Drei neue Gotteslöber liegen übereinander gestapelt auf der Kirchenbank.
Hinter den Masken erschallen zaghaft die ersten Töne

Die langsame Rückkehr des Gemeindegesangs

In den vergangenen Monaten durften Gottesdienstbesucher wegen der Corona-Pandemie der Musik nur lauschen. Nun kehrt der Gesang der Gemeinden in die Kirchen zurück – doch das Singen müssen sie erst wieder lernen.

Von Annika Schmitz (KNA) |  Bonn/Passau - 19.06.2021

Still ist es seit Corona in den Kirchen geworden. Handelt es sich nun um diese Gemeinde, die die Klassiker aus dem Gotteslob nur so durch den Sakralbau schmettert oder aber um jenes Kirchenvolk, das die Nasen eher verschämt in das Gesangbuch steckt – Aerosole bleiben Aerosole. Und die werden beim Singen vermehrt gebildet und fliegen gerne weit, wie verschiedene Studien belegen. Für den Gemeindegesang bedeutete das zunächst einmal das Aus. Nun kehrt er nach über einem Jahr langsam wieder zurück.

Für den Präsidenten des Allgemeinen Cäcilien-Verbandes (ACV), Marius Schwemmer, eine gute Nachricht – auch wenn die ersten Reaktionen zwiegespalten waren. "Da war einerseits große Freude, dass wieder gesungen werden kann", sagt der Passauer Diözesankirchenmusikdirektor. Manche Gemeindemitglieder hätten wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr jedoch auch Bedenken.

Am Anfang der Pandemie haben die Leute bewusster zugehört"

Statt selber zu singen, mussten die Kirchenbesucher in der Corona-Zeit das Zuhören lernen. "Am Anfang der Pandemie haben die Leute bewusster zugehört", resümiert Schwemmer. Von null auf hundert kann in den Gottesdiensten deshalb nicht gefahren werden. Die Kirchenmusiker führten die Gläubigen schrittweise wieder an den Gesang heran – zum Beispiel über Kehrverse im Wechsel mit dem Kantor. "Die Leute müssen erst wieder spüren, dass sie singen dürfen."

Wer aber wo und ab welcher Inzidenz mit oder ohne Maske singen darf, regeln die Corona-Schutzverordnungen der Länder. So greift im Bistum Passau die aktuelle Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung von Anfang Juni. Und nach der dürfen bei einer 7-Tages-Inzidenz unter 100 die Stimmen wieder erklingen. Im geschlossenen Raum muss die Maske dabei jedoch Mund und Nase bedecken. In Rheinland-Pfalz hingegen darf im Gottesdienst nur singen, wer an der frischen Luft ist. Und in Nordrhein-Westfalen muss innerhalb eines geschlossenen Raums bei der Vokalmusik ein Abstand von zwei Metern zwischen den Singenden herrschen. Kompliziert bleibt es für jene Bistümer, deren Gebiete sich über mehrere Bundesländer erstrecken. Betroffen ist davon zum Beispiel das Erzbistum Berlin – dort gelten, je nach Ort, die Verordnungen von Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt.

Mitglieder eines Chors singen mit Abstand und versetzt zueinander während der Videoaufzeichnung eines ökumenischen Gottesdienstes in der Liebfrauenkirche in Koblenz am 28. Mai 2020 für die Ausstrahlung an Pfingstmontag.

Für den Kölner Erzdiözesankirchenmusikdirektor Richard Mailänder ist es höchste Zeit, dass wieder Töne aus den Kehlen der Gottesdienstbesucher erschallen – trotz allem Verständnis für die Schutzmaßnahmen: "Wir sind nicht nur froh, dass wir wieder singen können – es ist eigentlich die Voraussetzung für eine wirkliche Teilnahme am Gottesdienst." Dinge wie die Musik, die normalerweise unabdingbar für die Liturgie seien, wurden durch die Pandemie doch abdingbar gemacht. "Ich hoffe sehr, dass das bei einigen nicht zu der Haltung führt: Ist doch eh egal, ob die Gemeinde singt oder nicht." Durch das Singen entstehe ein emotionaler Raum, den Sprache allein nicht schaffen könne, so Mailänder. "Und das gehört zum Menschsein dazu." Gesang gebe insbesondere an hohen Festen aber auch bei Trauerfällen und Beerdigungen "der Seele Ausdruck".

Laut ACV-Präsident Schwemmer sind viele Gemeinden in der Corona-Zeit kreativ geworden und haben zum Beispiel kleine Ensembles gebildet. Für ihn eine Entwicklung mit Zukunft: "Ich sehe diese vielen kleinen Formen nicht als Notlösungen, sondern sie haben ganz viel Potenzial." Die erweiterten Kantorendienste und Kammermusik sollten beibehalten werden – ohne dabei die Gemeinden und Chöre aus dem Blick zu verlieren.

Sind die Kirchenchöre zum Erliegen gekommen?

Die Situation Letzterer stellt sich durchaus schwierig dar. Im vergangenen Jahr seien viele Verabschiedungsurkunden ausgeteilt worden, so Schwemmer. Er glaube jedoch nicht, dass alle Kirchenchöre zum Erliegen gekommen seien. Sie hätten sich viel überlegt, um Proben und Gemeinschaft auch während des Lockdowns aufrechtzuerhalten. "Wir arbeiten jetzt sehr hin auf einen Neustart der Chöre."

Auch Mailänder betont, dass sich seine Befürchtung aus dem vergangenen Jahr nicht bewahrheitet habe. Weitaus weniger Chormitglieder als gedacht seien ausgetreten. Trotzdem – eineinhalb Jahre seien insbesondere für Kinder eine lange Zeit. Viele Kollegen hätten sehr gute Chorschulen aufgebaut und sähen nun ihr Lebenswerk schwinden.

Von Annika Schmitz (KNA)