Knackpunkt Karfreitagsfürbitte
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Hans Hermann Henrix über eine neu entbrannte Diskussion

Knackpunkt Karfreitagsfürbitte

Religion - Vor wenigen Tagen wurde wieder über sie diskutiert: die Karfreitagsfürbitte für die Juden. Katholisch.de hat mit Hans Hermann Henrix, Experte für den jüdisch-christlichen Dialog, über die Problematik und mögliche Lösungsansätze gesprochen.

Von Julia-Maria Lauer |  Bonn - 30.06.2015

Frage: Herr Henrix, Sie waren bei der Veranstaltung zum 50. Jubiläum der Konzilserklärung "Nostra aetate" live dabei. Was halten Sie von der Diskussion über die Karfreitagsfürbitte für die Juden?

Hans Hermann Henrix: Ich war etwas überrascht, dass Herr Schuster als Präsident des Zentralrats der Juden diese Kontroverse von 2008 noch einmal ansprach und dass sich dabei herausstellte, dass sie trotz der damaligen Bearbeitung eben doch auch heute noch nachwirkt. Etwas provoziert war dies durch die Deutung der Karfreitagsfürbitte, die durch den Sekretär der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Pater Norbert Hofmann – vielleicht etwas unglücklich formuliert – vorgetragen wurde. Das hat, so war der Reaktion von Herrn Schuster zu entnehmen, Emotionalität wieder wachgerufen. Das sollte man nicht zu leicht nehmen.

Frage: Wie hat sich die Diskussion von 2008 wieder beruhigt?

Henrix: Es bestand auf jüdischer wie katholischer Seite die bange Frage, ob mit der Formulierung "Lasst uns auch beten für die Juden, dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen" eine Wiederbelebung der Tradition der Judenmission verbunden sei. Dieser Sorge widersprach der damals zuständige Präsident der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Kardinal Walter Kasper, in einem Artikel in der FAZ. Er erläuterte, dass es eben nicht um Judenmission gehe. Das konnte die Situation beruhigen. Auch die zunächst mitlaufende Befürchtung, ob denn diese neue Formulierung der Karfreitagsfürbitte zu weiteren liturgischen Änderungen führen würde, hatte sich dann recht bald erledigt, weil das nicht geschah.

Hans Hermann Henrix im Porträt.
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Hans Hermann Henrix ist Experte für den jüdisch-christlichen Dialog.

Frage: Es herrscht offensichtlich sowohl auf katholischer wie auch auf jüdischer Seite noch immer Unklarheit, um was es denn eigentlich dabei geht. Was unterscheidet genau die Fürbitte des ordentlichen und des außerordentlichen Messritus voneinander?

Henrix: Die Fürbitte des ordentlichen Ritus, die von der übergroßen Mehrheit der Gemeinden und der Katholiken am Karfreitag gebetet wird, hat als Formulierung der Gebetseinleitung "Gott bewahre sie [die Juden] in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will." Diese Fürbitte ist eine Anerkennung der theologischen Würde Israels und setzt die große Wende in der Haltung der Kirche zum Judentum durch die Konzilserklärung "Nostra Aetate" gottesdienstlich um. Sie ist das liturgische Herzstück der respektvollen Haltung der Kirche gegenüber dem jüdischen Volk und dem Judentum. Die alt-neue Karfreitagsfürbitte von 2008 lässt dies dagegen nicht ausdrücklich werden. Von daher hatte zunächst die Sorge bestanden, ob diese eher in die Richtung einer judenmissionarischen Aufforderung gehende Formulierung zum bestimmenden Gebet werden könnte. Diese Sorge ist erledigt. Die Fürbitte von 1974 bleibt das Hauptgebet der Kirche in der Beziehung zum jüdischen Volk und zum Judentum.

Frage: Was ist mit der Fürbitte des außerordentlichen Messritus gemeint?

