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Standpunkt

Das Theologiestudium braucht mehr Ökumene

"Mehr Gemeinschaft wagen!" – das ist für Pater Nikodemus Schnabel der Claim der jüngsten Enzyklika von Papst Franziskus, "Fratelli tutti". Mehr Gemeinschaft wünscht Pater Nikodemus sich auch beim Theologiestudium – und fordert, neu zu denken.

Von Pater Nikodemus Schnabel |  Bonn - 23.12.2020

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"...so sollen das vertiefte Studium der Heiligen Schrift, die Ökumene und der interreligiöse Dialog stets ein typisches Kennzeichen eures Programms bleiben." Diese Worte rief Papst Franziskus vor Kurzem am 18. Dezember den 21 evangelischen und katholischen Theologiestudierenden des 47. Jahrgangs des ökumenischen "Theologischen Studienjahrs Jerusalem" in der Sala Clementina im Vatikan im Rahmen einer Sonderaudienz zu.

Auch bei dieser Begegnung spielte seine jüngste Enzyklika "Fratelli tutti" eine zentrale Rolle, in welcher es ja um Geschwisterlichkeit, Freundschaft, Dialog und Abbau von Schranken geht. Falls man dieser Enzyklika einen griffigen Claim geben wollte, wäre wohl "Mehr Gemeinschaft wagen!" ein äußerst passender.

Diese Enzyklika kann sich wahrlich nicht beklagen, nicht ausreichend kritisiert worden zu sein, vor allem der Vorwurf, dass sie sehr klar und richtig für die Weltgemeinschaft formuliere, was sie für die innerkirchliche Realität selbst nicht einlösen würde, steht als Hauptvorwurf im Raum. Vielleicht verdient diese Enzyklika aber neben diesen vielen berechtigten Einwänden doch auch ein Zuhören.

Wer heute als junger Mensch nämlich Theologie studiert, will vor allem sprachfähig im Bezug auf ihren und seinen Glauben werden, und zwar nicht für die in sich zusammenfallende einstige innerkirchliche Milieu-Blase einer "Volkskirche", sondern vor allem in ökumenisch und interreligiös sensibler Art und Weise inmitten einer Gesellschaft, in welcher die Frage nach Gott in weiten Teilen als irrelevant angesehen wird.   

Wie soll Ökumene in Zukunft wirklich gelingen, wenn jede Kirche immer noch fein säuberlich getrennt ihren theologischen Nachwuchs ausbildet? Wenn sich an Hochschulstandorten mit einer sowohl Evangelisch- als auch Katholisch-Theologischen Fakultät die gemeinsamen ökumenischen Lehrveranstaltungen im sehr überschaubaren Rahmen halten? Wenn man ohne ein Wissen um die Ostkirchen und ihre Geschichte und Theologie gut durchs Theologiestudium kommen kann und wenn eine ökumenische Perspektive sich nicht konsequent durch alle Fächer zieht? Wie, wenn jüdische und muslimische Zugänge höchstens am Rande mitbedacht werden und die Teilnahme an Lehrveranstaltungen einer Theologischen Fakultät einer anderen Konfession keine anrechenbaren ECTS-Punkte bringt? Wie, wenn es keine regelmäßigen gemeinsamen ökumenischen und interreligiösen Lernerfahrungen gibt, in welcher eine Konfession nicht nur unter sich im Hörsaal sitzt? Die Frage ist doch: Hilft die derzeitige Praxis des Theologiestudiums wirklich Grenzen abzubauen und mehr Gemeinschaft zu wagen? Oder muss hier nicht neu nachgedacht werden?

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG).

Hinweis

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