Moderne Kapelle
Liturgiewissenschaftler Gerhards: Transformationsprozesse bieten auch Chancen

Mehr als ein Liturgieort: Welches Potenzial in Kirchenräumen steckt

Wie soll die Kirche angesichts von Transformationsprozessen mit ihren Gottesdiensträumen umgehen? Im katholisch.de-Interview schlägt der Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards vor, ihnen je nach Eignung ein besonderes Profil zu geben – und plädiert für mehr Kreativität bei der Nutzung.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 20.01.2021

Vielerorts sind Kirchenräume längst nicht mehr bloße Liturgieräume. Der emeritierte Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards beschäftigt sich intensiv mit ihrer Ausgestaltung und Funktion. Er weiß, was heutzutage einen guten Gottesdienstraum ausmacht – und welche Möglichkeiten sie im Hinblick auf pastorale Neukonzeptionen bieten.

Frage: Herr Gerhards, zunächst eine Frage an Sie als Priester: In welchen Kirchenräumen feiern Sie am liebsten die Heilige Messe?

Gerhards: Das sind ganz unterschiedliche Kirchenräume, die auf unterschiedliche Weise inspirieren und unterschiedliche Verhaltensformen im Raum fordern. Im neueren Diskurs der Architektur ist Atmosphäre ein großes Thema. Für Gottesdiensträume war es schon immer wichtig, dass sie eine Atmosphäre haben, die gewisse Gefühle hervorruft. Das sind weniger die religiösen Symbole, sondern bestimmte architektonische Merkmale. Es sind die Elemente, die mit Materie, mit Licht, mit Proportionen zusammenhängen und Menschen bestimmte Erfahrungen von Geborgenheit, von Orientierung, von Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Da kommen bestimmte Elemente zusammen, die gerade auch in ihrer Kombination wichtig sind.

Frage: Welche sind das?

Gerhards: Ein christlicher Kirchenraum hat nach heutigem Verständnis zwei sich zunächst einander widersprechende Funktionen: eine orientierende im Sinne der Ausrichtung, der Anbetung, aber eben auch eine gemeinschaftsbildende, also eine konzentrierende, versammelnde. Beides steht miteinander in Spannung – und das muss auch so sein. Gerade das macht die Qualität eines Kirchenraums aus, und zwar durch die Jahrhunderte hindurch. In den verschiedenen Stilen und Zeiten wurde das unterschiedlich umgesetzt, wie auch die Liturgie in den verschiedenen Zeiten unterschiedlich war.

Frage: Welche sind die aktuell leitenden Prinzipien für die Kirchenraumgestaltung?

Gerhards: Wenn man sich ansieht, was in den vergangenen Jahren geschaffen wurde, geht das in die Richtung "Klärung" von Räumen. Das bedeutet eine gewisse Konzentration, Reduktion. Dekor wird sehr gezielt eingesetzt und nicht bloß als Verzierung. Auch in Sachen Lichtführung setzt man wieder auf mehr Klarheit. Man arbeitet sehr elementar mit den Grunddimensionen des Raumerlebens.

Bild: © privat

Albert Gerhards ist emeritierter Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Frage: Welche Grenzen setzt oder welche Möglichkeiten eröffnet ein Kirchenraum für die Feier von Gottesdiensten?

Gerhards: Grenzen werden zunächst durch die Räumlichkeit gesetzt. In einer Dorfkirche kann man nicht dasselbe wie in einer Kathedrale machen; auf der anderen Seite kann ein riesiger Kirchenraum keine Geborgenheit schaffen. Aber in Grenzen stecken immer auch Potenziale. Nehmen Sie zum Beispiel einen Kirchenraum mit Altarstufen. Dagegen lässt sich natürlich einwenden, dass der Altar sehr weit weg und hoch gegenüber der Gemeinde wirkt – was bestimmten Vorstellungen von Nähe, von einer um den Altar versammelten Gemeinde gewiss widerspricht. Gleichzeitig kann die Situation aber dazu einladen, Gottesdienste so zu gestalten, dass man einerseits den Raum akzeptiert, andererseits aber unterschiedliche Formen der Versammlung innerhalb einer Feier realisiert. Die Gemeinde kann sich beispielsweise im Schiff zum Wortgottesdienst versammeln und diesen dort feiern; zur Eucharistiefeier kann sie dann zum Altar gehen und sich um diesen versammeln. So nimmt man den Raum in seiner Entwicklung ernst und entdeckt ihn auf spielerische Art neu.

Frage: Wenn wir von Grenzen und Potenzialen sprechen: Welche stecken etwa in "traditionelleren" Kirchenräumen, etwa mit einer ausgeklügelten Theatralik gestalteten Barockkirchen?

Gerhards: Das sind Kirchenräume, die aus sich heraus schon sprechen. Da muss man sich schon überlegen, wie angemessen man mit ihnen umgeht. Das heißt nicht, dass sich der Priester immer mit der Barockkasel an den Hochaltar stellen muss. Dennoch muss der Raum als Maßstab und als Ausgangspunkt ernst genommen werden. Es spricht beispielsweise überhaupt nichts dagegen, dass man in kleinen Dorfkirchen, in denen es keinen Platz für einen Volksaltar gibt, bei der Eucharistiefeier den Hochaltar benutzt und sich der Priester beim Hochgebet in die gleiche Richtung wie die Gläubigen stellt. Der Wortgottesdienst, die Verkündigung, findet dann natürlich zur Gemeinde hin statt.

Frage: Würden Sie so weit gehen und sagen, dass nicht jeder Kirchenraum für jede Gottesdienstform gleichermaßen geeignet ist?

