Missbrauchsexperte Zollner erwartet Rücktritte von Verantwortlichen
Bild: © KNA
"Es wird vielleicht erzwungen werden müssen durch öffentlichen Druck"

Missbrauchsexperte Zollner erwartet Rücktritte von Verantwortlichen

Pater Hans Zollner, Vatikan-Experte für Missbrauchsprävention, rechnet mit dem Rücktritt von kirchlichen Verantwortlichen im Missbrauchsskandal. "Es wird vielleicht erzwungen werden müssen durch öffentlichen Druck. Aber es wird passieren."

München - 22.09.2020

Der Vatikan-Experte für Missbrauchsprävention, Hans Zollner, hofft auf eine Einigung der deutschen Bischöfe über Entschädigungs- und Anerkennungszahlungen für Betroffene. "Es wäre gut, wenn sie sich verständigen", sagte der Jesuit der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstag) in München. Ab Dienstag tagen die Bischöfe in Fulda bei ihrer Herbstvollversammlung. Für manche Betroffene sei das Thema sehr wichtig, sagte Zollner, der Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission ist. "Sie wollen gemessen haben, was an verlorener Lebensqualität durch Geld aufgewogen werden kann."

Er rechne künftig mit Rücktritten von Verantwortlichen, fügte der Psychologe hinzu. "Es wird vielleicht erzwungen werden müssen durch öffentlichen Druck. Aber es wird passieren", so der Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Wer Schuld auf sich geladen habe, müsse dafür geradestehen: "Wir sind keine Sonderwelt." Die Kirche dürfe nicht "bei dem Leid der Betroffenen stehen bleiben", sondern müsse auch fragen: "Wer hat das ermöglicht, welche Abläufe waren dafür verantwortlich, welche Personen waren dafür verantwortlich, was hat sie daran gehindert, ihrer Verantwortung gerecht zu werden?"

In puncto Prävention stehe die katholische Kirche zwar inzwischen "weltweit betrachtet gut da", sagte Zollner weiter. Es sei aber "bei weitem noch nicht so weit", dass die Institution verstanden habe, welches Leid sie über Betroffene gebracht habe. Er frage sich, warum die Kirche nicht "offener und aktiver" auf jene zugehe, die "Opfer der Kirche selbst" geworden seien. Das Muster, dass die Institution zunächst verteidigt werde, lasse sich auch im Militär oder im Sport beobachten, so der Experte. "Aber bei uns sollte es nicht so sein." In anderen Bereichen wünsche er sich ebenfalls Verbesserungen, sagte Zollner. Angehende Mediziner und Lehrer bekämen im Studium "sehr wenig bis null" über Kinderschutz vermittelt. Auch Psychologen, Sporttrainer oder Kindergärtnerinnen müssten in diesem Bereich geschult werden.

In Fulda soll es unter anderem um Entschädigungs- und Anerkennungszahlungen für Opfer von sexuellem Missbrauch gehen. Einem Grundsatzbeschluss vom Frühjahr zufolge will sich die Kirche an der zivilrechtlichen Schmerzensgeldtabelle orientieren. Diese sehen für sexuellen Missbrauch derzeit Summen zwischen 5.000 und 50.000 Euro pro Fall vor. Zuvor waren Leistungen von bis zu 400.000 Euro im Gespräch.

Lüdecke: Kirche spielt "zynisches Spiel" mit Opfern

Unterdessen äußerte sich auch der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke zur Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs. Er halte eine Entschädigung auch aus Kirchensteuermitteln für notwendig, wenn andere kirchliche Geldquellen nicht ausreichten, so Lüdecke. Denn "wir Laien" hätten die "strukturelle Mächtigkeit" der Kirche finanziert, gegen die die Betroffenen noch heute kämpften. Wer sage, Entschädigung solle "nicht mit meinem Geld" bezahlt werden, der lasse die Betroffenen im Stich, sagte Lüdecke am Dienstag dem Hessischen Rundfunk (hr-Info).

Lüdeckes betonte, er habe nur geringe Erwartungen an die in Fulda tagende Vollversammlung der Bischofskonferenz. Er kritisierte, dass es bei den kirchlichen Zahlungen nicht um "Entschädigung", sondern um "Anerkennung von Leid" gehe. Entschädigung nehme Maß am objektiv entstandenen Schaden und bediene einen Anspruch, so Lüdecke. Wer Leid dagegen anerkenne, behalte die Bewertungsmacht bei sich und zeige sich großzügig. Der Kirchenjurist sprach mit Blick auf die Opfer von einem "zynischen Spiel" mit deren Lebenszeit, das Ermüdungseffekte hervorrufe. Lüdecke stellte die Frage, welchen Versprechen Betroffene noch glauben sollten. Die Kirche könne Geld sparen, drohe aber das "viel wichtigere Kapital" Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu verlieren. (tmg/KNA)