Viele Bücher stehen auf Regalbrettern in einer Bibliothek
Interview mit Religionspädagoge Markus Tomberg zu "Papierklavier"

Jury-Mitglied über Kinder- und Jugendbücher: "Den Himmel offenhalten"

Der Roman "Papierklavier" war für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis vorgeschlagen. Doch die Bischofskonferenz hat sich dagegen entschieden, den Preis zu verleihen. Religionspädagoge Markus Tomberg erklärt im katholisch.de-Interview, was gute Literatur für Kinder und Jugendliche ausmacht.

Von Roland Müller |  Fulda - 27.05.2021

Die Entscheidung der Bischöfe, den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis in diesem Jahr nicht zu vergeben, hat für öffentliches Aufsehen gesorgt. Warum er den vorgeschlagenen Roman "Papierklavier" für preiswürdig hält, erklärt der Fuldaer Religionspädagoge Markus Tomberg im Interview mit katholisch.de. Das Mitglied der Preisjury spricht zudem darüber, was gute "katholische" Kinder- und Jugendbücher ausmacht.

Frage: Herr Tomberg, der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz hat entschieden, dem Votum der Jury des Katholischen Kinder- und Jugendpreises für den Roman "Papierklavier" nicht zu folgen. Warum hätte das Buch aus Ihrer Sicht den Preis verdient?

Tomberg: Das Buch ist preiswürdig, weil es ein Thema behandelt, das für Christinnen und Christen sehr relevant ist: Es geht um den Tod und die Frage, was nach ihm passiert; es beschäftigt sich also mit Transzendenz.

Frage: Wie kommen diese Themen im Roman vor?

Tomberg: "Papierklavier" ist in Tagebuchform verfasst. Die Hauptperson Maia beginnt zu schreiben, nachdem die Nachbarin Oma Sieglinde gestorben ist, eine wohlhabende ältere Dame. Diese Frau hatte sich um Maias Familie gekümmert, eine alleinerziehende Mutter mit drei Töchtern von verschiedenen Vätern. Maia hat eine intensive Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester Heidi, da sie sich besonders um sie kümmert. Ihr muss sie den Tod der Oma erklären und macht sich dadurch auch selbst klar, was passiert ist. Sie spielt in ihrem Tagebuch verschiedene Themen durch: Es geht mit dem Himmel los, der als eine ganz normale Option dargestellt wird. Es kommt sehr selten in Jugendbüchern vor, dass so explizit über den Himmel gesprochen wird. Außerdem wird in dem Roman erzählt, dass die Leiche der Oma von Würmern zerfressen wird. Aber die Oma lebt zugleich in Maias Vorstellung dennoch weiter. Dort macht sie sich über den Tod sogar ein Stück weit lustig. Am Ende zeigt Oma Sieglinde, dass sie eine tiefe Beziehung zu Maias Familie gehabt hat und auch weiterhin für sie da ist: Sie vererbt ihr die Rechte an einem Musikstück und ist dadurch einerseits virtuell durch die Musik und andererseits finanziell durch die Tantiemen der Familie über den Tod hinaus verbunden. Es ist klar, dass es hier um Transzendenz geht, mit einer klaren Option auf ein personales Fortexistieren im Himmel. Das ist eine Aussage, die nach den Kriterien gut zum Preis passt. 

Frage: Wird in dem Buch auch explizit von christlichen Vorstellungen gesprochen oder auf Gott verwiesen?

