Oberin: Krebserkrankung während Corona-Pandemie hat mir Angst gemacht
Bild: © Privat
Himmelklar – Der katholische Podcast

Oberin: Krebserkrankung während Corona-Pandemie hat mir Angst gemacht

Schwester Beate hat vergangenes Jahr eine Krebserkrankung erfolgreich überstanden – mitten in der Corona-Pandemie mit geschwächtem Immunsystem durch ihre Chemotherapie. Eine Herausforderung! Dabei haben ihr Puzzle, Malen-nach-Zahlen, Briefe und Fotos geholfen – und ihre Hoffnung.

Von Katharina Geiger |  Köln/Essen - 28.04.2021

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Schwester Beate Brandt war an Krebs erkrankt und hat ihn im vergangenen Jahr erfolgreich überstanden. Wie meisterte sie diese Herausforderung während der Pandemie? Und was hat der Oberin der Augustiner Chorfrauen im Beatae-Mariae-Virginis-Kloster in dieser Zeit geholfen? Das erklärte die Ordensfrau im Interview.

Frage: Die B.M.V.-Schule (Beatae Mariae Virginis) in Essen war mal ein Mädchengymnasium und inzwischen gibt es schon mehrere Jahrgänge Jungs auf der Schule. Sie sind dort Oberin des Klosters nebenan, tragen natürlich auch Habit. Wie ist das – Habit tragen und Maske, ist das kompliziert?

Schwester Beate Brandt (Oberin der Augustiner Chorfrauen im B.M.V.-Kloster in Essen): Man gewöhnt sich natürlich daran. Wir haben noch eine sehr traditionelle Ordenskleidung, die auch den ganzen Kopf verschleiert. Ich schaffe es ganz gut. Als ich allerdings mit einer Mitschwester zum Impfzentrum gefahren bin, hatte ich schon Mühe, ihr die Maske aufzusetzen. Das war dann nicht so einfach. Aber an sich, die Handgriffe, die hat man mittlerweile ja schon drauf.

Frage: Was machen Sie als Ordensschwester in der Pandemie in der Freizeit? Das ist schon fast ein Klischee geworden: Alle gehen spazieren …

Schwester Beate: Ja, ich auch. Ich gehe spazieren, so wie die Zeit es eben erlaubt. Ich gehe auch gerne mit meiner Kamera spazieren. Ich fotografiere sehr gerne und ich bin heute nochmal in die Gruga (Anm. d. Red.: Grugapark in Essen) gegangen. Das Wetter war ja sehr schön. Ich habe dann auch die Kamera mitgenommen und es macht mir einfach Freude.

Frage: Wie beeinflusst denn die Pandemie seit jetzt über einem Jahr das Klosterleben bei Ihnen?

Schwester Beate: Ja, natürlich sehr: Deutlich wird es im Gottesdienst. Wir durften ja im letzten Jahr und auch dann wieder ab Weihnachten keine Gäste zulassen. Es war schon ein bisschen schade, dass wir die Sonntagsgottesdienste auch nur für uns gefeiert haben. Werktags kommen regelmäßig mindestens zwei Personen. Die durften dann auch nicht kommen, was schon sehr traurig war. Aber gut, die Gesundheit und die Sicherheit gehen vor. Mittlerweile haben wir wieder geöffnet für die Öffentlichkeit. Allerdings natürlich unter den gegebenen Hygienevorschriften, das ist klar.

Im Kloster läuft an sich alles relativ normal weiter. Für mich ist es so, dass ich weniger Termine habe, aber mir auch selber weniger Termine setze. Also ich persönlich gehe nirgendwo hin. Ich treffe mich nicht mit anderen in irgendeinem häuslichen Umfeld – nur schon mal zum Spazieren, das ja. Wir haben relativ häufig Ordensgäste im Haus, die natürlich zur Zeit auch nicht da sind. Das sind also schon Einschränkungen, die wir hier erleben. Aber der Alltag, der läuft eigentlich relativ normal weiter.

