Wie Kirchen durch Corona zu besonderen Kunstorten wurden

Sind Gotteshäuser bloß Galerien mit gotischen Gewölben?

Aktualisiert am 10.04.2021  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Museen und Galerien dicht, Kirchen nicht: Im zweiten Lockdown musste ein Großteil der Kultureinrichtungen schließen, während Gotteshäuser geöffnet bleiben durften – auch wenn sie selbst Kunstausstellungen zeigten. Ist das nicht unfair?

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Bei den ersten Schritten in den dunklen Gang hinein wird der Besucher noch durch den Lichtschein vom Eingang begleitet. Dann geht man um eine Wand herum und steht in der Schwärze. Im Zentrum der Rauminstallation "KREUZWEG (nach einer Idee für Berlin 2006)" von Gregor Schneider herrscht fast vollkommene Dunkelheit. Die Augen als Sinnesorgan sind ausgeschaltet. Plötzlich erhalten andere Wahrnehmungen Raum. Das Knarren des Holzbodens unter den Füßen, der kühle Luftzug, der durch das Kunstwerk weht. Reflexhaft streckt man die Arme und Hände aus, sucht Halt, tastet sich vorwärts. Nach ein paar zögerlichen Schritten ein blasser Lichtschimmer, der den Ausgang aus der künstlichen Nacht weist. Dann steht man wieder im Licht, direkt vor dem schlichten Altar der evangelischen Kirche St. Matthäus in Berlin.

Am Berliner Kulturforum, südlich des Tiergartens gelegen, ist St. Matthäus normalerweise Ziel von vielen Kunstpilgern aus dem In- und Ausland. Das Gotteshaus dient als Ausstellungsraum der Kulturstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Vor Corona war es damit nur ein Kunstort von vielen in der Hauptstadt. In den vergangenen Monaten war es jedoch einer der ganz wenigen Orte im ganzen Land, an denen Menschen Kunst erfahren konnten.

Kirchen: Mehr als Galerien mit gotischen Gewölben?

Mit Inkrafttreten des Lockdowns ab Mitte November mussten erst Museen und Sammlungen schließen, etwas später auch Galerien. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen in Schauspiel, Musik und weiteren Kulturbereichen sahen sich Künstlerinnen und Künstler mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert. Wann würden sie wieder ausstellen können? Welche Räumlichkeiten wären groß genug, um Hygienekonzepten zu entsprechen? Diese Fragen bekamen im Verlauf des Winters einen immer verzweifelteren Unterton. Der häppchenweise verlängerte Lockdown nahm den Künstlern die Existenzgrundlage. Menschen über das Internet zu erreichen – in den bildenden Künsten an sich schon keine ideale Lösung, teilweise aber schlicht nicht umzusetzen.

Ein begehbares Holzkreuz in der Kirche St. Matthäus in Berlin.
Bild: ©© Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn

Der "KREUZWEG (nach einer Idee für Berlin 2006)" des deutschen Künstlers Gregor Schneider in der evangelischen St. Matthäus-Kirche im Kulturforum, Berlin 2021

Derweil blieben die Türen von St. Matthäus geöffnet. Denn hier wird nicht nur Kunst ausgestellt. Hier wird auch gebetet, hier werden Gottesdienste gefeiert. Und die durften im zweiten Lockdown weiter stattfinden. In einer Gesellschaft, in der die Bedeutung von Kirchen und Glaube zurückgeht, traf das nicht nur auf Verständnis. Im Kulturbereich war das nicht anders: Museen seien wie Kirchen geschützte öffentliche Räume, die der Reflexion, der Begegnung und auch der emotionalen Stärkung dienen, sagte etwa die Direktorin der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW, Susanne Gaensheimer, in der "Süddeutschen Zeitung". Insbesondere wenn man, wie in St. Matthäus und so einigen anderen Kirchen in Deutschland, Kunst in die Kirchen holt, stellen sich die Fragen: Sind Kirchen, die Kunst zeigen, nicht einfach Galerien mit gotischen Gewölben? Warum müssen Museen schließen, diese Kirchen aber nicht?