Tomberg: Es kommen explizite Anspielungen auf das Christentum vor, so wird der Papstsegen "Urbi et Orbi" angesprochen. Das wundert mich etwas, ist aber schon das zweite Jugendbuch in kurzer Zeit, das ich kenne, in dem das vorkommt. Es gibt zwar keine trinitarische Gottesvorstellung in dem Buch, wohl aber viele Verweise darauf, dass es um ein Jenseits geht. Maia selbst interpretiert ihren Namen zudem als göttlich. In der Tat wurde dieser Name für eine altitalische Göttin verwendet, die Mutter des Hermes. Maia war eine Fruchtbarkeitsgöttin, die viel mit dem Monat Mai zu tun hat. Es gibt sogar eine Traditionslinie, die bis in den katholischen Marienmonat hineinführt. Maia stellt sich übrigens auch selbst als jungfräuliches Mädchen dar, das sich gegenüber Heidi sehr mütterlich verhält. Das ist eine weitere christliche Anspielungslinie, die in dem Buch steckt. Man könnte vielleicht sogar sagen: Papierklavier hat so auch etwas von einem modernen Marienroman.

Markus Tomberg aus Fulda

Markus Tomberg ist seit 2012 Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät Fulda.

Frage: Fallen Ihnen weitere Punkte ein?

Tomberg: Es gibt einen Erzählstrang, der etwas an das vieldiskutierte Transgender-Thema andockt: Im Tagebuch von Maia treten viele weitere Personen auf, denn Maia reflektiert darin über Begegnungen mit ihren Freunden und weiteren Menschen. Dort kommt eben auch eine Transgender-Person vor und eine weitere Person, die zumindest auf der verbalen Ebene ein sehr promiskes Leben führt. Das ist etwas, das Maia nur beobachtet. Sie nimmt leicht distanziert zu dem promisken Lebensstil Stellung. Bei der Transgender-Person, guckt sie einfach nur und ist mit ihm/ihr befreundet, aber bewertet das Verhalten nicht. Eigentlich ist das die Haltung, die der Katechismus für den Umgang mit Homosexuellen empfiehlt: Diese Personen nicht verurteilen, sondern sie wertschätzen und begleiten. Maia schätzt die Person und verhält sich zu dem, was sie tut, neutral.

Frage: Mich verwundert doch etwas, dass ein Jugendbuch promiskes Verhalten aufgreift…

Tomberg: Es wird nicht ausdrücklich geschildert und bleibt etwas im Unklaren. Ich deute es so, dass diese Person in dem Buch – eine junge Frau Anfang 20 – lediglich damit kokettiert, wechselnde Geschlechtspartner zu haben. Dahinter steht, dass auf diese Weise im Buch sexuelle Bildung vorkommt. So werden etwa die Geschlechtsorgane benannt; das angemessene Sprechen über Sexualität ist etwas, das durch entsprechende Bildung erworben werden muss – das kann auch ein Ziel des Religionsunterrichts sein. Für Generationen, die ohne sexuelle Bildung aufgewachsen sind, mag das verstörend wirken, aber heute wissen wir, dass es eine wichtige Aufgabe der Erziehung ist.

Frage: Welche Kriterien gelten allgemein für ein Kinder- und Jugendbuch, damit es aus christlicher oder katholischer Sicht ein gutes Buch ist?

Tomberg: Die Statuten des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises nennen etwa die Verdeutlichung einer christlichen Lebenshaltung. In der Jury haben wir in der Vergangenheit intensiv über diese Frage nachgedacht, denn ein "christliches" Buch an sich gibt es eigentlich nicht. Wenn es das jemals für Kinder und Jugendliche gegeben haben sollte, denken viele an die Bücher zum Beispiel von Willi Fährmann oder Lene Mayer-Skumanz. Ich halte es mit Kriterien, die mein Augsburger Kollege Georg Langenhorst aufgestellt hat, um Literatur zu beschreiben, die religiös anschlussfähig ist, ohne ausdrücklich religiös zu sein. Zum einen ist das die Textspiegelung, also die Verwendung von Motiven, die auch in der religiösen Tradition vorkommen. Bei "Papierklavier" wäre das der Umgang mit dem Tod, oder eine kurze Passage im Buch, in der sich Maia an Oma Sieglinde erinnert, die beim Bäcker den Brotduft schnuppert und dabei über den Tod lacht. Darin kann man eine Anspielung auf die Eucharistie sehen. Zum anderen ist Sprachsensibilisierung ein wichtiges Kriterium, also etwa unterschiedliche Worte für den Tod zu lernen, um besser damit umgehen zu können. Weiter nennt Langenhorst Erfahrungserweiterung, also die Teilhabe an fremden Erfahrungen. Wer etwa über das Gebet in einem Roman liest, schaut einer Person beim Beten sozusagen über die Schulter. Außerdem erschließt Literatur die Wirklichkeit: "Papierklavier" zeigt zum Beispiel, wie Jugendliche heute leben, auch in prekären Verhältnissen. Schließlich gibt es das Kriterium der Möglichkeitsandeutung, also etwas zu lernen, das in meinem Leben nicht direkt vorkommt, aber in fremden Lebensumständen einen Platz hat.

