Bischof Kohlgraf: Lockdown bewirkt seelische Verletzungen
Kardinal Woelki: Nach Pandemie wird es nicht mehr so wie früher

Bischof Kohlgraf: Lockdown bewirkt seelische Verletzungen

Die Folgen des Lockdowns würden unterschätzt, so der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Menschen würden zudem als technische Maschinen gesehen. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki betonte indes, nach der Pandemie werde es nicht mehr so wie früher.

Köln/Mainz - 04.04.2021

Die Folgen des Lockdowns werden nach Worten des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf unterschätzt. Seelische Verletzungen von Kindern und Jugendlichen seien mindestens genauso wichtig wie die Frage nach Inzidenzwerten, sagte Kohlgraf im Interview der Woche des Deutschlandfunks (Sonntag).

Zugleich kritisierte Kohlgraf Menschenbilder, die den Menschen rein technisch und als biologisch funktionierende Maschine beschreiben. Man könne bei einem Menschen nicht Ersatzteile austauschen "wie bei einem kaputten Auto", so der Bischof. Solche Menschenbilder würden vor allem Kranke und Schwache gefährden. In der Corona-Pandemie beobachte er, dass das Menschenbild oft auf körperliche Gesundheit reduziert werde. Es gebe aber noch "andere Dimensionen des Mensch-Seins".

Der Mainzer Bischof räumte ein, dass die Kirche in der Corona-Krise bisweilen zu langsam reagiert habe. "Wir waren - das ist auch ein Vorwurf an mich - oft zu sehr auf die Frage der Liturgie konzentriert und sind darüber hinaus ja vielleicht doch auch etwas blind gewesen oder zu stumm." Die Bischöfe hätten mehr auf die psychischen und sozialen Folgen der Pandemie und ihre Auswirkungen auf das soziale Miteinander hinweisen müssen. "Da waren wir zu schwach."

Missbrauch: "systematische Probleme" und "heillose Überforderung"

Auf die Frage, was die katholische Kirche falsch mache, dass sie auf das Thema Missbrauch reduziert werde, sagte Kohlgraf: "Zunächst einmal hat sie falsch gemacht, dass in ihr missbraucht wurde und möglicherweise wird. Das ist der General-Fehler." Es gebe in der katholischen Kirche "systemische Probleme" sowie eine "heillose Überforderung". Die Aufarbeitung dauere zu lang.

Mit Blick auf ein weltweit umstrittenes Vatikan-Schreiben, wonach eine Segnung homosexueller Paare in der katholischen Kirche nicht erlaubt sei, sagte Kohlgraf: Menschen nur nach ihrer sexuellen Orientierung einzuordnen, werde "der Vielfalt menschlichen Lebens nicht gerecht. Auch ich bin ja nicht nur Bischof, sondern auch Fahrradfahrer, Klavierspieler, Mann und vieles mehr."

Der Ton, wie zurzeit in der katholischen Kirche Menschen über Menschen urteilten, sei oft "unbarmherzig". Die ersten Reaktionen auf seine Aussagen bestätigten dies. Er habe diverse Hassmails bekommen.

Rainer Maria Woelki im Portrait

"Es wird nicht mehr so wie früher. Wir werden uns dann verändert haben", so der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki erklärte unterdessen, er erwarte nach der Corona-Krise kein Leben wie zuvor. "Es wird nicht mehr so wie früher. Wir werden uns dann verändert haben", sagte der Erzbischof auf dem Kölner Portal domradio.de. Woelki berichtete von der österlichen Bibelstelle, in der Jesus nach seiner Auferstehung einigen Frauen und später den Aposteln begegnet. Seine Wunden seien noch sichtbar gewesen. "Es ist aber nicht mehr der alte Jesus. Er ist verändert."

Er könne sich vorstellen, dass die Menschen nach der Pandemie die ersten Schritte in ein neues Leben "mit der fassungslosen Freude der Jüngerinnen und Jünger über die Auferstehung Jesu" tun, so Woelki. "Uns alle eint die Freude über diese gemeinsame Hoffnung." (mpl/KNA)