Zerstörung nach dem Hochwasser in Erftstadt
Gregor Hergarten koordiniert Seelsorger im Hochwasser-Gebiet Erftstadt

Notfallseelsorger: Die Unsicherheit der Menschen ist das Schlimmste

"Das hier übersteigt die normale Arbeit total", sagt Notfallseelsorger Gregor Hergarten. Der Diakon koordiniert die Seelsorger im vom Hochwasser betroffenen Erftstadt. Im katholisch.de-Interview spricht er über die Situation vor Ort und wie Seelsorger dort helfen können.

Von Christoph Brüwer |  Erftstadt - 21.07.2021

Seelsorger aus dem Rhein-Erft-Kreis, aus Köln und aus anderen Regionen wie dem Oberbergischen Kreis, Neuss oder Düsseldorf sind derzeit in Erftstadt im Einsatz, um Rettungskräfte und die Menschen zu betreuen, die wegen der Hochwasserschäden derzeit nicht in ihre Häuser können – weil es diese zum Teil nicht mehr gibt. Von der Feuerwache in Erftstadt aus koordiniert Diakon Gregor Hergarten den Einsatz der Seelsorger. Eine vergleichbare Situation habe er in seiner Arbeit als Seelsorger noch nicht erlebt, sagt er im Interview.  

Frage: Herr Hergarten, wie sieht die Lage aktuell in Erftstadt aus?

Hergarten: Wir warten darauf, die Rückführung in den Ortsteil Blessem zu begleiten. Da gibt es aber zeitlich noch keinen Ansatz. Es gibt Betreuungplätze, wo Evakuierte aus Blessem untergebracht sind. Wir haben bei der Evakuierung eines Altenheims unterstützt, wir haben immer wieder einzelne Personen, die nicht mehr wissen, wie es weitergeht, die wir dann eben auch in einer Einzelseelsorge begleiten.

Frage: Die Notfallseelsorger betreuen aktuell also vor allem Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben?

Hergarten: Genau. Verstorbene gibt es offiziell noch nicht. Es geht im Moment vor allem um den Verlust von Hab und Gut, aber auch von Wohnungen oder Häusern. Die Menschen hier stehen vor dem Nichts oder meinen vor dem Nichts zu stehen. Das ist noch völlig unklar, weil sie natürlich gerne ihre Häuser in Augenschein nehmen würden, das geht aber noch nicht, weil wir warten müssen, dass geprüft wird, ob dieser Ort so sicher ist, dass man das tun kann. Diese Unsicherheit ist für viele Menschen das schlimmste. Immer wieder kommen Betroffene zu den Absperrungen, wo die Polizei und das Ordnungsamt stehen, um Informationen zu bekommen, wann sie wieder in ihre Häuser können, damit sie mit eigenen Augen sehen können, was Sache ist.

Bistümer leisten weiter Soforthilfe in Hochwasser-Krise

Die kirchliche Hilfsbereitschaft für die Betroffenen der Flutkatastrophe in mehreren Regionen Deutschlands ist nach wie vor ungebrochen: Erneut stellten mehrere Bistümer Soforthilfen zur Verfügung. Daneben riefen Bischöfe weiterhin zu Spenden auf.

Frage: Was können Sie den Menschen mit auf den Weg geben?

Hergarten: Die Menschen erzählen viel von ihrer Situation und es geht vor allem darum, ihnen zuzuhören. Eine Hoffnungsperspektive, wie es weitergeht, können wir nicht vermitteln. Dazu gibt es noch zu viele unbekannte Faktoren. Wir werden aber auch weitergehende Begleitung durch die katholischen und evangelischen Seelsorger anbieten.

Frage: Welche Angebote können Sie jenseits der Seelsorgegespräche machen?

Hergarten: Wir haben im Moment noch keinen Gebets- oder Andachtsraum eingerichtet. Mit Blessem ist der am stärksten betroffene Ort, wo das sinnvoll wäre, komplett abgesperrt. Im gegenüberliegenden Ortsteil Liblar ist aber die Kirche St. Alban durgehend geöffnet, sodass Menschen dorthin kommen können. Gottesdienste hat es am Wochenende auch gegeben. Da waren wir aber noch in einer totalen Chaosphase, deswegen weiß ich nicht, wie viele das tatsächlich angenommen haben.

Frage: Wie begleiten Sie die Rettungskräfte, die in Erftstadt im Einsatz sind?

Hergarten: Wir arbeiten mit der psychosozialen Unterstützung zusammen. Das sind Menschen, die in der Regel aus der Feuerwehr kommen, eine entsprechende Ausbildung haben und dafür da sind, Einsatzkräfte nach belastenden Einsätzen nachzubetreuen. Es gibt aber auch Gespräche, bei denen Seelsorger mit dabei sind.

Überflutungen im Rhein-Erft-Kreis

Der Erftstädter Stadtteil Blessem wurde besonders stark vom Hochwasser getroffen. Durch die Wassermassen kam es zu Erdrutschen. Ganze Häuserreihen wurden weggespült.

Frage: Was macht die Situation mit den Rettungskräften vor Ort?

Hergarten: Das ist sehr belastend. Bis jetzt haben sie ja viele Menschen retten können. Aber es kommen natürlich die Fragen auf, was gewesen wäre, wenn sie nicht rechtzeitig dagewesen wären. Oder wenn die Umstände so gewesen wären, dass man jemanden nicht hätte retten können. Gerade in der Anfangsphase gab es viele Einsätze, wo die Helfer selbst gefährdet waren. Das merkt man im Einsatz selbst oft gar nicht, aber wenn er vorbei ist und man ein bisschen runterkommt. Dann ist es gut, ein Nachgespräch zu machen, damit man selbst weiß, was einen in den nächsten Tagen erwarten kann, aber auch um die Gruppe zu sensibilisieren, dass alle aufeinander achten.

Frage: Wie schaffen Sie es persönlich, mit der Situation umzugehen?

Hergarten: Ich finde das total schrecklich. Ich überlege mir dann schon mal: Was würdest du in dieser Situation tun, wenn du nicht Notfallseelsorger wärst, sondern einfach ein Betroffener, der evakuiert wurde und irgendwo sitzt? Ich würde wahrscheinlich genauso reagieren wie die Leute, die erstmal nach Hause wollen, um dieses Zuhause, egal wie es aussieht, auch zu sehen. Außerdem sprechen wir hier auf der Feuerwache über unsere Gedanken und Gefühle.

Frage: Sie sind Koordinator für Notfallseelsorge im Rhein-Erft-Kreis. Ist das auch für Sie eine Ausnahmesituation?

Hergarten: So eine Situation wie hier habe ich in der Notfallseelsorge im Rhein-Erft-Kreis noch nicht erlebt. Wir wissen auch überhaupt noch nicht, wie lange das dauern wird. Im normalen Notfallseelsorgeeinsatz betreuen wir eine Person vielfach eins zu eins oder zusammen mit ihren Angehörigen. Wenn wir dann wieder gehen, informieren wir die Ortsgemeinde und wenn Nachfragen sind, unterstützen wir gegebenenfalls beim Finden weiterer Hilfsangebote. Aber das hier übersteigt die normale Arbeit total.

Von Christoph Brüwer