Schachfigur
Standpunkt

Manche Kritiker der Caritas machen es sich zu einfach

Die Caritas lehnt den Entwurf für einen flächendeckenden Tarifvertrag ab – und zieht dadurch viel Kritik auf sich. Matthias Drobinski kann die allgemeine Kritik an dem Nein durchaus nachvollziehen, weist aber auch auf eine berechtigte Sorge hin.

Von Matthias Drobinski |  Bonn - 01.03.2021

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Spinnen die von der Caritas? Da liegt endlich ein Entwurf für einen Altenpflege-Tarifvertrag vor, der flächendeckend für eine Million Frauen und Männer gegolten hätte, die – im Idealfall – dafür sorgen, dass es in einer alternden Gesellschaft menschlich zugeht. Der Vertrag hätte die Löhne allgemein und vor allem den Mindestlohn erhöht für Beschäftigte, die eine harte und oft unzureichend gewürdigte Arbeit leisten. Und dann lassen die Dienstgeber der Caritas, die Arbeitgeber also, das Vertragswerk platzen, indem sie ihm nicht zustimmen. Ausgerechnet die Caritas, die doch fürs Soziale in der Gesellschaft stehen will.

Die allgemeine Kritik an diesem Nein ist durchaus nachvollziehbar. Dass die katholische Caritas, wie auch die evangelische Diakonie, schon jetzt eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen anbietet als im Flächentarifvertrag vorgesehen – das sollte kein Grund sein, Verbesserungen anderswo zu verhindern. Das Plus zum Tarifvertrag wäre im Gegenteil eine Werbung für den eigenen Weg der Kirchen, die Interessen zwischen Arbeitnehmerseite und Arbeitgeberseite auszugleichen. Dieser sogenannte Dritte Weg wird nicht dadurch zu erhalten sein, dass die kirchlichen Träger ängstlich-aggressiv alles bekämpfen, was diesen Weg in Frage stellen könnte. Er wird bleiben, wenn er attraktiv, fair und gerecht erscheint, wenn die Beschäftigten sagen: Hier arbeite ich gern. Das Nein der Caritas-Dienstgeber jedoch wirkt, als traue man der eigenen Stärke nicht so recht.

In einem wichtigen Punkt allerdings ist die Sorge der Caritas berechtigt. Es drücken ja nicht nur private Anbieter die Löhne, deren Credo die Gewinnmaximierung ist. Es machen ja auch Krankenkassen und Kommunen das Spiel mit, indem sie Kostenrahmen vorgeben, die jene begünstigen, die auf Tarifverträge pfeifen. Die Sorge der Caritas, die eigenen, höheren Löhne nicht mehr refinanziert zu bekommen, wenn es einen allgemeinen Tarifvertrag gibt, ist da berechtigt. Warum verpflichten sich die Kostenträger nicht, nur noch mit Anbietern zusammenzuarbeiten, die nach Tarif beschäftigen und bezahlen? Wer die Caritas kritisiert, ohne sich über diese Seite des Sozialdumpings zu empören, macht es sich zu einfach.

Von Matthias Drobinski

Der Autor

Matthias Drobinski ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und dort unter anderem für die Berichterstattung über Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.