Der Eingang zu einer Felshöhle
Ein Blick auf biblisches Zeugnis und theologische Debatten

War das Grab Jesu leer? Eine Frage und ihre Bedeutung für den Glauben

Das leere Grab Jesu war bereits kurz nach den ersten Berichten über die Auferstehung Gegenstand leidenschaftlicher Dispute – und ist es bis heute geblieben. Die Frage nach seiner Historizität ist immer noch aktuell. Doch was bedeutet die Antwort darauf überhaupt für das Christentum?

Von Roland Müller |  Bonn/Berlin - 04.04.2021

"Das Grab Jesu war voll." Mit dieser Aussage wies der evangelische Theologe Gerd Lüdemann ab Mitte der 1990er Jahre eine der grundlegenden Überzeugungen des christlichen Glaubens entschieden zurück: die leibliche Auferstehung Jesu Christi. Mit seinen umstrittenen Thesen erregte der Göttinger Neutestamentler großes Aufsehen und handelte sich disziplinarische Maßnahmen seitens seiner Kirche ein. Doch als besonders konsequenter Vertreter der historischen Jesusforschung sah Lüdemann es als erwiesen an, dass der vom Christentum als Sohn Gottes verehrte Wanderprediger aus Galiläa bloß ein Mensch gewesen sei, der mit seiner messianischen Lehre gescheitert war. 

In seinem "Brief an Jesus", dem abschließenden Kapitel seines 1998 erschienen Buches "Der große Betrug", schrieb er an den Nazarener gerichtet: "Du hast Dich getäuscht, und Deine Botschaft ist von Deinen Anhängern zu ihren eigenen Gunsten gegen die historische Wahrheit verfälscht worden." Der Theologe wirft schon dem Urchristentum vor, sich die Figur Jesu in ihrem Sinne zurechtgelegt und deshalb Unwahrheiten verbreitet zu haben. Zu diesem Betrug der Kirche zählt Lüdemann auch die Rede von der Auferstehung und vom leeren Grab.

Auch wenn der Bochumer Theologe Thomas Söding die Thesen Lüdemanns ablehnt, hält er die Beschäftigung mit der Historizität der Auferstehung Jesu für "legitim und notwendig". Sie helfe, "den theologischen Kern und historischen Grund des Osterglaubens zu verstehen", schrieb der Neutestamentler vor einigen Jahren in einer Veröffentlichung. Nicht erst in der Moderne dränge sich die Frage auf, ob das Grab Jesu leer gewesen sei, weil Gott seinen Sohn von den Toten auferweckt habe. Ein Blick in das Neue Testament zeigt, dass schon die ersten Christen und ihre Zeitgenossen Probleme hatten, der Auferstehung Jesu Glauben zu schenken.

Maria Magdalena trifft den auferstandenen Jesus Christus im Garten

Maria Magdalena trifft den auferstandenen Jesus Christus und hält ihn zunächst für den Gärtner.

So berichtet etwa das Johannesevangelium vom Unverständnis der Maria Magdalena, die mit dem von ihr leer aufgefundenen Grab Jesu nicht etwa dessen Auferweckung verbindet, sondern entsetzt darüber ist, dass sein Leichnam weggelegt wurde. Die Apostelin erkennt den Auferstandenen zunächst nicht und hält ihn für den Gärtner. Im Evangelium nach Matthäus wird zudem darauf angespielt, dass es Vorwürfe gegen die Jünger Jesu gab, sie hätten den Leichnam ihres Meisters aus dem Grab gestohlen und seine Auferweckung nur erfunden. Die Auferstehung und das leere Grab werden also schon zu Beginn des Christentums keineswegs als Selbstverständlichkeiten betrachtet.

Söding sieht den fehlenden Leichnam des Gekreuzigten in seiner Analyse des biblischen Befundes nicht als Beweis der Auferstehung, sondern versteht das leere Grab mehrdeutig: Einerseits sei es eine historische Bedingung der Möglichkeit des Glaubens an die Auferweckung Jesu. Andererseits habe die Auffindung des leeren Grabs erst in Verbindung mit den Erscheinungen des Auferstandenen einen bedeutenden Impuls für den Osterglauben gegeben. "Das leere Grab gewinnt damit den Charakter eines Zeichens: Wer an die Auferstehung Jesu glaubt, kann es entziffern und durch dieses Lesen genauer verstehen, was er glaubt", so der Exeget. Eine historisch-kritische Analyse könne dem Glauben an das leere Grab hingegen keine Gewissheit verleihen: "Er bleibt Glaube." Dieser lasse sich dadurch jedoch auch nicht widerlegen oder als unvernünftig abtuen.

