Erneuerer des Kirchenbaus: Vor 60 Jahren starb Rudolf Schwarz
Lehrmeister - Eigenbrötler - schwärmerischer Visionär

Erneuerer des Kirchenbaus: Vor 60 Jahren starb Rudolf Schwarz

Zunächst wurden sie als "unwürdig" für Kirchenbauten angesehen. Doch dann ermöglichten neue Werkstoffe im 20. Jahrhundert ein "Neues Bauen" in völlig neuen Gestaltungsformen – auch für Kirchen. Es folgte eine neue Epoche der Glaubenswahrnehmung.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Köln - 03.04.2021

Sie waren dem Zweiten Vatikanischen Konzil um Jahrzehnte voraus. Seit Ende des 19. Jahrhunderts und verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten die Protagonisten der "Liturgischen Bewegung" auf ihrer spirituellen Sinnsuche neue Konzepte einer Gemeindekirche: Das Kirchenvolk gruppiert sich um den Altar und feiert gemeinsam. Einer der bedeutendsten Vertreter dieser Bewegung war der Architekt Rudolf Schwarz, mit Dominikus Böhm (1880-1955) einer der Erneuerer des Kirchenbaus im Deutschland. Am 3. April 1961, vor 60 Jahren, erlag er in Köln einem Herzinfarkt.

Von "Wirkräumen des Heiligen" sprach Schwarz; von "Bildern des Ewigen", wenn er über seine eigenwilligen, innovativen Entwürfe dozierte: die eiförmigen, schiffsrumpfartigen, die t-förmigen und kastigen. Immer war sein Ziel eine "volle, bewusste und tätige" Teilnahme der Gemeinde an der Feier der Liturgie.

Folgen konnte seiner mystischen, weihevollen Sprache nur, wer wie Schwarz selbst zutiefst im christlichen Glauben und seinen Symbolen verwurzelt war. Wer ihm nicht folgen wollte, dem bot er mit seiner "schwärmerischen Selbstinterpretation" – so der Nachruf der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" 1961 – eine breite Fläche für Hänseleien. Mit seiner offenkundigen Weigerung, der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft ins Auge zu sehen, machte er sich angreifbar.

Beim "Quickborn" engagiert

Geboren am 15. Mai 1897 in Straßburg, studierte Rudolf Schwarz in Berlin Architektur. Nach dem Schock des Ersten Weltkriegs belegte er in Bonn ein Jahr Theologie, bevor ihn Hans Poelzig als Meisterschüler zurück nach Berlin holte. In dieser Zeit war Schwarz intensiv in der Jugendbewegung "Quickborn" engagiert, pflegte Kontakt zu Romano Guardini und Ludwig Mies van der Rohe, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.

Neue Werkstoffe, die zunächst als für Sakralbauten "unwürdig" angesehen wurden, ermöglichten ein "Neues Bauen" in völlig neuen Gestaltungsformen. Erste avantgardistische Schöpfungen spalteten auch die Kirchenleitung. In seiner Silvesterpredigt 1929 wetterte etwa der Münchner Kardinal Michael Faulhaber gegen den Bau von Kirchen, die auch "eine Sperrfestung im Tessinertal" sein könnten.

Bild: © KNA

Der Architekt Rudolf Schwarz

In diesem innerkirchlichen Klima wurde Schwarz, gerade 31 Jahre alt, mit dem Bau der Fronleichnamskirche in Aachen beauftragt. Er schuf einen kastigen, ungewöhnlich hohen Raum mit einer Altarinsel. Jede bauliche Trennung zwischen Priester und Gottesdienstteilnehmern wurde in diesem kompromisslos kargen, gekälkten, fast leer anmutenden Gotteshaus aufgehoben. Schwarz brach in der Fronleichnamskirche mit den hergebrachten kirchlichen Lebensgewohnheiten, gemäß seinem Credo: "den lebendigen Raum" müsse "die Gemeinde durch ihre Versammlung erschaffen".

Die Stunde der Avantgarde

Nach der Zerstörung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg war die Stunde der einstigen Avantgarde gekommen: Allein im Erzbistum Köln wurden unter dem zupackenden Kardinal Josef Frings zwischen 1950 und 1955 etwa 320 Kirchen neu oder wiederaufgebaut. Schwarz steuerte mehr als 50 davon bei, dazu bedeutsame Restaurierungen wie die der Frankfurter Paulskirche, des Kölner Gürzenich oder des Wallraf-Richartz-Museums.

Eine ebenso große Leistung für die Nachwelt stellt seine Arbeit als Generalplaner der Stadt Köln dar (1946-1952). Aus den Schuttbergen der kriegszerstörten "Massensiedlung" schälte er mit archäologischem Gespür die Gestalt der alten Siedlungskerne; ja er wollte das neue Köln quasi um seine mittelalterlichen Pfarrkirchen herum neu ansiedeln: im Zwiegespräch durch die Jahrhunderte, freilich mit moderner Architektur – denn "Alt-Nürnberg" war sein Fall nicht. Mit der Bändigung der Reißbrett-Technokraten und der Prediger der Stadtautobahnen hat sich der "rheinische Mystiker" Verdienste erworben.

Rückblickend schrieb Schwarz eine Woche vor seinem Tod mit 63 Jahren, die Arbeit des Architekten sei für ihn "mehr als nur ein ästhetisches Vergnügen". Er wies ihr eine viel bedeutendere Aufgabe zu, wenn er meinte: Der Baumeister "erneuert die Schöpfung". Doch hier verkannte der eigensinnige Idealist die Schnelllebigkeit der Postmoderne. 2005 wurde Schwarz' einziger Kirchenbau in Berlin abgerissen, die Pfarrkirche St. Raphael in Gatow. Ein Unikum, fertiggestellt posthum 1965.

Von Alexander Brüggemann (KNA)