Johannes-Wilhelm Rörig im Porträt
Bild: © KNA
Aktion ignoriere Rechtslage und Gefahr durch den Täter völlig

Rörig: Unterschriftensammlung für Missbrauchstäter regelrecht empörend

Er ist rechtskräftig verurteilt, trotzdem wollen Pfarreimitglieder den Priester wieder in der Seelsorge sehen: Nach dem Bischof finden nun auch der Missbrauchsbeauftragte und Opferverbände deutliche Worte der Kritik an den Aktionen.

München - 17.03.2021

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat die Unterschriftensammlungen zur Unterstützung eines wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Priesters kritisiert. "Diese Unterschriftenaktion empört mich regelrecht, weil sie die Rechtslage und die Gefahren, die von einem verurteilten Missbrauchstäter ausgehen, völlig ignoriert", so Rörig am Dienstag gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR). Auch Opferverbände verurteilten die Aktionen.

"Ich rate den Initiatoren der Unterschriftenliste dringend, darüber nachzudenken, was sie hier anstreben. Es geht um einen verurteilten Straftäter, der sexuelle Gewalt gegenüber einem 12-jährigen Kind ausgeübt hat", so Rörig weiter. Die Rechtslage besage deutlich, dass es keine Einvernehmlichkeit zu sexuellen Handlungen zwischen einem Erwachsenen und einem Kind geben könne. Der Würzburger Bischof Franz Jung habe gute Gründe gehabt, den Priester vom Dienst zu suspendieren.

Auch der Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, kritisierte die Aktionen. Wie schon Bischof Jung nannte er die Aktionen "bizarr" und betonte, sie würden "zeigen, wie es pädokriminellen Persönlichkeiten immer wieder gelingt, ihr Umfeld zu blenden und zu täuschen." Der Fall mache deutlich, dass die Vorstellung, Kinder könnten in sexuelle Handlungen mit Erwachsenen einwilligen, immer noch vorhanden sei. Hier brauche es dringend weitere Aufklärungsarbeit und Prävention.

Plötzlich stehe das Opfer am Pranger

Elisabeth Kirchner vom Verein "Wildwasser Würzburg", einer Beratungsstelle gegen den sexuellen Missbrauch von Mädchen und Frauen, sorgt sich um das Opfer: Die Aktionen würden die junge Frau einer öffentlichen Bewertung aussetzen, die für sie "beschämend und quälend" sein könnte, sagte sie dem BR. Die Initiatorin einer der beiden Aktionen, Ulla Dempsey, hält den Priester hingegen für unschuldig und bezeichnet das rechtskräftig gegen ihn ergangene Urteil als Fehlurteil. Hier sieht Kirchner die Umkehrung von Opfer und Täter, die die junge Frau zur Schuldigen macht. "Durch die Dynamik der Verantwortungsumkehr steht plötzlich sie am Pranger", so Kirchner. Dabei trage ein Kind niemals und in keiner Weise die Verantwortung für sexuellen Missbrauch.

Zuvor hatte sich der Würzburger Bischof Franz Jung, zu dessen Bistum die Pfarreiengemeinschaft "Heiliges Kreuz Bad Bocklet" gehört, deutlich von den dortigen Unterschriftenaktionen distanziert. "Die Organisatoren und Unterzeichner der Aktionen fordere ich auf, das Urteil und das Leid der Betroffenen zu akzeptieren und Tatsachen nicht zu verdrehen", so Jung am Montag in einer Stellungnahme. Die zwei Aktionen würden "in bizarrer und skandalöser Weise" die Bemühungen zur Missbrauchsaufarbeitung konterkarieren und verursachten "schwersten Schaden für Pfarrei, Bistum und Kirche insgesamt".

In der Pfarreiengemeinschaft sammeln zwei Initiativen Unterschriften zur Unterstützung eines 42-jährigen Priesters, der im vergangenen Jahr wegen des sexuellen Missbrauchs vor zehn Jahren an einer damals 12-jährigen Ministrantin schuldig gesprochen und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Während das kirchliche Verfahren noch läuft, hat Bischof Jung den Priester von seinen Aufgaben entbunden. Beide Unterschriftenaktionen wollen dem Mann ein weiteres pastorales Engagement ermöglichen, mitunter wieder in derselben Pfarreiengemeinschaft. Dem hatte Bischof Jung eine klare Absage erteilt. (cst)