Kirchen und Museen sind in der Tat beides "Andersräume". Beide haben Bedeutung für das seelische Wohlbefinden von Menschen. Und es ist durchaus diskutabel, ob es politisch richtig war, viele Menschen weiter zur Arbeit zu schicken, ihnen aber durch das Runterfahren des Kulturlebens nach der Arbeit Orte zum Verweilen oder zur Inspiration zu nehmen. Es wäre jedoch falsch, eine Öffnung der Museen mit den offenen Kirchen zu begründen. Keinesfalls soll hiermit die Rolle der Kultur kleingeredet werden. Doch Kirchen sind andere Andersräume als Museen und Theater. Das sieht man nicht zuletzt daran, wie anders Kunst in ihnen funktioniert: Museen dienen der Bewahrung und Vermittlung von Kunst. Der Kirchenraum ist primär nicht auf die Kunst ausgerichtet, sondern auf das Lob Gottes. Wer nun also Kunst – insbesondere säkulare Werke – in einer Kirche präsentiert, lässt sie in einem lebendigen Kontext eintreten – mit Auswirkungen auf Kunstwerk und Betrachter.

Hölzerne Raumbesetzer von Weihrauch umnebelt

Das zeigt sich auch in der "Kunst-Station Sankt Peter" in Köln. In die Taufkirche des Barockmalers Peter Paul Rubens werden immer wieder zeitgenössische Künstler eingeladen, um ihre Werke hier auszustellen. Von Dezember bis zum vierten Fastensonntag waren das die Skulpturen des libanesischen Künstlers Walid Raad mit dem Titel "I long to see the masses once again". Sie bestehen aus dem Holz von Kisten, in denen normalerweise Kunstwerke verpackt und zu Ausstellungen im Ausland transportiert werden. Das heißt, das Wesentliche, nämlich die Kunstwerke, sieht man nicht. Raad macht ihre Verpackung zur Skulptur. Die Planungen zu der Installation hätten schon vor drei Jahren begonnen, sagt der künstlerische Leiter der "Kunst-Station", Guido Schlimbach. Trotzdem drängt sich dem heutigen Betrachter umgehend die Pandemie-Parallele auf: Die Kistenskulptur liest sich wie ein Mahnmal für das ausgefallene Kulturjahr 2020, in dem unzählige für Ausstellungen eingeplante Kunstwerke nicht verschifft wurden.

Eine Holzskulptur steht im ansonsten fast leeren Kirchenraum von St. Peter in Köln
Bild: ©© Chris Franken, Kunst-Station Sankt Peter Köln 2021

Eine der Skulpturen des libanesischen Künstlers Walid Raad im Rahmen der Ausstellung "I long to see the masses once again" in der Kölner "Kunst-Station Sankt Peter" im Frühjahr 2021.

Ebenso wie in St. Matthäus standen die Werke in St. Peter aber nicht nur im Rahmen einer Ausstellung. Sie waren Teil des liturgischen Geschehens: "Wochenlang haben die Skulpturen von Walid Raad unseren liturgischen Raum besetzt und wir mussten uns darum herum positionieren. Auf der anderen Seite wurden die autonomen Kunstwerke von Weihrauch umnebelt und 'erlebten' Sonntag für Sonntag die Atmosphäre des Gottesdienstes", sagt Schlimbach. Säkulare Kunst in der Kirche ist erst einmal Fremdkörper. Aber dieses Fremde kann man miteinbeziehen. "Nicht, indem wir die Kunst vereinnahmen, um das, was wir sowieso schon glauben noch zusätzlich zu schmücken", sagt Schlimbach. Stattdessen gehe es darum, sich den Fremdpositionen der zeitgenössischen Kunst auszusetzen. Das sei nicht immer einfach, aber durchaus reizvoll. So machten sich Besucher – ob gläubig oder nicht – auf die Suche nach gemeinsamen Sinnlinien zwischen dem, was das Kunstwerk, und dem, was der Kirchenraum ihnen mitteilen. Das könne eine Bereicherung für die eigene spirituelle Suche sein, sagt Schlimbach, denn "letztendlich bieten Kirchen genauso den Menschen Raum, die hier ihren Glauben feiern möchten, wie den Menschen, die hier nach Glauben suchen und nicht genau wissen, wo sie hingehören."

Die Kirche hat aber auch Auswirkungen auf die Kunst, die sich in ihr befindet: Raad rückt das in den Fokus, was sonst nur Verpackung ist. Das kann das Nicht-Fassbare des Glaubens meinen, das Vertrauen auf eine Wahrheit, für die man keine handfesten Beweise hat. Gerade im Hinblick auf Ostern kann man eine Parallele zwischen den Leinenbinden, in die Jesus eingewickelt war, und den Transportkistenteilen, in die Kunstwerke eingepackt waren, ziehen. Es geht aber auch kritischer, wenn man das Werk so deutet, dass die Verpackung, die Hülle eine größere Rolle spielt als der Kern – oder dieser Inhalt sogar verloren gegangen ist. Während der Titel des Werks in einem musealen Kontext schlicht mit "Ich sehne mich danach, die Massen wiederzusehen" übersetzt werden würde, erhält er in einem Gotteshaus eine weitere Bedeutungsebene. Denn das englische Wort "masses" ist sowohl der Plural von Masse als auch von Messe.

