Experten stellen Kirche in Italien vernichtendes Zeugnis aus
Italienische Bischöfe offen für Neufassung von Homophobie-Gesetz

Experten stellen Kirche in Italien vernichtendes Zeugnis aus

Die katholische Kirche in Italien sei "eine Kirche, die rede, ohne von Bedeutung zu sein, und die handele, ohne etwas auszusagen", heißt es in einer Analyse. Italiens Bischöfe äußerten sich indes noch einmal zum geplanten Anti-Homophobie-Gesetz.

Rom - 09.07.2021

Italienische Sozialwissenschaftler stellen der Kirche des Landes nach der Pandemie ein vernichtendes Zeugnis aus. In ihrer Analyse "Die verschwundene Herde" präsentieren die Autoren um den Soziologen Giuseppe Di Rita Zahlen und Aussagen, wie Menschen im Land die katholische Kirche derzeit wahrnehmen. Demnach vermisste nur jeder vierte praktizierende Katholik im Lockdown die Möglichkeit zur Messe zu gehen.

Nach Ansicht von 40 Prozent der Befragten, bei Katholiken 50 Prozent, hat die Kirche behördliche Vorgaben in der Pandemie unkritisch hingenommen. Rund zwei Drittel der praktizierenden Gläubigen sehen die Kirche in einer Krise; für gut 40 Prozent stellt sie sich nicht wirklich aktuellen Herausforderungen. Die Hälfte der praktizierenden Katholiken ist der Meinung, Pfarrer wüssten immer weniger, wie die soziale Lage in ihren Gemeinden tatsächlich aussieht.

Der Gruppe, die sich "Essere qui" (Anwesend sein) nennt, gehören neben Di Rita ehemalige Politiker wie Romano Prodi, Gennaro Acquaviva und Renato Balduzzi oder auch der Gründer von Sant'Egidio, Andrea Riccardi, an. Ihre Analysen präsentieren sie in einem gut 150 Seiten starken, jüngst vorgelegten Buch: "Die verschwundene Herde. Kirche und Gesellschaft im Jahr der Pandemie".

Eine Kirche, die redet, ohne von Bedeutung zu sein

Der Verlust des gesellschaftspolitischen Standbeins habe "die katholische Kultur mehr geschwächt, als dass er sie eigenständig gemacht hat", urteilen die Autoren. Zwar gebe es weiterhin zahlreiche soziale und karitative Aktivitäten im Katholizismus, diesen fehle aber eine gemeinsame Stimme und Vertretung, beklagt die Gruppe. Das Ergebnis sei "eine Kirche, die rede, ohne von Bedeutung zu sein, und die handele, ohne etwas auszusagen".

In einem Kommentar zu der vorgelegten Analyse für den "Corriere della Sera" (Donnerstag) erinnert der Kirchenexperte Luigi Accattoli an Mahnungen des Papstes. Unter Anspielung auf ein Gleichnis Jesu hält Franziskus kirchlichen Hirten immer wieder vor, in den Gottesdiensten hätten sie es nur noch mit einem Schaf zu tun. Stattdessen sollten sie aus der Kirche hinausgehen und die 99 anderen suchen.

"Fundamentalistische Reaktionen", etwa in Form eines Rückzugs oder einer Verbarrikadierung der Kirche hinter traditionellen Formen und Aussagen, lehnen die Autoren der Studie ab: "So wird man marginalisiert und verliert den konstruktiven Dialog mit der übrigen Gesellschaft." Stattdessen müsse die Kirche eine stärker prophetische Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Denn trotz ihrer Schwächung biete sie immer noch die meisten Möglichkeiten für menschliche Beziehungen. Das sei es, was Italien derzeit mehr denn je brauche.

Kardinal Gualtiero Bassetti, Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Perugia-Citta della Pieve (Italien).

Kardinal Gualtiero Bassetti, Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Perugia-Citta della Pieve (Italien).

Unterdessen zeigte sich der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Gualtiero Bassetti, offen für eine Neuformulierung des geplanten Anti-Homophobie-Gesetzes in Italien. Die per Verbalnote geäußerten Bedenken des Vatikan bezögen sich auf Interpretationsspielräume im bisherigen Gesetzestext, die auch die freie Äußerung ethischer und religiöser Überzeugungen unter Strafe stellen könnten, sagte Bassetti im Gespräch mit der Zeitung "La Repubblica" (Freitag).

Die Lehrmeinung des Papstes sei sehr klar: Homosexuelle sollten mit Respekt, Mit- und Feingefühl aufgenommen werden - ohne ungerechte Diskriminierung. Es sei aber zugleich eine gute diplomatische Praxis, Verbalnoten auszutauschen, und der Heilige Stuhl habe in ruhigem Ton auf einige kritische Punkte im Text des Gesetzentwurfes hingewiesen, ohne je den säkularen Staat infrage zu stellen, erläuterte Bassetti. Er hoffe, dass die vom Papst angestoßene Weltsynode die Stimme der Christen in der Gesellschaft wieder deutlicher hörbar mache.

Anfang des Monats war eine Verbalnote des vatikanischen Staatssekretariats an die Medien gelangt. In dem Schreiben an die italienische Botschaft beim Heiligen Stuhl heißt es, die Freiheitsrechte der katholischen Kirche würden durch "einige Inhalte des aktuellen Gesetzentwurfs" unzulässig eingeschränkt. Ein Inkrafttreten könnte demnach einen Verstoß gegen den Staatskirchenvertrag von 1984 darstellen. "Wir bitten darum, dass unsere Bedenken berücksichtigt werden", so der Wortlaut der Note. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hatte betont, mit der Note sollten Bedenken geäußert werden. Keineswegs habe es sich um eine Blockade gehandelt.

Nationaler Aktionstag gegen Homophobie

Konkret geht es etwa darum, dass katholische Schulen verpflichtet werden könnten, sich an einem nationalen Aktionstag "gegen Homophobie, Lesbophobie, Biphobie und Transphobie" zu beteiligen. Die Italienische Bischofskonferenz stört sich zudem an Formulierungen zur "Gender-Identität", die im Gesetzentwurf viel Raum einnimmt.

Das nach dem Initiator Alessandro Zan (Partito Democratico) benannte Gesetzesvorhaben soll Homo-, Bi- und Transsexuelle unter besonderen Schutz stellen. Seit der Text im November - noch unter der Mitte-Links-Regierung von Giuseppe Conte - die Abgeordnetenkammer passierte, ist das Projekt ins Stocken geraten. Unter der neuen, fraktionsübergreifenden Regierung Mario Draghis hängt der Entwurf im Senat fest.

Während Politiker von Lega und Forza Italia die Vorbehalte des Vatikan teilen, kam von anderen Seiten teils harsche Kritik an der vatikanischen Verbalnote. Auch Ministerpräsident Mario Draghi bekräftigte: "Wir sind ein säkularer, kein konfessioneller Staat." (tmg/KNA)