Theologe Bogner: Aussagen Benedikts XVI. "bestenfalls naiv"
Emeritierter Papst hatte Kirche in Deutschland kritisiert

Theologe Bogner: Aussagen Benedikts XVI. "bestenfalls naiv"

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. wünscht sich bei kirchlichen Akteuren weniger Amtsbewusstsein und mehr persönliches Glaubenszeugnis. "Bestenfalls naiv" sei das, kritisiert der Ethiker Daniel Bogner. Er vermisst einen Blick auf das System Kirche.

Freiburg - 27.07.2021

Der Theologe Daniel Bogner hält die Aussagen des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zur Amtskirche für "bestenfalls naiv". Benedikts Kommentar ignoriere vollständig, "dass man als Geweihter in der Katholischen Kirche mit ihrer monarchischen Kirchenverfassung eben nicht einfach nur Geistlicher sein kann", so der Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg in der Schweiz gegenüber der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Vielmehr bestätige ein geweihter Amtsträger "immer auch eine ständegesellschaftliche und geschlechterdiskriminierende Grundordnung", unabhängig davon, "ob der einzelne Amtsträger das nun persönlich beabsichtigt oder nicht".

Die institutionelle Architektur der Kirche übe "ein Gewicht aus, das nicht so unschuldig vom persönlichen Handeln der Amtsträger getrennt werden kann, wie Ratzinger es tut", ergänzte Bogner. Wenn der ehemals höchste Amtsträger der katholischen Kirche "mit einer solchen Schlagseite vom Weiheamt redet, ist das bestenfalls naiv".

Vorwürfe des emeritierten Papstes an Kirche in Deutschland

Benedikt XVI. hatte gegenüber der "Herder Korrespondenz" am Montag ein aus seiner Sicht mangelhaftes Glaubenszeugnis kirchlicher Akteure in Deutschland beklagt. Leider sei es inzwischen so, dass die offiziellen Texte der Kirche in Deutschland weitgehend von Leuten geformt würden, für die der Glaube nur amtlich sei. "In diesem Sinn muss ich zugeben, dass für einen Großteil kirchenamtlicher Texte in Deutschland in der Tat das Wort Amtskirche zutrifft", so der emeritierte Papst. Solange bei kirchenamtlichen Texten nur das Amt, aber nicht das Herz und der Geist sprächen, so lange werde der Auszug aus der Welt des Glaubens anhalten. "Deswegen schien es mir damals wie heute wichtig, die Person aus der Deckung des Amts herauszuholen und ein wirkliches persönliches Glaubenszeugnis von den Sprechern der Kirche zu erwarten."

Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" nannte es in einer Mitteilung am Montag "verstörend", dass der 94-Jährige mit seiner Wortmeldung "zum wiederholten Male sein Wort bricht, 'verborgen vor der Welt zu leben', das er bei seinem Rücktritt gegeben hatte". Auch, wenn es in dem Gespräch vor allem um seine kurze Zeit als Seelsorger in München gegangen war, sei doch die Gefahr groß, dass "konservative Kräfte in der katholischen Kirche dies auch als Festhalten am Priesterbild der damaligen Zeit lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) deuten".

Wenn er konkret "die Amtskirche" kritisiere, meine er wohl "in erster Linie die Kollegen Bischöfe in Deutschland", die sich seiner Meinung nach bei der Würzburger Synode oder dem Synodalen Weg "von Laien im wahrsten Sinn des Wortes etwas 'vorschreiben' lassen". Für die derzeit vorhandene Distanzierung vieler Menschen vom kirchlichen Leben sei "gerade auch das konkrete Fehlverhalten der Amtsträger verantwortlich zu machen". (cph)