Die Leerstelle des Grabes offenhalten

Die Lücke offenzuhalten, die mit dem leeren Grab einhergeht, ist Ulrich Engel ein besonderes Anliegen. "Unser Glaube beginnt mit der Abwesenheit Gottes, mit seinem Fehlen – das darf man nicht einfach mit theologischen Deutungen zuschütten", sagt der Professor für Philosophisch-theologische Grenzfragen gegenüber katholisch.de. Gleichzeitig sei der Leerstelle, die Jesu fehlender Leichnam markiere, eine neue Anwesenheit gegenüberzustellen, etwa in seinen Erscheinungen als Auferstandener, so der Berliner Dominikanerpater. "Die Begegnungen mit Jesus nach seiner Kreuzigung finden immer zwischen Erkenntnis und Unkenntnis statt."

Daraus ergebe sich laut Engel die spirituelle Dynamik des christlichen Glaubens: "Das Vermissen, die Sehnsucht, das Suchen nach Zeichen macht ihn entscheidend aus." Deshalb warnt der Theologe davor, das Geheimnis Gottes unbedingt mit Sinn füllen zu wollen und plädiert für eine negative Theologie, die mehr von Gott schweigt als dass sie konkrete Inhalte über ihn aussagt. Jesus sei am Kreuz nicht für "etwas" gestorben, wie es etwa die Opfertheologie zu erklären versucht habe. Vielmehr sei der Tod des Gottessohnes "umsonst" geschehen, so Engel in Anlehnung an einen Ausspruch des Schweizer Theologen Gonsalv Mainberger. "Der Tod Jesu hat keinen bestimmten Zweck, sondern bleibt existentiell offen – so unbefriedigend das für einen fragenden Menschen vielleicht auch sein mag."

Bild: © Privat

Der Berliner Dominikaner Pater Ulrich Engel ist Professor für Philosophisch-theologische Grenzfragen an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster.

Wenn die Kirche in diesem Sinne Ostern verstehe, müsse sie versuchen, dieses "Umsonst" in Jesu Leben und Tod nachzuahmen. "Das hätte gravierende Konsequenzen, etwa, auf Macht zu verzichten", so Engel. Der fatale Umgang der Kirche mit dem Missbrauchsskandal oder das jüngst vom Vatikan ausgesprochene Verbot der Segnung von homosexuellen Paaren seien Zeichen einer anmaßenden Attitüde der Glaubenskongregation und der dort vertretenen Theologie, sich für geradezu allwissend zu halten. Angesichts einer Spiritualität des Vermissens, müsse man jedoch darauf verzichten.

Diese "Theologie der Leerstelle" hat nach Ansicht Engels zwar keine Angst vor der konkreten Frage, ob das Grab Jesu leer war oder nicht. Aber: "Die Uneindeutigkeit des Glaubens ist von großer Bedeutung und sagt viel über die Unbegreifbarkeit des christlichen Gottes aus", so Engel. Die historische Beantwortung der Frage nach dem leeren Grab sei jedoch "nicht das Entscheidende". Denn auch in den Evangelien hätten die Jünger nicht wegen der Eindeutigkeit des Geschehens an die Auferstehung geglaubt, sondern wegen deren Bezeugung durch vertrauens- und glaubwürdige Personen – das sei der entscheidende Punkt. Schließlich bedeute das leere Grab an sich noch nicht den Glauben an den Auferstandenen. Das Konstrukt des christlichen Glaubens sei "extrem fragil", gibt der Dominikaner zu. Der Zweifel gehe immer mit dem Glauben einher.

Die Historizität Jesu und die Glaubensaussagen über ihn würden stets zusammengehören, sagt Engel. Lüdemann habe mit seiner radikalen Kritik am Christentum jedoch die Theologie mit der Geschichtswissenschaft verwechselt. Es sei verständlich, herausfinden zu wollen, was wirklich historisch ist. "Aber Zweifel und Kritik zu den alleinigen Kriterien beim Blick auf Gott zu machen, ist falsch." Lüdemann habe Unrecht mit seiner Behauptung des vollen Grabes gehabt, denn "woher will er das so genau wissen"? Der christliche Glaube könne sich hingegen auf eine vertrauenswürdige Linie von Zeugen verlassen – auch wenn das nicht die gewünschte Gewissheit bringe. Somit bleibt die Frage nach dem leeren Grab auch nach fast 2.000 Jahren eine dauerhafte Aufgabe für Kirche, Theologie und jeden Gläubigen.

Von Roland Müller