Deutlich aber nicht weniger wirkungsvoll

Ähnlich ist es bei Gregor Schneiders "Kreuzweg". Der stand zunächst auf einem großen Platz in der nordspanischen Stadt Logroño. So konnten die Menschen darum herumgehen und die Form des Werkes erfassen. In St. Matthäus wird der Besucher regelrecht in das Werk hineingesogen. Die Erfahrung steht vor der Erkenntnis. Letztere erfolgt erst, wenn man sich auf die Orgelempore begibt. Von dort sieht man, dass Schneider nicht bloß einen schwarzen Gang, sondern ein riesiges, plastisches Kreuz in die Kirche gezimmert hat.

Der Künstler Gregor Schneider steht in einem Raum mit vier roten Türen.
Bild: ©picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd

Der Künstler Gregor Schneider steht am 30.11.2016 in der Bundeskunsthalle in Bonn (Nordrhein-Westfalen) in seinem Raum "Guantanamo".

"Akademien, Museen, Galerien sind geschlossen. In diesen Pandemie-Zeiten ist es ein Geschenk in einer Kirche arbeiten zu dürfen. Gerade in Zeiten von Krieg und Krankheit ist es existentiell, den Künsten einen Raum zu geben", sagte Schneider dem Berliner Tagesspiegel. "Kirchen werden gerade jetzt nicht nur für Künstler zu einem Zufluchtsraum." Dass sein Kunstwerk an diesem Ort eine neue Bedeutungsebene erhält, bemerkt auch der Künstler: "Physikalisch bedeutet Schwarz die Abwesenheit von sichtbarem Licht. Für mich ist Schwarz eine nicht absehbare räumliche Tiefe. Im Kontext der Kirche wird Schwarz religiös." Da steht die Farbe dann für Tod und Trauer. Und für die letzten Stunden Jesu am Kreuz (Mt 27,45). Der Künstler setzt sich in seinem Werk – das von Kritikern überwiegend religiös gedeutet wird – mit Übergängen und Jenseitsvorstellungen auseinander. Die Symbolik seines "Kreuzwegs" könnte im Kontext einer Kirche deutlicher kaum sein. Deshalb ist sie aber nicht weniger wirkungsvoll. Die Aufsicht am Eingang deutet in die Schwärze und sagt: "Durch die Dunkelheit geht es nach Ostern!" Wenn man nach der Schwärze erleichtert wieder im Licht vor dem Altar steht, hat man nicht nur ein Kunstwerk durchschritten, sondern auch eine kleine Ostererfahrung gemacht.

Kirchen wie St. Matthäus und St. Peter sind nicht einfach Räume, die zufällig die richtige Größe für Konzerte und Ausstellungen haben. Es geht nicht darum, Kunstsammlungen und Konzerthäusern eine Öffnung abzusprechen. Kirchen sind jedoch nicht einfach mit ihnen unter "Kulturorte" zusammenzufassen, auch wenn sie zeitweise Kunstwerke beherbergen. Die Beschäftigung mit aktueller Kunst erfolgt in Gotteshäusern als Dialog mit christlichen Glaubensinhalten. Und führt mitunter zu spirituellen Inspriationen. "Ich halte das Angebot der Kirchen für ein ganz wichtiges, ihre Türen offenzuhalten und den Menschen die Gelegenheit zu bieten, in diese anderen Räume einzutreten", sagt Schlimbach.

Seit November befindet sich das Land in einer "Bilderfastenzeit". Ab der zweiten Märzwoche durften Museen ihre Türen wieder öffnen. Mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen Anfang April ist fraglich, wie lange sie geöffnet bleiben dürfen. Die Fastenzeit ist mit Ostern geendet, das "Bilderfasten" dauert an. Da gilt es weiter, den Menschen "ästhetisches Futter" zu geben. Dafür muss man keine "Kunst-Station" sein, auch Pfarreien können etwa lokale Künstler in ihre Gotteshäuser einladen – und falls möglich auch finanziell unterstützen, um der notleidenden Kultur beizustehen.

Von Cornelius Stiegemann