So bekämpften Stasi und KGB den Bibelschmuggel in die Sowjetunion
Studie untersucht spannendes Kapitel des Ost-West-Konflikts

So bekämpften Stasi und KGB den Bibelschmuggel in die Sowjetunion

Weil die Verbreitung der Bibel in der Sowjetunion stark eingeschränkt wurde, schmuggelten westliche Missionsgesellschaften das Buch heimlich dorthin. Damit riefen sie Stasi und KGB auf den Plan, die den Schmuggel massiv bekämpften. Ein neues Buch untersucht dieses Kapitel des Ost-West-Konflikts.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 08.01.2021

Eigentlich wollte Ann-Kathrin Reichardt im Auftrag der Stasi-Unterlagenbehörde nur die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und dem russischen KGB untersuchen. Dabei stieß die Wissenschaftlerin jedoch auf ein ebenso spannendes wie unbekanntes Kapitel des Ost-West-Konflikts: den Bibelschmuggel in die Sowjetunion. Was es damit genau auf sich hat und wie die Geheimdienste versuchten, den Schmuggel zu unterbinden, erläutert Reichardt im Interview mit katholisch.de.

Frage: Frau Reichardt, wie kam es dazu, dass Sie sich mit dem Bibelschmuggel in die Sowjetunion beschäftigt haben?

Reichardt: Das war eigentlich ein Zufall. Die Abteilung Kommunikation und Wissen, für die ich innerhalb der Stasi-Unterlagenbehörde tätig bin, hat vor einigen Jahren ein größeres Projekt gestartet, mit dem die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit und dem sowjetischen KGB erforscht werden soll. Die ist jenseits der Aufbauphase der Stasi in den 1950er Jahren nämlich noch sehr schlecht erforscht. Das hat allerdings auch einen triftigen Grund, denn wir haben – abgesehen von einer kurzen Phase unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin – bis heute keinen Zugang zu den Unterlagen des KGB. Insofern sind wir bei unserer  Forschung fast vollständig auf die Unterlagen des MfS angewiesen. Und da bot sich der Bibelschmuggel als Untersuchungsobjekt für die Zusammenarbeit der beiden Geheimdienste an, weil sich dazu in den Hinterlassenschaften des MfS ausreichend Material fand.

Frage: Was war das für Material?

Reichardt: Im Wesentlichen handelte es sich um die "Operativen Vorgänge", die das MfS in diesem Zusammenhang angelegt hat. Solche Vorgänge wurden angelegt, wenn Menschen beobachtet und bespitzelt wurden oder direkt Einfluss auf sie genommen werden sollte. Hinzu kamen Akten zu inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit – den sogenannten IM – sowie Unterlagen, die nach 1989 in den Büros der Stasi-Mitarbeiter gefunden wurden. Das alles war eine ziemliche Zettelwirtschaft, die sich aber als sehr ergiebig herausgestellt hat.

Frage: Warum gab es überhaupt einen offenbar nennenswerten Bibelschmuggel in die Sowjetunion?

Reichardt: Bibeln und andere christliche Literatur waren in der Sowjetunion Mangelware. Ein Grund dafür war, dass es nicht genug Papier gab. Vor allem aber wurden vom Staat nicht genug Drucklizenzen vergeben; und in der Sowjetunion wie auch in der DDR durfte nur solche Literatur gedruckt werden, die staatlich lizensiert war. Ziel der sowjetischen Machthaber war es, das geistliche und religiöse Leben zu unterdrücken. Christliche Gemeinden sollten – vor allem, wenn sie nicht zur orthodoxen Kirche gehörten – geistig ausgehungert werden. Um diesem Zustand entgegenzuwirken, traten etwa ab Mitte der 1960er Jahre westliche Missionsgesellschaften insbesondere aus der Bundesrepublik und den USA in Erscheinung. Sie fühlten sich dazu berufen, ihren Glaubensgeschwistern hinter dem Eisernen Vorhang christliche Literatur zukommen zu lassen.

Für die sozialistischen Regime war das Christentum die Ideologie des Feindes. Man hatte panische Angst vor Unterwanderung und dem ideologischen Gegenpotential der Religion.

Zitat: Ann-Kathrin Reichardt

Frage: Und das rief die Stasi und den KGB auf den Plan?

