Erzbischof Koch: Die Rücktrittsfrage lässt mich nicht los
Er habe vor einem solchen Schritt hohen Respekt

Erzbischof Koch: Die Rücktrittsfrage lässt mich nicht los

Bisher arbeite er "mit ganzen Kräften daran, dass der Missbrauch im Erzbistum Berlin aufgearbeitet wird und es mit der Prävention hier vorwärts geht", sagt Erzbischof Heiner Koch. Dennoch stelle er fest, dass ihn die Rücktrittsfrage "nicht loslässt".

Berlin - 25.06.2021

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hat in der Debatte um die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche auch über einen Rücktritt nachgedacht. Zur Frage, ob er seit der Vorstellung eines Gutachtens über das Erzbistum Berlin über einen Rücktritt nachgedacht habe, sagte Koch dem "Tagesspiegel" (Freitag): "Ich habe mir diese Frage gestellt." Er habe vor einem solchen Schritt aber hohen Respekt. Bislang arbeite er "mit ganzen Kräften daran, dass der Missbrauch im Erzbistum Berlin aufgearbeitet wird und es mit der Prävention hier vorwärts geht". Dennoch stelle er fest, dass ihn die Rücktrittsfrage "nicht loslässt", sagte der 67-jährige Theologe.

Auf die Frage, ob die deutschen Bischöfe, ähnlich wie die chilenische Bischofskonferenz, gemeinsam ihren Rücktritt anbieten sollten, sagte Koch: "Ich hätte gern über die persönlichen Entscheidungen, die jetzt für die einzelnen Bischöfe anstehen, auch einmal in der Gemeinschaft der Bischöfe gesprochen." Er glaube aber, dass es unter Deutschlands Bischöfen unterschiedliche Positionen in der Frage gebe, was jetzt zu tun sei. "Da ist es ehrlicher, wenn jeder für sich eine Entscheidung trifft, wie es weitergeht."

"Ich bemühe mich, zu handeln, so gut ich kann"

Mit Blick auf sein eigenes Handeln sagte der Erzbischof: "Ich bemühe mich, zu handeln, so gut ich kann. Ich sehe aber, dass ich an meine Grenzen komme." Er sei froh, dass er ein ganzes Team von Fachleuten für Hilfsangebote, Prävention und Intervention, aber auch in juristischen Fragen an der Seite habe. "Die Missbrauchs- und Interventionsbeauftragten, vor allem aber die Begegnungen mit den Betroffenen sind für mich von enormer Bedeutung, denn als Erzbischof habe ich immer nur eine eingeschränkte Perspektive."

Das Erzbistum wolle in Reaktion auf die Missbrauchsfälle Arbeitsabläufe verändern, von der Aktenführung bis zur Kommunikation, und die Prävention ausbauen. "Und wir werden das Thema im Gespräch halten. Es macht mir große Sorgen, wenn ich höre, dass man in den Gemeinden oft nicht darüber redet, weil es natürlich ein belastendes Thema ist", sagte Koch. "Das Thema darf nicht wieder in der Tabuzone landen."

Das Erzbistum Berlin hatte am vergangenen Freitag den bisher unveröffentlichten Teil seines Gutachtens über Missbrauch durch Geistliche ins Internet gestellt. Die Autoren beschreiben darin 61 Fälle und benennen dabei die aus ihrer Sicht gemachten Fehler im Umgang mit den Beschuldigten. Im Gegensatz zu jüngsten Missbrauchsgutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) oder des Kölner Büros Gercke Wollschläger bewerten sie aber nicht zusammenfassend das Verhalten der benannten Verantwortungsträger und sprechen auch nicht von "Pflichtverletzungen". Die Kommission des Erzbistums Berlin zur Auswertung von dessen Missbrauchsgutachten stellte ihre Arbeit in dieser Woche vorerst ein. Die Anwaltskanzlei Redeker Sellner Dahs habe die in ihrem Gutachten behandelten Fälle "nicht ausreichend bearbeitet", hieß es zur Begründung. (tmg/KNA)