Zwei Ministranten ziehen am Palmsonntag einen hölzernen Esel mit Christusfigur.
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Über skurrile Gerätschaften und teils vergessene Bräuche

Palmesel, Rätsche und Co. – Besonderheiten der Kar- und Osterliturgien

Ostern ist das höchste Fest des Christentums. Kaum verwunderlich, dass sich in den Gottesdiensten rund um die Auferstehung Jesu allerhand außergewöhnliche Bräuche erhalten haben. Doch was hat es mit den teils skurrilen Gerätschaften wie Palmesel, Rätsche und Co. auf sich?

Von Moritz Findeisen |  Bonn - 27.03.2021

Was einem am Herzen liegt, das pflegt man. So haben sich auch an hohen Festen des Christentums häufig alte Traditionen erhalten, während die gewöhnlichen Gottesdienste unter dem Jahr viel stärker dem Wandel der Zeit unterworfen waren. Dies gilt insbesondere für das Osterfest, das zusammen mit dem "Triduum sacrum", den heiligen drei Tagen vom Leiden, Sterben und von der Auferstehung Jesu Christi, das Zentrum des gesamten Kirchenjahres bildet.

In den Liturgien vom Palmsonntag bis zum Ostersonntag wurden nicht nur zahlreiche altehrwürdige Riten bewahrt, wie die Fußwaschung am Gründonnerstag oder die Großen Fürbitten am Karfreitag. Um die Geschehnisse rund um das zentrale Glaubensereignis des Christentums, die Auferstehung Jesu von den Toten, zu veranschaulichen und im Gottesdienst zu feiern, entstand auch eine Vielzahl an teils skurrilen liturgischen Gerätschaften und Bräuchen. Manche davon sind im Laufe der Jahrhunderte wieder in Vergessenheit geraten, während andere bis heute lebendig sind und in den Gottesdiensten der kommenden Tage erlebt werden können.

Fasten- und Hungertücher

Bereits im Vorfeld der Kar- und Ostertage wandeln die Kirchräume – ähnlich den Kulissen einer Theaterbühne – ihr Aussehen. So wird nicht nur in den Schrifttexten und Gebeten, sondern auch optisch deutlich: Ein besonderer Abschnitt des liturgischen Jahres hat begonnen. Ab dem fünften Fastensonntag, dem sogenannten Passionssonntag sind in den Kirchen vielerorts die Altäre und Kreuze mit violetten Tüchern verhüllt. Der Brauch reicht bis ins elfte Jahrhundert zurück. Damals verhängte man den ganzen Chorraum oder wenigstens den Hauptaltar mit einem großen Tuch. Die prachtvollen Malereien und goldenen Schnitzarbeiten wurden bis zum Osterfest verborgen, um dann erneut als Sinnbild der Herrlichkeit Gottes zu erstrahlen – ein Fasten mit den Augen.

Sind die Altarverhüllungen heute meist einfarbig in der liturgischen Farbe der Fastenzeit gehalten, waren die sogenannten Fasten- oder Hungertücher früherer Jahrhunderte häufig mit Szenen aus der Passion Jesu bemalt. Die bildliche Darstellung hatte den Zweck, den Menschen die Heilsgeschichte näherzubringen und ihren Glauben emotional anzuregen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Kunstform ist das mehr als 400 Jahre alte und zwölf Meter große Fastentuch im Münster von Freiburg. An die Tradition der bebilderten Fastentücher knüpft auch die Aktion des Hilfswerks "Misereor" an, jährlich ein Hungertuch mit Motiven zum Thema Welternährung und Frieden zu veröffentlichen.

Das Fastentuch im Freiburger Münster

Mit seinen zehn auf zwölf Metern ist das 1612 geschaffene Fastentuch des Freiburger Münsters das größte in Europa. Das Tuch verdeckt den gesamten Hochaltar und erzählt in 26 Einzelbildern die Leidensgeschichte Jesu.

Verhüllung der Kreuze

In den beiden letzten Wochen vor Ostern steht die Leidensgesichte Jesu im thematischen Zentrum der Liturgie. Insofern scheint es zunächst widersprüchlich, ausgerechnet in der Passionszeit auch die Kreuze in den Kirchen zu verhüllen. Dieser Brauch stammt jedoch aus einer Zeit, zu der das Kreuz weniger als Leidensdarstellung, sondern vor allem als Siegeszeichen verstanden wurde. So zeigten viele Kruzifixe noch bis ins Spätmittelalter entweder den auferstandenen Christus oder waren ohne Korpus ausgeführt und stattdessen üppig mit Gold und Edelsteinen verziert. Als Zeichen des Sieges Jesu über den Tod wurden sie deshalb während der Passionszeit ebenfalls den Blicken der Gläubigen entzogen. Den Triumphcharakter des Kreuzes verdeutlicht auch die bis heute übliche Praxis, dass das Vortragekreuz bei der Prozession am Palmsonntag unverhüllt bleibt und häufig mit grünen Zweigen und einer roten Stola geschmückt wird – beides Zeichen für die Königsherrschaft Jesu.