Henrix: Es gibt unter Theologen unterschiedliche Interpretationen. Die einen sagen, in der von Benedikt neu formulierten Fürbitte stecke eine Vielzahl von neutestamentlichen Aussagen. Insofern könnte die Formulierung durch das Neue Testament gedeckt sein. Andere dagegen sagen, es gebe doch so etwas wie eine Leselenkung von der Überschrift im Messbuch her. Diese lautet nämlich "pro conversione Iudaorum" – für die Bekehrung der Juden. Das lenkt in eine bestimmte Richtung: Wer für die Bekehrung der Juden betet, hat eine judenmissionarische Akzentuierung. Das ist der Kontroverspunkt.

Frage: Ist denn die Fürbitte tatsächlich als eine Aufforderung zur Judenmission gedacht?

Henrix: Es gibt in den Schriften von Papst Benedikt XVI. bzw. schon aus der Zeit vor seinem päpstlichen Amt Aussagen, dass das Gegenüber von Kirche und Judentum bis zur Endzeit bestehen bleibe. Wenn man diesen Standpunkt, den er von einem mittelalterlichen Theologen übernommen hat, zur Richtschnur macht und sagt, Benedikt habe damals die Karfreitagsfürbitte mit dieser Aussage im Ohr geschrieben, dann gibt es tatsächlich keinen judenmissionarischen Akzent. Aber es bleibt der Widerspruch, dass das offizielle Messbuch für den außerordentlichen Ritus nach wie vor die Überschrift "Für die Bekehrung der Juden" beinhaltet.

Frage: Sie haben eben schon das Konzilsdokument "Nostra Aetate" angesprochen. Steht denn diese Fürbitte im Widerspruch zu dem Dokument?

Henrix: Die Fürbitte hat einen sehr anderen Akzent. Das muss man schon sagen. Die Fürbitte von 2008 vollzieht nicht mit, was im Zweiten Vatikanum grundgelegt wurde und was eine respektvolle Haltung gegenüber Judentum und jüdischem Volk beinhaltet. Die Karfreitagsfürbitte von 1974 dagegen ist Ausdruck einer Wertschätzung des jüdischen Volkes und damit einer theologischen Dignität Israels.

Frage: Im christlichen Glauben ist Jesus Christus der Weg zum Heil. Dann steht doch eigentlich hinter der Fürbitte eine gute Absicht.

Henrix: Die Karfreitagsfürbitten haben die gesamte Menschheit im Blick und äußern sich nicht nur in der Fürbitte für die Christen anderer Kirchen, sondern eben auch für die Menschen, die nicht an Gott oder Christus glauben. Die Absicht ist daher in der Tat positiv zu lesen. Aber sie lässt in der Version von 2008 die anhaltende Wirkung einer langen, sehr belasteten Beziehung zwischen Christentum und Judentum außer Acht. Und dass eben dieser Kontext ein Stück weit ausgeblendet wird, hat dann zu der Kontroverse des Jahres 2008 geführt.

Interessant ist, dass in der Kontroverse von 2008 der Rabbiner Jacob Neusner betonte, dass auch in der jüdischen liturgischen Tradition Gebete für Menschen anderer Glaubensrichtungen bestehen.

Zitat: Hans Hermann Henrix

Frage: Gibt es denn im Judentum vergleichbare Gebete für Christen und Angehörige anderer Religionen?

Henrix: Im Judentum gibt es tatsächlich das sogenannte Achtzehngebet, das eine Bitte für die minim, "Ketzer, Verleumder" beinhaltet. Das Achtzehngebet ist ein tägliches liturgisches Gebet. Die Form für den Sabbat hat sieben Bitten, die werktägliche Form 18 bzw. 19 Bitten. Die minim kommen in der zwölften Bitte der werktäglichen Version vor: "Den minim, also den Verleumdern, sei keine Hoffnung und alle Ruchlosen mögen im Augenblick vergehen". Dieser "Ketzersegen" ist tatsächlich eine "Verfluchungsformel". Wer allerdings genau mit dem Begriff des Ketzers oder Verleumders bezeichnet und gemeint ist, wird unter Religionsgelehrten sehr unterschiedlich bewertet. Handelt es sich  nur um Judenchristen oder darüber hinaus um Angehörige anderer Glaubensrichtungen? Interessant ist, dass in der Kontroverse von 2008 der Rabbiner Jacob Neusner betonte, dass auch in der jüdischen liturgischen Tradition Gebete für Menschen anderer Glaubensrichtungen bestehen. Er bezog sich dabei auf das sogenannte "Alenu"-Gebet, das unter anderem darum bittet, dass die ganze Menschheit den Namen Gottes anruft.