Reichardt: Ja. Für die sozialistischen Regime war das Christentum die Ideologie des Feindes; so drückte man sich aus. Man hatte panische Angst vor Unterwanderung und dem ideologischen Gegenpotential der Religion. Deshalb wurden im Laufe der Zeit in den osteuropäischen Geheimdiensten auch spezielle Abteilungen eingerichtet, die nur für die Beobachtung der Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig waren.

Frage: Haben Sie bei Ihrer Forschung herausfinden können, in welcher Größenordnung Bibeln und andere christliche Literatur im Lauf der Jahre in die Sowjetunion geschmuggelt wurden?

Reichardt: Leider nein. Man findet dazu in den Stasi-Unterlagen zwar immer wieder einzelne Zahlen – etwa zu abgefangenen Lieferungen –, die sind aber mit Vorsicht zu genießen. Ich habe mich damit allerdings auch nicht intensiver beschäftigt, weil es mir, wie gesagt, vor allem darum ging, die Zusammenarbeit von MfS und KGB zu beleuchten. Gleichwohl wäre es sicher interessant, den Dimensionen des Bibelschmuggels einmal genauer nachzugehen. Ich habe aber Zweifel, dass das angesichts der Datenlage heute noch seriös möglich wäre.

Frage: Zumindest schildern Sie in Ihrem Buch aber den Fall des IM "Gerd", der eine zentrale Rolle bei der Beobachtung und Bekämpfung des Bibelschmuggels innehatte und für das MfS wiederholt größere Mengen christlicher Literatur abgefangen hat. Im Buch schreiben Sie etwa, wie "Gerd" der Stasi im Februar 1975 erst 800 Bibeln übergab und im Juni desselben Jahres noch einmal 1.700 christliche Bücher. Das gibt zumindest einen Eindruck von der Größenordnung, oder?

Reichardt: Solche Zahlen habe ich in Einzelfällen tatsächlich gefunden und natürlich macht das die Dimensionen, um die es beim Bibelschmuggel ging, zumindest in Ansätzen deutlich. Es ging dabei eben nicht nur um ein paar Bibeln hier und ein paar christliche Bücher dort. Wenn man in den Dokumenten konkrete Zahlen findet, geht es dabei meist um mehrere hundert oder gar mehrere tausend Bücher.

Frage: Weiß man, was mit den Bibeln und christlichen Büchern passierte, die von den Geheimdiensten konfisziert wurden?

Reichardt: Die meisten dieser Bücher wurden direkt verbrannt oder der Papierpresse zugeführt. Es gab aber auch Ausnahmen: So hat man zum Beispiel nach 1989 in den Kellern des MfS eine größere Menge an Bibeln gefunden. Dem KGB musste stets eine bestimmte Anzahl Belegexemplare pro beschlagnahmter Lieferung überstellt werden. Außerdem kursiert die Legende, dass der KGB einst einen Schiffscontainer voller Bibel konfisziert habe und Mitarbeiter des Geheimdienstes diese Bibeln später auf dem Schwarzmarkt verkauft hätten, um sich zu bereichern. Diese Geschichte ist aber nicht belegt.

Bild: © BStU

Ann-Kathrin Reichardt.

Frage: Wie hat der Bibelschmuggel denn genau funktioniert? Sie haben bereits gesagt, dass die Initiative dazu von westlichen Missionsgesellschaften ausging. Aber wie wurde das Material dann konkret in die Sowjetunion gebracht?

Reichardt: In der Regel wurden die Bibeln zunächst heimlich von Kurieren in die DDR oder andere osteuropäische Länder gebracht. In der DDR wurden dafür meist die Transitstrecken genutzt, weil das Gepäck von Reisenden dort nach dem Transitabkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR nicht mehr kontrolliert wurde. So konnten die Kuriere ihre Autos einigermaßen gefahrlos mit Bibeln und anderer Literatur beladen. Unterwegs hielten sie dann – natürlich verbotenerweise – auf Parkplätzen oder Raststätten an und übergaben die Bücher an Komplizen. Danach wurde das Material zunächst in der DDR versteckt, ehe es dann in die Sowjetunion weitertransportiert wurde.

Frage: Lief dieser Weitertransport ähnlich ab wie zuvor der Transport in die DDR?

