diese Predigt eine Zäsur. Durch sie "war in meinem Herzen etwas gesprungen, was mich davon abhielt, mich dort noch einmal sehen zu lassen", notiert der Ordensmann später. Seither habe er Faulhabers Vorgehen "in einer Reihe von Dingen einfach nicht mehr verstehen können".

Von Christoph Renzikowski (KNA)