Blaue Corona-Maske liegt auf hölzerner Kirchenbank

Die Corona-Pandemie beeinflusste auch die Gottesdienste im Kloster.

Frage: Sie unterrichten ja selbst nebenan im Schulgebäude Mathematik und Chemie. Rund um die Osterferien waren die Diskussionen ums Öffnen der Schulen oder Distanzunterricht online groß. Wie gut oder schlecht läuft es gerade?

Schwester Beate: Ich habe letztes Jahr im Distanzunterricht nicht mitgemacht, weil ich erkrankt war. Ich habe erst wieder nach den Herbstferien mit dem Unterrichten angefangen. Da war es ja in Präsenz mit Maske. Daran musste man sich auch etwas gewöhnen. Dann ab Januar war es im Distanzunterricht. Ich war etwas aufgeregt, aber ich fand jetzt, ich habe einen guten Weg gefunden, damit umzugehen, wie ich den Unterricht vorbereiten kann, die Zoom-Konferenzen einzurichten und so. Also es klappte, fand ich, von meiner Seite ganz gut. Ich habe immer so gedacht: Wer möchte, kann von meinem Unterricht etwas mitnehmen. Wer nicht möchte, kann sich auch genauso gut dem entziehen.

Mittlerweile denke ich auch, es macht schon mürbe. Seit vier Monaten im Distanzunterricht zu sein, so langsam mag ich es auch nicht mehr. Es wäre schon schöner, wenn die Schülerinnen und Schüler wieder in Präsenz da sind. Aber wer weiß, wie es sich entwickelt. Man kann ja eigentlich nicht mehr groß planen.

Frage: Als es Wechselunterricht gab, musste auch getestet werden – oder wenn es zwischendurch zum Beispiel zu Prüfungen notwendig ist, da zu sein. Wie läuft das Testen in der Schule?

Schwester Beate: Vor den Osterferien war ja ein der zwei Wochen Präsenzunterricht und die Schülerinnen und Schüler waren aufgefordert, sich dann wenigstens einmal zu testen. Ich hatte schon große Sorge, das würde das größtmögliche Chaos werden, weil ich es auch mit einer fünften Klasse zu machen hatte. Aber es ging gut, das muss ich schon sagen. Gut, an Unterricht in der Stunde war dann nicht mehr zu denken, aber die Schülerinnen und Schüler waren schon sehr diszipliniert und haben das gut hingekriegt. Es war schon erfreulich, das so zu sehen.

Das Testen jetzt fängt dann ab nächster Woche an, weil wir in dieser Woche auch noch im Distanzunterricht waren. Da muss man mal sehen, wie es sich gibt, zweimal in der Woche zu testen; ob es eine Gewöhnung gibt, dass es auch relativ schnell dann vonstatten geht. Das wird sich dann zeigen.

Frage: Das betrifft aber natürlich auch Sie als Lehrerin beziehungsweise überhaupt die Lehrerschaft in der Schule. Sie treffen tagtäglich wieder auf Schülerinnen und Schüler und haben nicht gerade wenige Kontakte. Sind da die Aussichten aufs Impfen schon da? Sind Sie schon geimpft?

Schwester Beate: Ich bin einmal geimpft und das gibt auch eine große Erleichterung. Natürlich muss ich vorsichtig sein und ich gehe auch in die Schule mit FFP2-Maske. Ich halte den Abstand. Ich bin da schon wirklich eher einer von den vorsichtigen Menschen. Aber ich glaube, das sind die meisten bei uns in der Lehrerschaft. Wir müssen oder wollen ja auch Vorbild sein für alle anderen – gerade für die Schülerschaft.

Ich war natürlich schon ein bisschen ängstlicher als ich es normalerweise gewesen wäre, weil gerade durch eine Chemotherapie das Immunsystem heruntergefahren wird. Die Krebs-Erkrankung war genug und eine Corona-Erkrankung hätte dann für mich auch sehr übel ausgehen können.

