Schachfigur
Standpunkt

Wie würde Martin Luther die Kirche heute sehen?

Ricarda Menne schreibt einen persönlichen Brief an Martin Luther. Sie sagt ihm, was sie von seinem Handeln vor 500 Jahren hält – und fragt sich, wie er die Missstände in der Kirche von heute bewerten würde.

Von Ricarda Menne |  Bonn - 10.12.2020

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Lieber Martin Luther,

was ist Dir durch den Kopf gegangen, als Du heute vor 500 Jahren die päpstliche Bannandrohungsbulle "Exsurge Domine" verbrannt hast? Empörung, Enttäuschung, Genugtuung? Fühltest Du Dich unverstanden, zu Unrecht als Häretiker verdammt? Oder hat Dich die Bulle in Deinem Tun womöglich bestärkt?

Von der heutigen Warte aus kann man sagen: Du hast in Deinem Ringen um einen gnädigen Gott, in Deiner Kritik am Ablasswesen und seinem Missbrauch die Zeichen der Zeit erkannt und richtig gedeutet.

Sicher, Du bist auch über‘s Ziel hinausgeschossen: Den Papst als Antichrist zu bezeichnen war für einen Dialog nicht gerade förderlich und so manche Äußerung von Dir hat auch eine fatale Wirkungsgeschichte entwickelt.

Aber wieviel Spaltung und gegenseitige Verdammung wäre der abendländischen Kirche erspart geblieben, wenn sie sich nicht so fest an das geklammert hätte, was sie als Bewahrung des Glaubens deutete, was aber zugleich auch eine große Portion Besitzstandsdenken und Angst vor Veränderung und Machtverlust beinhaltete? Wie viele Verletzungen, wieviel Blutvergießen hätte es nicht gegeben, wenn die damaligen Kirchenoberen die Nöte und Erkenntnisse eines Mönchs und Theologen und derjenigen, denen Du eine Stimme gegeben hast, nicht als Bedrohung bekämpft, sondern aufgegriffen hätten?

Was geht Dir heute, 500 Jahre später durch den Kopf, wenn Du auf die Kirche(n) in Deutschland und Europa schaust? Auf Geistliche, die gegen Homosexuelle hetzen oder Verschwörungsmythen in bester "Brunnenvergifter-Tradition" in Umlauf bringen? Auf Versuche von Kirchenleitungen, unangenehme Stimmen wie die von Maria 2.0 zu überhören oder notfalls mit frommen Floskeln einzulullen? Auf die Versuche, sich mit Gutachten – die moderne Form des Ablasses? – das verloren gegangene, nein: das entzogene Vertrauen wieder "zurückzukaufen"? Aber auch auf die wachsende Zahl von engagierten ChristInnen und –endlich! – auch Pfarrern und anderen SeelsorgerInnen, die in offenen Briefen und Anfragen den Kirchenleitungen das Stoppschild zeigen.

Ich weiß nicht, was Dir durch den Kopf ginge. Aber ich bin mir sicher: Du wärest begeistert von den Möglichkeiten, die das Internet und die sozialen Medien bieten. Was das ist, das Internet? Das ist der Buchdruck von heute. Buchdruck 4.0, gewissermaßen.

Von Ricarda Menne

Die Autorin

Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Außerdem ist sie in der Hochschulpastoral der Bergischen Universität Wuppertal tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.