Der Jesuitenpater Hans Zollner ist Leiter des Centre for Child Protection (CCP) in Rom.
Bild: © CCP
Präventionsexperte mahnt Führungspersonen, für Schuld geradezustehen

Zollner: Kirche übernimmt nicht Verantwortung, sie "druckst rum"

Nach wie vor seien vielen kirchlichen Führungspersonen ihre Karrieren wichtiger als die Übernahme von Verantwortung in Sachen Missbrauch: Experte Hans Zollner richtet mahnende Worte an die Kirchenleitung – und sagt, wann und warum Priester häufig Täter werden.

Zürich/Rom - 20.01.2021

Der Leiter des Kinderschutzzentrums CCP in Rom, Hans Zollner, erwartet von kirchlichen Führungspersonen, dass sie persönlich Verantwortung übernehmen. Die Kirche habe "eine besondere moralische Verantwortung", sagte der Jesuit im Interview des Schweizer Portals kath.ch (Dienstag). "Wenn jemand Schuld auf sich geladen hat, muss er oder sie auch dafür geradestehen, wie jeder Politiker, jeder Funktionär", so Zollner. Nach wie vor seien vielen aber Karrieren wichtiger als die Übernahme von Verantwortung.

Der Ordensmann wirft der Kirchenleitung vor, sich vor einer "anderen Einstellung zu drücken"; "wir geben die Schuld nicht zu - sondern es muss uns jedes Schuldbekenntnis abgerungen werden; wir bereuen nicht - sondern verteidigen Täter und Vertuscher. Wir übernehmen keine Verantwortung - sondern drucksen rum und setzen unsere Karrieren und Reputation an die erste Stelle." Zu konkreten Fällen äußerte sich Zollner in dem Interview nicht. Menschen in- und außerhalb nähmen der Kirche "nicht mehr ab, dass wir es ernst meinen mit Aufarbeitung und Prävention", sagte das Mitglied der päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen. "Wenn wir hier nicht tun, was wir sagen, wie sollen die Leute dann glauben, was wir über Jesus, die Erlösung, die Sakramente sagen?"

Weiter äußert Zollner die Befürchtung, katholische Institutionen könnten bei nachlassendem Druck von außen und angesichts schwächerer Finanzen an der Missbrauchsprävention sparen. Derzeit stehe die katholische Kirche bei den Präventionsbemühungen "weltweit betrachtet gut da". Ob dies auch langfristig "im System Kirche verankert" und bereits verwurzelt sei, daran habe er Zweifel. "Gesetze produzieren nicht automatisch Heilige", so Zollner. Die Kirche werde mit dem Thema "noch lange zu tun haben".

"Bei Priestern dauert es also länger, bis es zur Ersttat kommt"

Der Jesuit betonte: "Überall dort, wo Macht unkontrolliert ausgeübt wird, gibt es auch sexuelle Gewalt." Die Proportionen von Missbrauch und "die Mechanismen der Vertuschung" seien in Sportverbänden, in Film- und Modeindustrie, Militär, Nichtregierungsorganisationen und auch in staatlichen Schulen "sehr ähnlich". Alle Experten wüssten auch, dass "der allergrößte Anteil an Missbrauch im familiären Kontext vorkommt, verübt besonders von Stiefvätern".

Wissenschaftlich belegt sei ein Durchschnittsalter eines Priesters, der Kindern zum ersten Mal missbraucht, von 39 Jahren. Das sei rund 15 Jahre nach seiner Priesterweihe mit dem Zölibatsversprechen - und 15 Jahre später als bei Missbrauchstätern in anderen Berufsgruppen. "Bei Priestern dauert es also länger, bis es zur Ersttat kommt", so Zollner. Zur Begründung dafür nannte der Ordensmann vor allem wachsende Einsamkeit und Überlastung sowie zu wenige verlässliche und gute Freundschaften. Dies sei zentraler als mögliche pädophile Neigungen.

Schließlich diagnostiziert Zollner eine "überraschend chaotische und unkoordinierte" Machtausübung in der Kirche. Unklare Leitungsstrukturen begünstigten Missbrauch und seine Vertuschung. "Man stellt sich ja die katholische Kirche immer als einen monolithischen Block vor, ganz ähnlich wie das Militär. Wenn man aber genau hinschaut, ist in vielen Bereichen das Gegenteil der Fall." Es gebe ein "Autoritätsgehabe"; dieses sei aber "oft nicht gedeckt, weder mit einer persönlichen noch mit einer strukturellen oder fachlichen Kompetenz". (KNA)