Zitat: Schwester Beate Brandt

Frage: Bei Ihnen hat es ja noch einen speziellen Hintergrund. Sie haben es vorhin schon anklingen lassen. Sie waren letztes Jahr erkrankt. Sie haben eine Krebserkrankung gehabt – und das ausgerechnet während der Pandemie, als stünde es nicht eh schon schlecht um das Immunsystem, wenn der Körper dann gegen Krebszellen ankämpfen muss. Sie haben es gemeistert. Wie hat sich das für Sie angefühlt?

Schwester Beate: Die Erkrankung trat auf, bevor die Pandemie in Deutschland angekommen ist. Ich bin also im Grunde mit der Krankheit und der Pandemie dann zusammen ein Stückchen gegangen. Im Grunde war ich erst einmal traurig, dass dann vieles für mich wegfallen würde. Es war dann klar, ich wäre mit Kursen auf Klassenfahrt oder Kursfahrt gegangen. Ich hatte eine Karte für Oberammergau, für die Passionsspiele, die letztes Jahr hätten sein sollen. Als dann klar war, das findet auch sowieso alles nicht statt, dachte ich: Dann ist es im Grunde auch egal.

Ich wäre untergetaucht durch die Erkrankung. Es fand jetzt nicht mehr statt. Also hat man das im Grunde gar nicht großartig gemerkt. Gleichwohl war ich natürlich schon auch ein bisschen ängstlicher, als ich es normalerweise gewesen wäre, weil gerade durch eine Chemotherapie das Immunsystem doch heruntergefahren wird und ich mir einfach eine Erkrankung nicht erlauben wollte. Die Krebserkrankung war genug und eine Corona-Erkrankung hätte für mich natürlich auch sehr übel ausgehen können.

Frage: Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen? Vor allem in der Reha werden die Hygienemaßnahmen ja noch stärker gewesen sein: Der Abstand, man ist auf sich allein gestellt – was hat Ihnen geholfen, stark zu sein und gesund zu werden?

Schwester Beate: Während der Erkrankung dachte ich: Ja, das Leben passiert. Ich habe auch überlegt, wie ich mich darauf einstellen kann. Ich wusste ja nicht, wie es mir gehen würde. Ob ich nur in der Ecke liege oder ob ich das Bett nicht verlassen kann oder wie auch immer – aber ich wollte mich möglichst positiv aufstellen. Das ist so eine Sache, die hat mir sehr geholfen. Ich habe mir ein Puzzle besorgt. Ich habe mir Malen-nach-Zahlen besorgt. Ich habe Briefe geschrieben, einfach schöne Sachen. Ich habe anderen Leuten, die auch dann fragen "Was kann man für dich tun?", vorgeschlagen: Schickt mir ein schönes Bild von dem, was ihr macht. Lasst mich teilhaben an euren schönen Sachen und ich kann mich mitfreuen. Das sind so Sachen, die haben mir sehr viel Kraft und vielleicht auch Hoffnung gegeben, dass das Leben trotz allem schön ist.

Frage: Und dann gab es einen Moment, an dem es sogar ein bisschen brenzlig wurde. Aus der Reha wollten Sie wieder zurück ins Kloster, nach Hause. Das ging aber nicht so ohne Weiteres, oder?

Schwester Beate: Corona hatte hier im Haus Einzug gehalten. Ich war in der Reha. Ich war natürlich sehr froh, dass ich dann nicht zu Hause war, weil ich ja nicht weiß, wie mein Immunsystem da schon aufgestellt war. Aber in der Reha durfte ich dann ein paar Tage länger bleiben. Da war ich dann auch ganz froh. Und als die Quarantäne hier im Haus aufgelöst war, bin ich direkt nach Hause gekommen.

Die Augustiner Chorfrauen leben seit 1931 in dem Haus an der Bardelebenstraße in Essen.