Frage: Was ist nach der derzeitigen Diskussion die Perspektive?

Henrix: Ich denke, man muss diesen Nachmittag und Abend schon noch einmal nacharbeiten. Hier haben die Bischöfe, besonders Bischof Mussinghoff als Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, eine Pflicht, dem nachzugehen. Darüber hinaus tragen sie eine besondere Verantwortung, dass nicht aus der Sicht gerät, dass die Karfreitagsfürbitte aus dem Messbuch von 1974 Hauptgebet der katholischen Kirche für die Juden ist. Dieser Verantwortung ist Bischof Mussinghoff bei der Veranstaltung im Haus am Dom gerecht geworden, als er sich wünschte, dass die Fürbitte des außerordentlichen Ritus zurückgenommen werden möge. Im Vorfeld der Neuformulierung von 2008 appellierte damals u.a. Kardinal Karl Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz an Papst Benedikt XVI., dieser solle doch für den außerordentlichen Ritus die Karfreitagsfürbitte des ordentlichen Ritus geltend machen. Mein Wunsch ist, dass man diesem Gedanken in der innerkirchlichen Nacharbeit der Kontroverse noch einmal Rechnung trägt und überlegt, ob auf diese Weise nicht ein neuer konstruktiver Weg beschritten werden könnte.

Die Geschichte der Karfreitagsfürbitte

Die Karfreitagsfürbitte für die Juden entstand im 6. Jahrhundert und bat Gott darum, den Schleier von ihren Herzen zu nehmen und ihnen die Erkenntnis Christi zu schenken. Seit dem Jahr 750 wurden sie als treulos (perfidis) und ihr Glaube als jüdische Treulosigkeit (perfidia iudaica) bezeichnet. Im Laufe der Zeit kamen weitere Elemente hinzu, um an die den Juden zugeschriebene Verhöhnung von Jesus zu erinnern. So entfiel bei dieser Fürbitte der Kniefall, den die Juden aus Spott vor Jesus gemacht hätten.

Nach dem Holocaust entwickelte sich noch unter den schlimmen Eindrücken der Judenverfolgungen eine besondere Sensibilität für dieses Thema. Bereits im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte es Stimmen gegeben, die eine Umformulierung der Fürbitte forderten. Mit der Konzilserklärung "Nostra Aetate" besann sich die Kirche dann auf ihre jüdischen Wurzeln und widerrief die bis dahin gültige Substitutionstheologie: Gottes Bund mit Israel ist ungekündigt und besteht nach wie vor. Im Zuge dessen wurde auch die Karfreitagsfürbitte für die Juden dahingehend umformuliert. In der 1974 von der Deutschen Bischofskonferenz approbierten Version wird seitdem dafür gebetet, dass Gott die Juden "in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen" bewahren möge.

Eine Diskussion entstand erst wieder, als Papst Benedikt XVI. die schon von Papst Johannes Paul II. wieder gestattete außerordentliche Form des Messritus auch ohne bischöfliche Ausnahmegenehmigung zuließ. Diskussionsanlass war die im Jahr 2008 vom Vatikan in diesem Zusammenhang bekannt gegebene Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte. (jml)

Zur Person

Professor Hans Hermann Henrix ist seit 1977 Mitglied des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und seit 1978 der Arbeitsgemeinschaft "Juden und Christen" beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Seit 1979 ist er als Mitglied bei der Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz "Fragen des Judentums" bzw. (seit 2007) bei der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum tätig. Im Jahr 2003 wurde er durch Papst Johannes Paul II. zum Konsultor der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum beim Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen ernannt. Das Mandat wurde 2008 von Papst Benedikt XVI. verlängert.

Von Julia-Maria Lauer