Reichardt: Im Prinzip ja. Allerdings wurden für den Transport in die Sowjetunion nicht nur Autos, sondern auch Flugzeuge und Züge genutzt. Als Kuriere fungierten meist Touristen oder Studenten, aber auch LKW-Fahrer nahmen immer wieder Literatur mit. Wir wissen heute jedoch, dass viele dieser Fahrer inoffizielle Mitarbeiter der Stasi waren. Versteckt wurden die Bücher in der Regel in Koffern und anderen Gepäckstücken, manchmal wurden aber auch kreative Verstecke wie Konservendosen oder Spielzeugautos genutzt. Über den Postweg gelangte christliche Literatur ebenfalls in die Sowjetunion. In Paketen, die als Geschenksendungen deklariert waren, wurden die Bücher dann zum Beispiel in Waschmittelverpackungen, Bilderrahmen oder unter doppelten Böden versteckt.

Frage: Wer waren die Schmuggler?

Reichardt: Zum größten Teil waren es Menschen, die freikirchlich engagiert waren – etwa Baptisten, Adventisten und Mennoniten –, aber auch Mitglieder evangelischer und katholischer Kirchengemeinden. Über die Jahre konnten die Beteiligten in der DDR ein regelrechtes Netzwerk aufbauen, das beinahe geheimdienstlich strukturiert war. Die professionelle Organisation der Schmuggler führte sogar dazu, dass das MfS lange Zeit vermutete, dass westliche Geheimdienste die eigentlichen Drahtzieher des Bibelschmuggels seien.

Buchtipp

Ann-Kathrin Reichardt: Schmuggler, Spitzel und Tschekisten. Wie Stasi und KGB den Bibelschmuggel in die Sowjetunion bekämpften. BStU-Verlag, Berlin 2020, 184 Seiten, 5 Euro. ISBN: 978-3-946572-27-5.

Frage: Gibt es dafür irgendwelche Beweise?

Reichardt: Nein, lediglich Vermutungen. Um dem konkreter nachzugehen, müsste man sich wahrscheinlich die Archive der CIA anschauen.

Frage: Was drohte den Bibelschmugglern, wenn sie von den Geheimdiensten erwischt wurden?

Reichardt: Primäres Ziel der Geheimdienste war es, die Schmuggler zu inhaftieren, um den Transport der Bibeln möglichst vollständig zu unterbinden. Dieses Ziel wurde jedoch nie erreicht. Zwar wurden die Beteiligten in der DDR häufig über lange Zeiträume und mit aufwändigen Methoden beobachtet, am Ende kamen viele enttarnte Schmuggler jedoch mit Geldstrafen davon. Die konnten zwar schon empfindlich hoch ausfallen, Haftstrafen wurden aber nur selten verhängt. Das lag unter anderem an der Gesetzeslage in der DDR, die – anders als in der Sowjetunion – den Besitz von geistlicher Literatur nicht verbot. Insofern konnte der Bibelschmuggel in der DDR meist nur als Zollvergehen geahndet werden. Hinzu kam, dass sich das SED-Regime ab Ende der 1970er Jahre zunehmend um internationale Anerkennung bemühte. Auch deshalb verzichtete man auf allzu harte Strafen gegen die Schmuggler, um dem Westen bei diesem sensiblen Thema keine Angriffsfläche für Kritik zu bieten. Das MfS verlegte sich in den letzten beiden Jahrzehnten der SED-Herrschaft aus diesem Grund eher auf die sogenannten Maßnahmen der "Zersetzung". So versuchte man etwa, durch eingeschleuste IM die Strukturen der Bibelschmuggler zu unterwandern und unter ihnen Misstrauen und Verunsicherung zu säen, um so ihre Aktivitäten zu unterbinden.

Frage: Das heißt, das MfS konnte beim Kampf gegen den Bibelschmuggel nur mit angezogener Handbremse agieren?

Reichardt: So kann man es formulieren. Und das wiederum führte durchaus zu Problemen mit dem KGB, der sich vom MfS laut Aktenlage eine deutlich härtere Gangart gegen die Schmuggler gewünscht hätte. Die Stasi konnte diesen Wunsch aber nie wirklich erfüllen, weshalb der Bibelschmuggel bis zum Fall des Eisernen Vorhangs nie vollständig unterbunden werden konnte.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Ann-Kathrin Reichardt (*1966) arbeitet seit 2014 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Kommunikation und Wissen (vorher: Bildung und Forschung) des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU). Sie hat in Bremen Kulturgeschichte Ost- und Ostmitteleuropas, Soziologie und Musikwissenschaft studiert und ihre Dissertation von 2007 bis 2012 über die Zensur sowjetischer Belletristik in der DDR geschrieben.