Frage: Ich habe das Gefühl, in der Gesellschaft sind durch die Pandemie und die Einschränkungen, die wir seitdem erleben, irgendwie auch die Themen Krankheit und Tod bzw. Sterben noch präsenter geworden. Allerdings ging es mir schon immer so, dass ich das Gefühl hatte, im Kloster als Ordensschwester geht man ein bisschen anders damit um. Vielleicht hat man auch ein näheres Verhältnis zum Tod – viele Ordensgemeinschaften werden ja auch einfach älter. Und anders als oft in den Familien heutzutage lebt man ja mit den Älteren, den Mitschwestern oder Mitbrüdern zusammen. Ist das Verhältnis zum Tod bei Ihnen jetzt noch einmal anders geworden durch die Corona-Pandemie?

Schwester Beate: Nein, das würde ich jetzt nicht sagen. Klar, die Schwestern sind zum Teil relativ alt. Es sind schon viele Schwestern gestorben, seitdem ich hier im Kloster bin. Insofern ist der Tod schon über die Jahre ein ständiger Begleiter und ich persönlich mache mir auch viele Gedanken über den Tod, von "Ja, ich bin total gespannt, was da kommen wird" bis "Man weiß ja doch nicht so genau …". Dass das mit der Pandemie jetzt noch mal verstärkt ist, würde ich bei mir eigentlich nicht sagen.

Frage: Sie haben sich entschieden, als Ordensschwester im Kloster zu leben. Das ist 25 Jahre her. Sie feiern also dieses Jahr Silbernes Professjubiläum ...

Schwester Beate: Wird sich zeigen, ob ich es feiere.

Frage: Genau darauf wollte ich gerade hinaus: Es wäre eigentlich im Herbst …

Schwester Beate: Ja, also mein Professtag ist der 8. September. Man weiß es nicht, ob gefeiert werden kann oder nicht. Ich denke mal, in unserer Schwesterngemeinschaft werden wir sicherlich den Tag begehen – und das ist ja dann auch das Wichtige. Ich durfte vor der Pandemie meinen 50. Geburtstag groß feiern. Das war sehr schön! Ich glaube, dann ist es auch in Ordnung, wenn es nicht eine große Feier werden kann.

Frage: Aber zumindest eine Feier in der Gemeinschaft, ein Gottesdienst womöglich. Dafür wünschen wir Ihnen zumindest alles Gute.
Sie brauchten aber ja nicht allein wegen der Erkrankung Hoffnung und Kraft, um das durchzustehen – natürlich auch für die Klostergemeinschaft in der Zeit der Pandemie. Das macht "mürbe", haben Sie vorhin schon gesagt – und ich glaube, das geht aktuell vielen so. Und nun gibt es eine neue Verordnung von der Bundesregierung, die neue Bundesnotbremse. Was gibt Ihnen da Hoffnung in dieser Zeit?

Schwester Beate: Für mich ist eigentlich immer so ein Wort, das mich begleitet: Na ja, das Leben passiert. Es ist jetzt, wie es ist und ich mache das Beste draus. Und dann gilt es, zu überlegen: Was ist jetzt in dieser Situation das Bestmögliche, was ich daraus ziehen kann? Ich denke, der liebe Gott ist auch an meiner Seite und gemeinsam gehen wir dann die Schritte. Und wenn es sich auch mal zeigt, dass das jetzt doch nicht so gut war, was ich daraus gemacht habe, kann man ja auch mal wieder einen Schritt zurückgehen und einen anderen Weg ausprobieren. Aber eben zu sehen: Ich mache das Beste daraus. Wenn jetzt Ausgangsbeschränkungen kommen und ich nicht einkaufen kann, dann ist das schade. Für manche ist es auch existenzbedrohend. Das sehe ich natürlich auch. Aber ich persönlich kann jetzt damit umgehen.

Von Katharina Geiger