Schachfigur
Standpunkt

Eine Kirche, die Individualität der Menschen nicht annimmt, geht unter

Es gebe den Verdacht, manche in der Kirche würden sich mehr nach einer Segnung queerer Paare sehnen, als diese selbst, beobachtet Burkhard Hose. Ihm gehe es nicht darum, die Kirchen zukünftig mit queeren Paaren zu bevölkern – sondern um Solidarität.

Von Burkhard Hose |  Bonn - 29.03.2021

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An vielen Kirchtürmen flattern in diesen Tagen bunte Regenbogenfahnen. Ein starkes Symbol. Umso wichtiger, an dessen ursprüngliche Bedeutung zu erinnern. Die Regenbogenflagge taugt nicht zur kirchlichen Eigentherapie. Sie gehört immer noch der Bewegung, die sie 1979 erstmals bei einem großen Protest- und Trauermarsch in San Francisco mit sich führte, nachdem kurz zuvor der offen schwul lebende Stadtrat Harvey Milk ermordet worden war.

In den letzten Tagen wird von manchen der nachvollziehbare Verdacht geäußert, manche in der Kirche ersehnten die Segnung queerer Paare mehr als die Paare selbst. Die meisten sind nämlich längst weg. Und sie werden uns Segensbereiten vermutlich auch nicht die Türen einrennen, wenn Segensfeiern toleriert oder erlaubt würden.

Wenn jetzt so viele Menschen in der Kirche für die Segensfeiern gleichgeschlechtlicher Partnerschaften eintreten, dann darf es nicht darum gehen, künftig die Gotteshäuser mit queeren Paaren zu bevölkern oder sich selbst in dieser Kirche besser zu fühlen. Es geht vielmehr um die Achtung der Individualität, der Identität und der Integrität von Menschen, denen die Kirche diese Achtung bisher schuldig geblieben ist. Es ist dieses Thema, das sich augenblicklich wie ein roter Faden durch die Kirche zieht. Die Erscheinungsform von Kirche, die sich schwer damit tut, die Integrität von Überlebenden des Missbrauchs, von Frauen oder queeren Menschen ohne Wenn und Aber anzuerkennen, wird untergehen. Und wo der Katechismus dieser Anerkennung noch im Wege steht, muss er neu geschrieben werden. An dieser Stelle wird sich mitentscheiden, ob die Kirche in ihrer derzeitigen Gestalt fortbestehen wird.

Ich bin sehr dafür, dass Regenbogenflaggen gehisst werden und zwar mit aller Konsequenz und als Zeichen des Protests und der Solidarität, nicht zuletzt mit Menschen in vielen afrikanischen Ländern oder in Polen, wo unter Zutun der Kirche queere Menschen immer noch abgewertet und verfolgt werden. Wenn die Diskussion um die Segensfeiern und all die Fahnen dazu beitragen, dass auch nur ein Mensch weniger um sein Leben fürchten muss, hat es sich gelohnt.

Von Burkhard Hose

Der Autor

Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer in Würzburg.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.