Palmwedel

Das Eingangstor zur Karwoche, die auch Heilige Woche heißt, bildet der Palmsonntag. Bereits seit dem Mittelalter erinnern Palmprozessionen an diesem letzten Sonntag der Fastenzeit an den festlichen Einzug Jesu in Jerusalem: Auf einem jungen Esel, so erzählt es das Markus-Evangelium (Mk 11,1–10), reitet der Messias in die Heilige Stadt und wird von der dortigen Bevölkerung mit grünen Zweigen und Jubelrufen empfangen. Bis heute tragen die Gläubigen zu Beginn der Palmsonntagsliturgie sogenannte Palmwedel in die Kirche, um sich vor Augen zu stellen, dass ein jeder – heute wie damals – im Glauben hin und her gerissen ist zwischen dem frohen "Hosanna" und dem zweifelnden "Kreuzige ihn".

Die Ausführung der Palmwedel ist regional sehr unterschiedlich. Während in südlichen Ländern bei der Prozession echte Palm- oder Olivenzweige Verwendung finden, werden die Palmsträuße hierzulande meist aus Buchsbaum, Weidenkätzchen oder Thuja gebunden, mit Bändern und bunten Eiern aufwändig geschmückt und je nach Gegend auf bis zu fünf Meter lange Stangen gesteckt. Nach dem Gottesdienst werden die Palmwedel häufig als Zeichen des Segens neben dem Hauseingang aufgestellt oder einzelne Zweige in den Wohnungen hinter die Kruzifixe gesteckt.

Palmesel

Wie weit der mittelalterliche Hang zur theatralischen Ausgestaltung der Liturgie ging, zeigt der vergessene Brauch des "Palmesels". Dabei handelte es sich um die mitunter lebensgroße Holzfigur eines Esels, die auf einem Karren geschoben wurde und die festliche Palmprozession anführte. Auf dem Rücken des Palmesels befand sich meist eine hölzerne Christusfigur – oder aber der Pfarrer ritt "in persona Christi" selbst auf dem Karren zur Kirche. Ein Großteil der geschnitzten Eselsfiguren wurde im Bildersturm nach der Reformation oder spätestens in der Aufklärungszeit zerstört, sodass heute nur noch wenige Exemplare existieren und in Museen ausgestellt werden. Als Teil der Palmsonntagprozession hat sich der Brauch lediglich an vereinzelten Orten erhalten, etwa in Thaur in Tirol und in Puch bei Salzburg.  

Rätschen und Klappern

Ab dem Gloria der Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag bis wiederum zum Gloria in der Osternacht schweigt in den Gottesdiensten nicht nur die Orgel. Auch das Läuten mit den Kirchenglocken und Altarschellen entfällt – als Ausdruck der Trauer über den Tod Jesu. Um trotzdem auf die Gebetszeiten aufmerksam machen zu können und bedeutende Momente der Liturgie hervorzuheben, bedient man sich an den Kartagen hölzerner Rätschen und Klappern.

Rätsche und Klapper für die Karliturgie

Die Rätsche mit Drehkurbel sowie die kleinere Handklapper ersetzen in der Zeit zwischen dem Gloria am Gründonnerstag und dem in der Osternacht das Läuten der Kirchenglocken und Schellen.

Im Fall der Rätsche werden mittels einer Kurbel mehrere Hämmer auf einen Holzkasten geschlagen, wodurch ein lautes rhythmisches Klappern entsteht. In einigen Gemeinden im süddeutschen Raum und im Rheinland hat sich bis heute der alte Brauch erhalten, dass die Messdiener und andere Kinder vor den Gottesdiensten mit Rätschen durch die Straßen ziehen oder aber zu den Zeiten des Angelus-Läutens vom Kirchturm aus lärmen. Die kleineren Klappern besitzen nur einen einzelnen Klöppel, der durch eine schnelle Auf- und Abbewegung der Hand gegen ein dazugehöriges Holzbrettchen schlägt. Der gellende Klang soll den Todesschrei Jesu symbolisieren und wird etwa bei der Wandlung am Gründonnerstag oder der Überführung der vorkonsekrierten Hostien am Karfreitag eingesetzt.

