Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).
Positionspapier am Beginn der digitalen Vollversammlung beschlossen

ZdK: Versäumnisse bei Missbrauchsaufarbeitung müssen Folgen haben

Die jüngsten Enthüllungen über Versäumnisse von Bischöfen bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt beschäftigen das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Deshalb hat das Gremium zu Beginn seiner digitalen Vollversammlung ein Papier verabschiedet, in dem es Transparenz fordert – und Konsequenzen.

Bonn - 20.11.2020

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) fordert Folgen aus den Versäumnissen bei der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche in Deutschland. "Wer Verantwortung trägt, muss diese auch übernehmen und aus Versagen Konsequenzen ziehen – das betrifft alle Leitungspositionen, in erster Linie die Bischöfe", heißt es in einem Positionspapier mit dem Titel "Ursachen erkennen – Verantwortung übernehmen – Konsequenzen ziehen", das am Freitag zu Beginn der Herbstvollversammlung des ZdK beschlossen wurde. Wegen der Corona-Pandemie trifft sich das höchste repräsentative Gremium der katholischen Laien in Deutschland dieses Jahr digital. Die Beratungen laufen bis einschließlich Samstag.

"Wir sind ernüchtert, beschämt und zornig, dass sexualisierte Gewalt in der Kirche immer noch vertuscht wird", heißt es weiter in dem Text. Es brauche daher weiterhin eine schonungslose Aufarbeitung. "Wir sehen jedoch, dass es noch immer Bischöfe und andere Leitungsverantwortliche gibt, die ihre Macht missbrauchen, keine persönliche und institutionelle Verantwortung übernehmen und nicht zu strukturellen Veränderungen bereit sind."

Vorgänge im Erzbistum Köln offen legen

Konkret nimmt das Papier Bezug auf die jüngsten Vorfälle im Erzbistum Köln um die Nicht-Veröffentlichung des Gutachtens über den Umgang mit Missbrauchsfällen der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl. Das ZdK fordert, diese "intransparenten Vorgänge" offen zu legen und die Ergebnisse des Gutachtens zu publizieren. Täter seien nicht nur diejenigen, die missbrauchten, "sondern auch alle, die vertuschen, verharmlosen und eine offene und transparente Aufdeckung der Taten behindern", heißt es wörtlich.

Zudem betonte das ZdK, dass es bedauere, nicht schon vor dem Jahr 2010 das Thema Missbrauch in den Blick genommen zu haben: "Wir bekennen, dass auch wir das Leid der Betroffenen oft nicht an uns herangelassen haben und diesbezüglich noch Lernende sind." Das Gremium verpflichtet sich daher, die Aufarbeitung "kritisch" zu begleiten und notwendige Reformen der katholischen Kirche voranzutreiben, "insbesondere auf dem Synodalen Weg".

Weiterhin gab das ZdK bekannt, dass im Jahr 2026 ein europaweiter Katholikentag stattfinden soll. Auf deutscher Seite übernimmt demnach das ZdK-Generalsekretariat die Planungen. Dabei soll es einen engen Austausch mit der Kommission der Europäischen Bischofskonferenzen (COMECE) und mit europäischen Partnerorganisationen geben. Denkbar sei auch ein europäischer Ökumenischer Kirchentag.

Das ZdK kritisiert die Vorgänge im Erzbistum Köln um die Nicht-Veröffentlichung des Gutachtens über den Umgang mit Missbrauchsfällen der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl scharf.

Zu Beginn der Vollversammlung hatte ZdK-Präsident Thomas Sternberg in seinem Bericht zur Lage bereits die Vorgänge im Erzbistum Köln thematisiert. Sternberg sagte, er habe Verständnis für die Empörung der Gläubigen. "Wenn die Presseberichte zutreffen, nach denen der Betroffenenbeirat im Erzbistum Köln instrumentalisiert wurde für die Akzeptanz einer veränderten Strategie, dann ist das ein sehr schwerwiegender Skandal". Man frage sich, ob die Verantwortlichen tatsächlich verstanden hätten, was sexueller und geistlicher Missbrauch bedeute, so Sternberg. Wer Transparenz ankündige, stehe in der Verantwortung, für eine "angemessene Veröffentlichung" zu sorgen.

Im Blick auf die Situation der Kirche in Deutschland monierte Sternberg den "Gegenwind" aus dem Vatikan, der seit dem offiziellen Beginn des Synodalen Wegs vernehmbar sei. Konkret nannte er dabei unter anderem die Vatikan-Instruktion zur Mitarbeit der Laien an der Gemeindeleitung. Laut Sternberg transportiert das Dokument ein Bild von der pastoralen Wirklichkeit, dass es so nicht mehr gebe: "Es wird angesichts des verbreiteten Auszugs der Kirche aus der Fläche künftig vor allem auf die Laien – die Frauen und Männer vor Ort in den alten Gemeinden – ankommen, wenn kirchliches Leben eine Zukunft haben soll."

Stimme erheben bei Verteilung des Corona-Impfstoffs

Angesichts der Corona-Pandemie in Deutschland betonte Sternberg, dass die Kirche in den kommenden Wochen, gerade im Hinblick auf das anstehende Weihnachtsfest, in ganz besonderem Maße für die Menschen da sein müsse. Auch wenn es in naher Zukunft um die gerechte Verteilung eines möglichen Impfstoffs gehe, müsse die Kirche ihre Stimme erheben.

Friedlicher Protest und Debatten, inwiefern Grundrechtseinschränkungen zur Eindämmung von steigenden Infektionszahlen gerechtfertigt sind, bezeichnete der ZdK-Präsident als wichtig. Im Blick auf aktuellen "Lockdown light" gelte seine Sorge insbesondere Kindern aus sozial benachteiligten Familien und älteren Menschen, "die nicht vereinsamen dürften." Allerdings warnte er vor einer Instrumentalisierung der Proteste. So sei die Verwendung religiöser Symbole bei Corona-Demonstrationen "völlig inakzeptabel": "Das Deklarieren von Demonstrationen als Gottesdienste ist skandalös, der Missbrauch von Symbolen aus der NS-Zeit wie dem gelben Stern ist widerwärtig", so Sternberg.

Zu Beginn seiner Ausführungen hatte Sternberg bekannt gegeben, dass die für kommenden April geplante Frühjahrsvollversammlung des ZdK in Frankfurt abgesagt ist. Die Entscheidung über einen neuen Termin und das Format soll in Bälde fallen. (mal)