Ein Mädchen liest

Frage: Gibt es denn heute noch klassisch katholische Kinder- und Jugendbücher?

Tomberg: Vor etwas 25 Jahren gab es auf diesem Feld eine Veränderung. Ein Beispiel für ein solches klassisches Buch ist "Der Hund mit dem gelben Herzen" von Jutta Richter. Darin geht es letztlich um eine Schöpfungsgeschichte, in der ein Erfinder namens G. Ott vorkommt, der für den christlichen Gott stehen kann. Diese Deutung ergibt sich in der Geschichte, drängt sich aber nicht auf und könnte auch anders ausfallen. Es gibt diese Bücher auch heute noch, aber sie verstehen sich nicht dezidiert als christliche Literatur, sondern das spannende daran ist, dass es Kinder- und Jugendbücher sind, die nicht mehr in "katholischen" Verlagen erscheinen, sondern in Publikumsverlagen. Sie erreichen eine Leserschaft weit über die Grenzen von Kirche und Katechese hinaus und sind oft wirtschaftlich erfolgreich, da sie ganz offensichtlich gelesen werden. Sie sind für den Markt geschrieben und nicht für die katholische Nische. Aber als der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis gegründet wurde, hatten die prämierten Bücher in den ersten Jahren noch einen etwas frommeren Ton. Das gibt es so heute nicht mehr. 

Frage: Es gibt ja nun einen alternativen Christlichen Kinder- und Jugendbuchpreis, der sich im Internet gegründet hat. Wie stehen Sie dazu?

Tomberg: Ich finde diese Entwicklung sehr spannend, denn sie erinnert an eine Graswurzelbewegung. Das ist etwas, das während Corona an vielen Stellen entsteht: Menschen nehmen ihre Religiosität selbst in die Hand. Aus der traditionellen kirchlichen Sicht ist das sicherlich ungewohnt. Wie sich dieser alternative Preis letztlich entwickelt, wird die Zeit zeigen.

Frage: Wie geht es mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis weiter?

Tomberg: Die neue Preisrunde für die Ausschreibung im kommenden Jahr hat bereits begonnen. Ich habe schon die ersten Bücher gelesen und bin total begeistert: Es sind auf jeden Fall Bücher dabei, die preiswürdig sind. Und ich hoffe darauf, dass im kommenden Jahr nach Corona wieder eine feierliche Preisverleihung stattfinden kann. Parallel haben wir uns in der Jury über die Preiskriterien ausgetauscht, weil wir gemerkt haben, dass sich die eingereichten Bücher verändern. Die Kriterien des Preises, die etwa 20 Jahre alt sind, erscheinen angesichts dieser Entwicklung nicht mehr ganz angemessen. Wir würden die Kriterien gern etwas moderner fassen, damit sie zum Buchmarkt passen, aber auch das kirchliche Anliegen wachhalten. Die preiswürdigen Bücher sollen aus meiner Sicht Transzendenz thematisieren, also den Himmel offenhalten. Uns ist besonders wichtig, dass die Kirche durch den Preis anfängt zu lernen, wie Jugendliche heute ticken. Der Preis soll keine Einbahnstraße sein, sondern eine Wechselbeziehung zwischen Kirche und Gesellschaft ausdrücken.

Von Roland Müller