Lichterrechen

Besondere Liturgien bedürfen besonderer liturgischer Gerätschaften. So entstand speziell für die Feier der Trauermetten der sogenannte Lichterrechen. Die Trauermetten sind eine Sonderform des kirchlichen Nachtgebets, der Matutin, und werden ausschließlich an den Tagen von Gründonnerstag bis Karsamstag gesungen. Nach dem Anfang eines der lateinischen Gesänge in den Metten, "Tenebrae facta sunt" (Es herrschte Finsternis), wird der Lichterrechen auch "Tenebrae-Leuchter" genannt. Der bis zu drei Meter hohe Leuchter besteht klassischerweise aus einem pyramidenförmigen Rahmen, auf dessen Seiten jeweils sieben Kerzen angebracht sind. Eine weitere, fünfzehnte Kerze sitzt mittig auf der Spitze des Lichterrechens.

Zu Beginn der Trauermetten brennen auf dem Lichterrechen alle Kerzen. Im Verlauf des Gottesdienstes werden diese jedoch eine nach der andere gelöscht, bis zuletzt nur noch die Kerze im Zentrum leuchtet. Ursprünglich hatte diese Praxis wohl den praktischen Grund, dass es während der Gebetszeit allmählich hell wurde, und man das kostbare Kerzenwachs sparen wollte. Später wurde der Brauch symbolisch ausgedeutet: Die vierzehn seitlich angeordneten Kerzen wurden meist mit den elf Aposteln (ohne Judas Iskariot) und den drei in der Markus-Passion erwähnten Frauen (Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome) identifiziert. Nach und nach verlassen sie alle den am Kreuz hängenden Christus, der durch die mittlere, nicht verlöschende Kerze symbolisiert wird.

Kerzengriffel

Ein eher unscheinbares und größtenteils in Vergessenheit geratenes liturgisches Gerät ist der Kerzengriffel. Der schlichte Holzstab mit der schmal zulaufenden Spitze findet seine Verwendung bei der Segnung der Osterkerze. Während diese heute in der Regel mit bunten Motiven verziert ist, wurde ursprünglich eine ganz gewöhnliche, große weiße Kerze verwendet. Bevor die Osterkerze in der Osternacht am gesegneten Feuer entzündet wurde, ritzte der Priester mit dem Griffel ein Kreuz in das Wachs der Kerze. Jeweils ober- und unterhalb des Kreuzes schrieb er die griechischen Buchstaben Alpha und Omega und in die Felder zwischen den Kreuzarmen die aktuelle Jahreszahl. Auf diese Weise wurde die Osterkerze als Zeichen der Gegenwart Christi in diesem Jahr "in Besitz genommen".

Ein Griffel zum Einritzen der Osterkerze

Mit dem Kerzengriffel wurden ursprünglich das Kreuz, Alpha und Omega sowie die Jahreszahl in das Wachs der Osterkerze geritzt. Laut Messbuch wird dieser Brauch heute nur noch praktiziert, "wenn es wegen des Volkscharakters angebracht erscheint".

Da das Kreuz, die Buchstaben und die Dedikationszahlen heute auf den meisten Osterkerzen bereits als rote Wachsapplikationen angebracht sind, hat sich der Brauch des Einritzens praktisch erübrigt. Nur in seltenen Fällen wird der Kerzengriffel vom Priester noch verwendet, um bei der Segnung auf die Zeichen zu weisen. Dabei spricht er die ausdeutenden Worte: "Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen."

Exsultet-Rolle

Ebenfalls in der Osternacht kam die Exsultet-Rolle zum Einsatz. Die Tradition war jedoch zeitlich und regional sehr begrenzt und ist ausschließlich für das zehnte bis dreizehnte Jahrhundert in Mittel- und Süditalien belegt. Erst in jüngster Zeit wurde der Brauch wieder aufgegriffen und in einigen Kathedralkirchen und Klostergemeinschaften in die Osterliturgie eingefügt, so etwa von den Benediktinerinnen der Abtei Mariendonk bei Kempen am Niederrhein. Die ehemals aus Tierhaut, heute aus Papier gefertigten Exsultet-Rollen sind bis zu neun Meter lang und reich illustriert.

Das aus dem späten vierten Jahrhundert stammende Exsultet ist das vom Diakon oder Kantor in der Osternacht vorgetragene Osterlob, in dem Christus als das Licht der Welt gepriesen wird. Während des Gesangs wird die Exsultet-Rolle allmählig nach oben hin aufgerollt und über die Kante des Lesepults gleiten gelassen. Auf diese Weise werden die Bilder, die in umgekehrter Richtung zum Text gemalt sind, für die vor dem Pult stehenden Gläubigen nach und nach sichtbar. In einer theologisch durchdachten Abfolge wird so die im Osterlob besungene Heilsgeschichte illustriert.

Von Moritz Findeisen