Gerhards: Ja, natürlich. Aber gerade bei den aktuellen Transformierungsprozessen in den Diözesen steckt die Chance, Kirchenräumen ein besonderes Profil oder besondere Aufgaben zu geben: Der eine Raum eignet sich etwa besonders als Familienkirche, ein anderer als Anbetungsort. Dementsprechend kann man diese Räume in diese Richtung profilieren. Räume mit einem exponierten Verkündigungsort, mit einer guten Hörsituation, kommen eher für Wort-Gottes-Feiern in Frage als solche, die fast ausschließlich um den Altar herum konzipiert oder ausschließlich auf diesen ausgerichtet sind. Hier stellt sich aber auch die Frage, inwiefern nicht auch bestehende Kirchenräume im Hinblick auf Wort-Gottes-Feiern noch einmal revidiert werden können, sprich, wie man hier dem Ort der Wortverkündigung ein größeres Gewicht geben kann.

Kirche St. Ulrich in Eresing (Oberbayern)

"Das sind Kirchenräume, die aus sich heraus schon sprechen. Da muss man sich schon überlegen, wie angemessen man mit ihnen umgeht", sagt Albert Gerhards zu barocken Kirchenräumen.

Frage: Was sollen dann Gemeinden unternehmen, die scheinbar keine geeigneten Kirchenräume zur Verfügung haben?

Gerhards: Da würde ich sagen: Räumt doch mal eure Kirche auf – und räumt sie aus. Und räumt sie dann wieder mit Bedacht ein. Fragt euch, wie ihr euch in diesem Raum versammeln wollt und wie ihr feiern wollt. Und probiert verschiedene Konzepte aus. Soll es bei festen Bänken bleiben, oder soll es lose Bestuhlung geben? Es gibt hier keine ideale Lösung, aber letztlich ist eine Variabilität wirklich oft anzuraten. Es gibt da auch Zwischenlösungen. Das hängt immer stark vom Raum ab, aber auch von der jeweiligen Gemeinde, von den jeweiligen Vorstellungen, die man da entwickeln will. Aber eine Reduzierung der Bestuhlung und damit auch das Schaffen von Freiräumen ist immer schon Gewinn. Das zeigt gerade jetzt die Corona-Zeit, in der weniger Leute in der Kirche sind: Man nimmt die Räume ganz anders wahr.

Frage: Wie müsste ein Kirchenraum aussehen, der zu einer Gemeinde oder zur Kirche von heute passt?

Gerhards: Grundsätzlich geht es in der Debatte um die Transformation von Sakralräumen nicht nur darum, den Leuten Rezepte für eine Umnutzung anzubieten, sondern um Prozesse, an denen möglichst auch die Gemeinden beteiligt sind. Es gibt in diesem Zusammenhang äußerst spannende Projekte, ich denke etwa an "St. Maria als" in Stuttgart, wo die Gemeinde ihren Kirchenraum auch für andere Nutzungen geöffnet hat und damit sicher ein Wagnis eingegangen ist. Wenn ein solches Konzept aufgeht, entsteht eventuell sogar eine neue Gemeinde. Die Vorstellungen gehen heutzutage bereits dahin, dass die Kirchenräume nicht nur exklusive Liturgiegemeinderäume sein sollen. Da sehe ich auch für die pastoralen Neukonzepte der Bistümer ein großes Potenzial: Die Kirche hat mit ihren Standorten viele Möglichkeiten, etwas zu entwickeln, um ganz neu präsent zu sein in der Gesellschaft und auch missionarisch Kirche zu sein. Wenn es die Bistümer mit ihren Konzepten wirklich ernst meinen, muss das auch Auswirkungen auf die Kirchenräume haben.

Frage: Warum ist die Frage der Kirchenraumgestaltung auch wichtig im Blick auf die Zukunft der Kirche?

Gerhards: Solange wir als Kirche auf dieser Welt sind, brauchen wir Kirchenräume, und wir brauchen sie auch in ihrer Monumentalität und in ihrer ästhetischen Qualität, weil wir auf Zeichen angewiesen sind. Diese Zeichen brauchen wir gerade in einer Welt, die sich zunehmend differenziert, entkirchlicht und entchristianisiert. Gerade heute haben wir eine Verantwortung, die Kirchenräume als Identifikationsmarker zu erhalten – nicht im Sinne des Trennenden, sondern im Sinne einer Präsenz des Anderen, des Transzendenten in der Welt, die alle Menschen erreichen soll. Wenn man versuchen würde, das in Kirchenräumen erfahrbar zu machen, täte es allen, und nicht zuletzt auch den Kirchen gut. Und das würde sich, so mein Eindruck, in vielerlei Hinsicht lohnen, weil sich dann auch viel mehr Leute für den Erhalt von Kirchengebäuden als Erfahrungsorten motivieren ließen.

Von Matthias Altmann

Hinweis

Albert Gerhards leitet die DFG-Forschungsgruppe "Sakralraumtransformation". Diese arbeitet in sieben Teilprojekten, die jeweils mit einer unterschiedlichen Perspektive das Thema der Sakralraumtransformation betrachten und an verschiedenen Universitäten und Hochschulen angesiedelt sind. Die beiden Untersuchungsräume Aachen und Leipzig ermöglichen einen Vergleich zwischen Regionen mit unterschiedlichen konfessionellen Prägungen, Ost und West, städtischen und ländlichen Räumen.

Aktuelle Neuerscheinung zum Thema

Albert Gerhards und Stephan Winter (Herausgeber): Leo Zogmayer, In Church. Kunst für liturgische Räume, Schnell & Steiner 2020, 176 Seiten, SBN 978-3-7954-3569-1, 20 Euro.