Leipziger Propst verurteilt Vorfälle bei "Querdenken"-Demonstration
"Das war ein großer Mist und eine bittere Erfahrung"

Leipziger Propst verurteilt Vorfälle bei "Querdenken"-Demonstration

Die Bilder von der "Querdenken"-Demonstration am Samstag in Leipzig haben bundesweit für Aufregung gesorgt. Gegenüber katholisch.de äußerte sich am Montag der Leipziger Propst Gregor Giele zu den Vorfällen in der Stadt.

Leipzig - 09.11.2020

Der Leipziger Propst Gregor Giele hat die Vorfälle rund um die "Querdenken"-Demonstration am Samstag in Sachsens größter Stadt verurteilt. "Die Demonstration war ein großer Mist und für die Leipziger eine bittere Erfahrung", sagte Giele am Montag auf Anfrage von katholisch.de. Insbesondere die bewusst angestrebte Imitation der Symbolik der Montagsdemonstrationen vom Herbst 1989 – der Marsch um den Leipziger Ring mit Kerzen in der Hand und dem Ruf "Schließt Euch an!" – sei "richtig übel" gewesen und ihm durch Mark und Bein gegangen.

Zugleich warnte Giele jedoch davor, die "Querdenker"-Szene und die Vorfälle in Leipzig in ihrer Größenordnung überzubewerten. Obwohl bundesweit für die Demonstration mobilisiert worden sei, hätten laut Schätzungen nur rund 20.000 Menschen daran teilgenommen. "Die Aufmerksamkeit, die die 'Querdenker' jetzt bekommen, ist zu groß und nicht verdient", so der Pfarrer. Man müsse sich immer wieder klar machen, dass laut Umfragen weit über 80 Prozent der Menschen in Deutschland mit den von der Politik getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie einverstanden seien und diese mittrügen.

"Es braucht einen sachlichen Diskurs über die Corona-Maßnahmen"

Mit Blick auf die Teilnehmer der Demonstration sprach Giele von einem "bunten Mix". Neben Rechtsextremen und Verschwörungstheoretikern hätten daran auch viele Menschen teilgenommen, die die Existenz des Coronavirus nicht leugneten, aber die getroffenen Maßnahmen der Politik infrage stellten. "Und diese Menschen finden derzeit kaum einen anderen Platz für ihre Fragen und Sorgen als die 'Querdenken'-Veranstaltungen", sagte der Geistliche. Zugleich betonte er aber, dass der Einzelne nicht nur dafür verantwortlich sei, was er selbst tue, sondern auch, mit wem er sich gemein mache: "Den Menschen muss klar sein, dass sie durch ihre Anwesenheit bei der Demonstration Positionen unterstützt haben, die sie selbst vermutlich nicht mittragen oder sogar ablehnen."

Umso mehr seien Gesellschaft und Politik jetzt gefordert, den berechtigten Fragen vieler Menschen zu den Corona-Beschränkungen Raum zu geben. Dass die Politik derzeit vor allem mit Verordnungen auf das Virus reagiere, sei angesichts der Dramatik der Pandemie zwar nachvollziehbar und notwendig. "Gleichwohl braucht es baldmöglichst einen sachlichen Diskurs über die getroffenen Maßnahmen", so Giele. Viele Menschen hätten das Bedürfnis, über die Angemessenheit der geltenden Beschränkungen zu diskutieren – "und das ist in einer Demokratie ein legitimes Anliegen".

Leipziger Kirchen beten um Frieden in der Stadt

Laut Giele zog die Demonstration auch an der katholischen Propsteikirche vorbei. Anders als an der evangelischen Nikolaikirche, die während der Demonstration mehrere Stunden geschlossen werden musste, sei es hier aber nicht zu großen Problemen gekommen. Der Propst wies zudem darauf hin, dass die Innenstadtkirchen mit einer gemeinsamen Aktion Flagge gezeigt hätten. Unter anderem hätten sie Plakate mit dem Spruch "Wir denken anders! Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst" aufgehängt und ökumenische Gottesdienste angeboten, bei denen um Frieden in der Stadt gebetet worden sei.

Bei der Demonstration der "Querdenken"-Szene in der Leipziger Innenstadt hatten die meisten Teilnehmer Versammlungsauflagen zum Mindestabstand und zum Mund-Nasen-Schutz ignoriert, weshalb die Veranstaltung von den Behörden vorzeitig beendet wurde. Im Umfeld der Demonstration griffen Rechtsextreme und Hooligans Polizisten an, auch dutzende Journalisten wurden verletzt oder bei ihrer Arbeit behindert. (stz)